Türkischer 5-Lira-Schein und verschiedene Münzen

Lira-Verfall und Schuldenkrise Erdogans Angstgegner

von von Bettina Seidl

Stand: 25.05.2018, 14:45 Uhr

Seine politischen Gegner fürchtet der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bei der Wahl Ende Juni wohl weniger. Schließlich kann er die leicht händeln. Nicht aber seinen Angstgegner, die immer schwächere Lira. Die Lira will nicht so wie er will. Sie kann sogar die Wahl beeinflussen.

Der Verfall der türkischen Lira ist nicht zu stoppen. Auch durch die drastische Zinsanhebung vor zwei Tagen nicht. Die türkische Zentralbank hatte am Mittwoch nach einer Krisensitzung den Schlüsselzins von 13,5 auf 16,5 Prozent angehoben. Doch das gab der Währung nur kurz Halt, schnell ging die Talfahrt der Lira weiter. Seit Jahresbeginn hat die türkische Währung 20 Prozent ihres Wertes gegenüber dem Dollar verloren. Das Vertrauen ausländischer Investoren ist dahin.

Für den türkischen Präsidenten ein denkbar schlechtes Szenario für die am 24. Juni anstehenden Parlaments- und Präsidentschaftswahlen, bei denen Erdogan auf eine weiteres Mandat setzt. In den vergangenen Jahren hat er stets beachtliche Teile der Bevölkerung hinter sich bringen können, was auch wesentlich mit der positiven Entwicklung der Wirtschaft zusammen hing. Doch die Währungskrise hat die Karten neu gemischt und könnte den türkischen Machthaber schwächen.

Gewaltige Schieflage in der Türkei

Laut offizieller Zahlen boomt die türkische Wirtschaft zwar. Sie wuchs im vergangenen Jahr um satte 7,4 Prozent trotz großer politischer Spannungen mit wichtigen Handelspartnern wie Deutschland und trotz rückläufiger Einnahmen im Tourismus. Doch viele Ökonomen - türkische wie ausländische - zweifeln daran, dass dies die wirtschaftliche Lage korrekt widerspiegelt.

Eher sieht es nach einer gewaltigen Schieflage aus. Die Inflation ist mit elf Prozent auf einem horrenden Niveau und wird für die Bevölkerung zu einer Last. Die Lira verfällt immer weiter, was die Importe verteuert und die Inflation noch beschleunigt. Die Bürger verlieren dadurch an Wohlstand, wodurch sich Unmut breit macht.

Einfluss auf das Wahlergebnis?

Inzwischen sehen die türkischen Bürger die Lage der Wirtschaft als Problem Nummer 1, stellte das Umfrageinstitut MAK fest. Der Pessimismus zeigt sich auch im Verbrauchervertrauen. Der entsprechende Index für Mai gab gegenüber April um 2,8 Prozentpunkte nach, wie die Statistikbehörde Tüik mitteilte.

Die Regierung spielt das Ganze herunter. Wirtschaftsminister Nihat Zeybekci gab zwar am Mittwoch zu, dass es "unerwünschte Schwankungen" bei der Währung gebe. Doch er versicherte, dass die "zuständigen Institutionen die nötigen Instrumente" hätten, um das Ungleichgewicht zu beenden.

Ökonomen sehen das anders. Laut William Jackson von Capital Economics in London könnte sich der Niedergang der Währung negativ auf das Wahlergebnis Erdogans auswirken. "Für Türken kommt eine schwache Währung einer schwachen Wirtschaft gleich", sagt auch Analyst Atilla Yesilada von Global Source Partners. "Es ist kaum anzunehmen, dass dies nicht Erdogan und seine AKP treffen wird."

Was kann die Lira stärken?

Um den Niedergang der Lira aufzuhalten, empfehlen Analysten weitere Zinsanhebungen. "Wir werden eine weitere Straffung benötigen - und zwar bei dem regulären Zentralbanktreffen am 7. Juni", sagte Inan Demir, Analyst beim Finanzdienstleister Nomura. Es ist aber erstens fraglich, dass die Wirkung eine andere wäre. Und es ist fraglich, ob sie sich noch einmal durchsetzen kann.

Denn Zinserhöhungen sind so gar nicht im Sinne Erdogans. Er befürchtet, höhere Zinsen könnten das Wachstum gefährden. Daher wird er nicht müde, entgegen alle Lehrmeinung zu behaupten, dass man Inflation am besten mit niedrigen Zinsen bekämpft. Zinsen seien "die Mutter allen Übels", sagte Erdogan erst vergangene Woche wieder in einem Interview. Das sorgte für Unruhe an den Finanzmärkten.

Analysten alarmierte vor allem Erdogans Ankündigung, nach der Wahl die Kontrolle über die Geld- und Währungspolitik zu stärken. Für Jameel Ahmad vom Devisenhändler FXTM war dies "der Auslöser" für den jüngsten Kurssturz der Lira.

Türkischer 5-Lira-Schein und verschiedene Münzen

Türkische Lira - eine harte Währung sieht anders aus. | Bildquelle: Imago

Unabhängigkeit stark bedroht

Eigentlich agiert die Zentralbank nämlich - wie bei uns die EZB - unabhängig. Das ist auch wichtig, damit Investoren Vertrauen in das Funktionieren der Märkte haben. Doch es gibt Zweifel, dass die türkische Notenbank noch autonom entscheiden kann.

Die Bedrohung für ihre Unabhängigkeit sei inzwischen so hoch, dass es Händlern selbst zum derzeitigen niedrigen Wert zu riskant erscheine, Lira zu kaufen, so Experte Jameel Ahmad. Im Basar von Istanbul weigerten sich Devisenhändler angesichts des Kurssturzes zeitweise sogar, Dollar zu verkaufen. Die US-Ratingagentur Fitch warnte am Dienstag, "eine explizite Drohung zur Einschränkung der Unabhängigkeit der Zentralbank" erhöhe die Unsicherheit.

Schlecht für die Lira, denn nichts scheuen Investoren so sehr wie Unsicherheit. Erdogan aber braucht das Vertrauen internationaler Investoren, damit das Geld in die Türkei fließt.

Achtung, Pleitewelle!

Durch den Lira-Verfall könnte sich eine noch bedrohlichere Entwicklung anbahnen: eine Welle an Unternehmenspleiten. Hintergrund ist, dass sich türkische Unternehmen in den vergangenen Jahren vielfach in Dollar verschuldet und Kredite in der US-Währung aufgenommen haben. Diese Dollar-Schulden - und die damit verbundenen Zinszahlungen - sind durch den Wertverlust der Lira immer schwerer zu tilgen.

Noch ist diese Last für türkische Unternehmen offenbar zu schultern. Zwar ist ihre Verschuldung immens gestiegen. Sie hat inzwischen einen Umfang von rund 70 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes erreicht, berichtet die "Financial Times". Vor der Regierungszeit Erdogans war das deutlich weniger, im Jahr 2005 lag die Quote bei etwa 20 Prozent. Doch die meisten Unternehmen des Landes machen Gewinne, woraus sie Zins- und Tilgungsdienst bewältigen können.

Wenn aber die Lira weiter an Wert verliert, könnte die Lage kippen. Da auch die strukturellen Probleme weiter ungelöst sind, stuft der Ökonom James Rickards die Türkei als einen möglichen Kandidaten zur Auslösung der nächsten Weltfinanzkrise ein.

(mit Reuters/AFP)