Leerer großer Basar in Istanbul

Lira, Real und Peso eingebrochen Schwellenländer im Corona-Sog

Stand: 22.05.2020, 06:46 Uhr

In vielen Schwellenländern, vor allem in Lateinamerika ist der Höhepunkt der Corona-Infektionen noch nicht erreicht. Die wirtschaftlichen Folgen sind dramatisch: Die Währungen fallen immer tiefer, einige Länder können ihre Anleihen nicht mehr bedienen. Besonders hart trifft es die Türkei.

Am Bosporus wächst die Angst vor einer Staatspleite. Seit Beginn der Corona-Krise hat die türkische Lira über 20 Prozent abgewertet und ist auf ein Rekordtief zum Dollar gefallen. Zeitweise musste bis zu 7,29 Lira für einen Dollar gezahlt werden. Regierungsnahe Medien sprechen vom "Angriff auf die Türkei". Ausländische Finanzinstitutionen würden den Kurs der Währung manipulieren. Die Erdogan-Regierung hat drei wichtigen ausländischen Banken den Lira-Handel verboten.

Die Märkte reagierten entsetzt. Türkei-Experte Timothy Ash, Analyst von Bluebay Asset Management, sprach von einer "Kriegserklärung an ausländische Banken". Der Schritt zeige, dass der türkischen Zentralbank die Instrumente zur Verteidigung der Lira ausgehen. Kurz danach setzte Ankara das Handelsverbot wieder aus.

Der Türkei gehen die Währungsreserven aus

Um die Währung zu stützen, interveniert die Notenbank massiv. Sie gibt hunderte Millionen Dollar aus, damit der Druck auf die Lira abnimmt. Die Währungsreserven sind dadurch von 40 Milliarden auf 28 Milliarden Dollar gesunken. Wenn es so weitergeht, könnten der Türkei schon im Juli die Devisenreserven ausgehen.

Leerer großer Basar in Istanbul

Großer Basar in Istanbul. | Bildquelle: imago images / Depot Photos

Das Land steuert auf die zweite Rezession innerhalb von zwei Jahren zu. Wenn nicht bald Einnahmen aus dem Tourismus wieder fließen und die Exporte anziehen, droht der Türkei eine Staatspleite. "Wir sind bereits mit einem Fuß in einer Währungskrise", meint Schwellenländer-Experte Cristian Maggio vom Handelshaus TD Securities.

Die Türkei könnte eine Art Vorbote für eine globale Schwellenland-Krise sein. Denn auch andere Währungen der Emerging Markets befinden sich im freien Fall. Die Corona-Krise treibt die Anleger in sichere Häfen wie den US-Dollar.

Viele Emerging-Markets-Währungen eingebrochen

Der brasilianische Real und der südafrikanische Rand haben seit Mitte März gut ein Drittel an Wert verloren. Der mexikanische Peso hat ebenfalls deutlich abgewertet. Auch der russische Rubel geriet stark unter Druck.

Die Schwellenländer-Anleihen - ob in Lokalwährung oder Dollar - sackten ab. Ausländische Anleger gerieten in Panik. So zogen sie alleine im Crash-Monat März 83,3 Milliarden Dollar ab, hat der Internationale Bankenverband IIF ermittelt. Das war mehr als in der Finanzkrise 2008/09. "Investoren sind in Scharen aus Staats- und Unternehmensanleihen der Schwellenländer geflüchtet", sagt Fondsmanagerin Claudia Calich vom Vermögensverwalter M&G Investments.

IWF warnt vor dem "perfekten Sturm"

Schokoladen aus Ghana, Costa Rica, Ecuador, Santo Domingo und Venezuela, einzeln verpackt

Emerging Markets. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Durch die Corona-Krise drohe den Schwellenländern "ein perfekter Sturm", warnte der Internationale Währungsfonds (IWF). Der ökonomische Schock durch die Pandemie sei durch den starken Abfluss ausländischer Gelder noch verschärft worden.

Mehrere Länder können ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. So haben bereits drei Staaten - Argentinien, Ecuador und der Libanon - ihre Anleihen nicht bedient. Das heißt: Sie sind faktisch pleite. Im Libanon ist sogar eine politische Staatskrise ausgebrochen. Aus Protest zünden Demonstranten Banken an.

Droht selbst Brasilien die Pleite?

Jair Bolsonaro

Jair Bolsonaro. | Bildquelle: picture alliance / ZUMA Press

Es dürfte nicht der letzte Ausfall in den Emerging Markets bleiben. Anleihen mehrerer Staaten wie zum Beispiel Brasilien oder Südafrika wurden auf Ramschniveau abgestuft. Rund 90 Länder haben sich mit Hilfsgesuchen bereits an den IWF gewandt. "Sollte sich die Krise weiter hinziehen, dürften weitere folgen und den IWF an seine finanziellen Grenzen bringen", warnten unlängst die Devisenexperten der Commerzbank. So könnte Brasilien bald der Staatsbankrott drohen, glauben die Emerging-Markets-Experten von Raiffeisen Capital Management.

Besonders alarmierend ist die Situation in Afrika. Dort könnte die Gesundheitskrise zur Hunger- und Schuldenkrise werden. Ruanda und Sambia haben kürzlich gewarnt, dass ihnen bald das Geld für die Bedienung von Anleihen ausgehen könnte.

Öl-Länder besonders hart getroffen

Öl rinnt durch Hände

Ölpreis. | Bildquelle: (c) dpa

Viele Schwellenländer ächzen unter dem weltweiten Handelseinbruch. Vor allem vom Tourismus abhängige Staaten wie Thailand sowie die Rohstoffländer leiden. Russland, Venezuela, Mexiko sind doppelt getroffen: von der Corona-Krise und dem Ölpreisverfall. In Turbulenzen befinden sich auch die Länder mit chronischem Außenhandelsdefizit, die auf ausländisches Kapital angewiesen sind. Dazu zählen die Türkei und Argentinien.

Ein Mann mit Schutzmaske geht an einem geschlossenen Laden in Buenos Aires vorbei

Geschlossene Läden in Buenos Aires. | Bildquelle: picture alliance / ZUMA Press

Von den "Corona-Patienten" waren allerdings schon viele vorher schwer angeschlagen. Argentinien zum Beispiel steht seit Jahren finanziell mit dem Rücken zur Wand. Das Land am Rio de la Plata war seit der Staatsgründung schon neunmal bankrott. Die Corona-Krise habe die Schwächen einiger Schwellenländer aufgedeckt, meinen die Multi-Asset-Experten von Nikko AM. Als Beispiele nennen sie Russland, Südafrika und die Türkei.

Wird China nach Corona noch stärker?

Apple-Store in Beijing. | Bildquelle: imago images / UPI Photo

Am glimpflichsten könnte Asien durch die Corona-Krise kommen. China, ausgerechnet das Land, von dem der tödliche Virus ausging, hat sich im April wieder wirtschaftlich erholt. Das Reich der Mitte könnte gar zur neuen Supermacht aufsteigen. Laut dem US-Magazin "Foreign Affairs" dürfte das Coronavirus die globale Ordnung umgestalten. "China manövriert sich zu internationaler Führung, während die Vereinigten Staaten ins Wanken geraten". Auch Vietnam dürfte relativ unbeschadet durch die Krise kommen.

Ob Indien gestärkt aus der Krise hervorgeht, ist ungewiss. Das Land versucht derzeit ausländische Betriebe aus China anzulocken, damit sie auf dem Subkontinent produzieren. Unterstützung erhält Indien von den USA. Allerdings leidet der Subkontinent derzeit massiv unter dem Lockdown. Einhundert Millionen Jobs sind zeitweise oder dauerhaft weggefallen. Um die wirtschaftlichen Folgen zu lindern, will die Modi-Regierung ein Hilfspaket im Wert von zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) auflegen.

nb