Kassierer einer Bank mit mehreren 200-Lira-Scheinen
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Fitch: Negativer Ausblick Die Türkei wird die Lira-Krise nicht los

Stand: 06.05.2019, 10:31 Uhr

Die Finanzmärkte schlagen Alarm: Die Türkei schlittert wieder tiefer in die Lira-Krise. Die hohe Inflation und der Streit mit den USA geben Anlass zur Sorge. Jetzt meldet sich die Ratingagentur Fitch zu Wort - und was sie zu sagen hat, dürfte in Istanbul nicht gut ankommen.

Glaubt man der Ratingagentur Fitch, ist die Lage ernst: Die Experten haben sich erneut mit der Bonität der Türkei beschäftigt und bestätigen ihr BB-Rating. Das bedeutet, dass es sich bei türkischen Anleihen um ein spekulatives Investment handelt: Sollte sich die Lage verschlechtern, sei mit Ausfällen zu rechnen. Und genau das droht nach Ansicht der Analysten, denn sie halten auch an ihrem negativen Ausblick fest.  

Die Fachleute unterstreichen, dass innenpolitische und geopolitische Risiken das Rating weiterhin belasten könnten. Im laufenden Jahr werde die Wirtschaft um 1,1 Prozent schrumpfen, so die Prognose. Erst für 2020 erwartet Fitch wieder eine wachsende Wirtschaft.

Permanentes Streitpotenzial

Die Investoren sind angesichts der politischen und wirtschaftlichen Lage in der Türkei alarmiert. Unsicherheit und Instabilität missfallen den Akteuren an den Finanzmärkten besonders, da es ein höheres Risiko für die Investitionen bedeuten. Das zeigen die steigenden Renditen für türkische Staatsanleihen, das zeigt aber vor allem auch der Kurs der türkischen Lira, die seit Jahresbeginn kräftig zum Dollar eingebüßt hat.

Recep Tayyip Erdogan

Recep Tayyip Erdogan: Der Präsident möchte US-Flieger und eine russische Flugabwehr. | Bildquelle: picture alliance / abaca

Innenpolitisch hat die Türkei derzeit mit den Nachwehen der Kommunalwahl vom 31. März zu kämpfen. Die Regierung und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan verbuchten einen herben Rückschlag, als sie die beiden Metropolen Istanbul und Ankara an die Opposition verlor. Die Regierungspartei AKP weigert sich, die Niederlage anzuerkennen.

Auch außenpolitisch ist die Liste von Erdogans Problemen stattlich. Mit den USA steckt die Türkei im Dauer-Clinch, unter anderem, weil das Nato-Land gegen US-Widerstand russische Luftabwehrsysteme kaufen will und gleichzeitig amerikanische F-35-Kampfjets einsetzen möchte. Die USA fürchten, dass Russland so an sensible Daten gelangen könnte. Auch gegensätzliche Positionen im Syrienkonflikt und die US-Sanktionen gegen den Iran bieten permanentes Streitpotenzial.

Die Lira-Schwäche hat Konsequenzen

Die Lira befindet sich deshalb derzeit erneut im Sinkflug. Das ist für türkische Unternehmen mit Auslandsschulden eine schlechte Nachricht, da sie den Schuldendienst verteuert. Auch die Lebenshaltungskosten der türkischen Bevölkerung werden durch die schwache Lira nach oben getrieben.

Um dem Anstieg der Lebenshaltungskosten zu begegnen, hatte die Regierung in den Großstädten Ankara und Istanbul städtische Verkaufsstände für Gemüse eingerichtet, in denen Bürger sich zu reduzierten Preisen mit Tomaten, Zwiebeln und Kartoffeln eindecken können.

„Setzt sich der Abwertungstrend der Lira fort, wird sich der Inflationsausblick weiter eintrüben und auch die Belastung durch eine hohe Fremdwährungsverschuldung steigen“, schreibt Commerzbank-Analyst Tatha Ghose.

Inflation bleibt auf hohem Niveau

Die jüngsten Inflationszahlen bieten keine Entwarnung. Die Jahresinflation sank nach aktuellen Daten im April zwar gegenüber dem Vormonat von 19,7 auf 19,5 Prozent - das ist aber noch immer viel zu hoch. Im Oktober 2018 war sie auf einen Rekordwert von 25,2 Prozent geklettert.

Kaffeetasse steht in einem Sack mit Kaffeebohnen Audio

Ihr Kaffee und die Türkische Lira

Die türkische Notenbank, über deren Unabhängigkeit an den Finanzmärkten häufig spekuliert wurde, hatte den Leitzins im September auf 24 Prozent erhöht und damit zumindest für eine gewisse Entlastung bei der Teuerungsrate gesorgt.

ts