Angriffsscene mit Tom Cruise im Film

140 Jahre Börse in Tokio Vom Samurai-Markt zum Computerhandel

von Thomas Spinnler

Stand: 01.06.2018, 06:45 Uhr

Die Börse in Tokio hat eine aufregende Geschichte hinter sich: Wo einst die letzten Samurai ihre Staatsanleihen verkauften und Händler Kimonos trugen, werden heute in Sekunden Milliarden bewegt.

Im Juli 1853 bot sich den Japanern in der Bucht von Edo, dem heutigen Tokio, ein aufwühlendes Bild: Im Auftrag des damaligen US-Präsidenten Milliard Fillmore schiffte sich Commodore Matthew C. Perry mit einer Flotte von vier fauchenden, dampfbetriebenen Kriegsschiffen ein und überbrachte ein Schreiben des Präsidenten an den japanischen Tenno: „Great and good Friend…“

Japan hatte mehr als 200 Jahre in selbstgewählter Isolation gelebt, auch wenn es sporadische Kontakte zu anderen Nationen wie China, England oder Holland gegeben hatte. Fillmore forderte die Öffnung der japanischen Häfen für den Handel mit den USA, die Aufnahme von diplomatischen Beziehungen und aus humanitären Gründen auch die Sicherheit schiffbrüchiger amerikanischer Walfänger.

Scene aus dem Film

Kagemusha-Film von Akira Kurosawa: Technologisch hoffnungslos unterlegen. | Bildquelle: picture alliance / Everett Collection

Kanonenbootdiplomatie für Fortgeschrittene

Commodore Perry ließ in einem eigenen Brief wissen, was passieren würde, wenn Japan sich weigere und damit gegen „göttliche Prinzipien“ verstoße: Man werde zu den Waffen greifen und siegen. Dem Brief war eine weiße Flagge beigefügt, die Japan nur zu schwenken brauche, dann würde das Feuer sofort eingestellt. Man nennt das „Kanonenbootdiplomatie“.

Japan war technologisch hoffnungslos unterlegen, verglichen mit den USA steckte es noch im Mittelalter. Es hatte keine Wahl. 1854 endete die Isolation eines Reichs, das wegen scharfer innerer Probleme längst reif für den Fall war. Nicht einmal 25 Jahre später wurde in Tokio die erste japanische Börse gegründet. Mit amerikanischem Anschub begann der Aufstieg Japans vom Feudalstaat zu einer der wichtigsten Industrienationen der Welt.

Commodore Matthew Perrys Schwarzes Schiff erreicht Japan - Holzschnitt 1853

Commodore Perrys Schwarzes Schiff erreicht Japan: Weiße Flagge wird mitgeliefert. | Bildquelle: picture alliance / Glasshouse Images

Die letzten Samurai handeln mit Staatsanleihen

Am 1. Juni 1878, also vor 140 Jahren, wurde die Tokioter Börse im Kabuto-Cho-District eröffnet. Zunächst wurden vor allem Staatsanleihen, Gold und Silberwährungen gehandelt. Die Kriegerkaste der Samurai verlor während der Meji-Restauration in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts ihre historischen Rechte. Das Shogunat wurde abgeschafft, Samurai wurden als Dienstleute eines Lehnsherren überflüssig.

Deshalb entschädigte der Staat die Samurai-Familien mit Geldsummen in Form von Staatsanleihen, die an der Börse handelbar waren. Im Börsensaal muss es munter zugegangen sein, denn die Händler trugen seinerzeit Kimonos. Erst ab den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts dominierte der Handel mit Aktien. Die Weltwirtschaftskrise wirkte sich auch auf den japanischen Aktienhandel aus, und es kam zu wiederholten Crashs.

Gebäude der Tokyo Stock Exchange

Börse in Tokio: Noch heute wird sie von vielen "Samurai Market" genannt. | Bildquelle: Imago

Mit der brutalen japanischen Expansionspolitik in den 30er Jahren übernahm die Regierung die Kontrolle über Wirtschaft und Börsenhandel. Nach der Niederlage und dem Zusammenbruch Japans im August 1945 wurde der Börsenhandel geschlossen. Das Gebäude stand bis 1948 unter der Kontrolle des General Headquarters of the Allied Forces. Erst im Mai 1949 wurde der Handel wieder aufgenommen.

So sehen Preisblasen aus

Im Jahr 1950 startete der berühmte Nikkei-Index, der 225 japanische Werte zusammenfasst. Die Nachkriegszeit in Japan war eine Zeit des Wirtschaftswunders. Die Wachstumsraten waren enorm, der Nikkei kannte vorwiegend vorwärts. Am 20. Februar 1960 schloss er mit 1.002,46 Punkten erstmals über der 1.000er-Marke. Das Land stieg zu einer der führenden Wirtschaftsmächte auf.

In den 80er Jahren galt Japan ähnlich wie China heute als Motor der Weltwirtschaft und hatte führende Positionen in Hochtechnologie, Unterhaltungselektronik und der Automobilindustrie. Die Märkte wurden dereguliert, billige Kredite verteilt, der Leitzins gesenkt. Aktienkurse schossen in die Höhe, auf dem Immobilienmarkt wurden fantastische Preise aufgerufen. Der Nikkei erreichte am 29.Dezember 1989 ein Allzeithoch.

Nikkei-Chartverlauf seit 1984

Nikkei. | Bildquelle: und Grafik: boerse.ARD.de

Was für ein Jahr: Die an der Börse in Tokio gelisteten Unternehmen erreichten zeitweise 40 Prozent der Marktkapitalisierung aller weltweit börsennotierten Unternehmen. Dann platzte die Blase. Bis heute hat der Nikkei es nicht geschafft, auch nur in die Nähe dieser Marke zu kommen.

Erst mal Pause machen

Vom Kater nach dem Absturz hat sich Japan noch nicht vollständig erholt, aber das Leben im Kabuto-Cho-District geht weiter und der Fortschritt ist nicht aufzuhalten: 1959 schrieben die Händler die Kurse im Handelssaal noch mit Kreide auf eine schwarze Tafel, 40 Jahre später im Jahr 1999 wurde der Handel in Tokio komplett computerisiert und der Handelssaal geschlossen.

Geschäftsleute bei der Mittagspause in einer McDonalds-Filiale in Tokio

Mittagspause in Tokio. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Mittlerweile sind mehr als 3.550 Unternehmen an der Börse in Tokio gelistet, sie ist nach Marktkapitalisierung der drittgrößte Börsenplatz der Welt, Milliarden wandern täglich von einer Tasche in die andere.

Die Börse hat in den vergangenen 140 Jahren viele ungeheure Tiefen erlebt und hat auch einige Höhenflüge hinter sich: Börsen crashen, Atomkraftwerke werden überflutet, Kriege werden verloren, Erdbeben lassen die Häuser erzittern. Kimono tragen sie schon lange nicht mehr, aber an einer Sache halten sie dort stur fest: Die Mittagspause bleibt den Börsianern heilig.

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