Börsensaal der Börse Moskau

Stabiler Rubel und nachlassende Sanktionsangst Starkes Comeback der russischen Börse

von Notker Blechner

Stand: 23.10.2019, 08:46 Uhr

Zu den besten Börsen in diesem Jahr zählt der russische Aktienmarkt. Der Index RTS kletterte auf ein Fünf-Jahres-Hoch, vor allem weil die Angst vor neuen Sanktionen schwand. Experten wie Raiffeisen-Fondsmanagerin Angelika Millendorfer sehen noch weitere Luft nach oben.

Wer hätte das gedacht? Der in Dollar notierte RTS-Index, der die 50 größten an der Moskauer Börse gehandelten Unternehmen abbildet, ist seit Jahresbeginn um fast 30 Prozent nach oben gesprungen. Anfang Juli stieg der Leitindex erstmals seit fünf Jahren wieder über 1.400 Punkte. Anfang 2016 war der RTS noch bis auf 645 Punkte abgestürzt.

Russische Wirtschaft wächst langsamer

Dabei lahmt die russische Konjunktur. Nachdem das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2018 noch um 2,7 Prozent zugelegt hatte, wird es in diesem Jahr nur um 1,2 Prozent steigen. Der IWF senkte vor kurzem seine Wachstumsprognose von 1,4 auf 1,2 Prozent. Ohne grundlegende Strukturreformen sei langfristig nur ein Wachstum von etwa 1,8 Prozent drin, warnt der IWF.

Wie erklärt sich die Diskrepanz zwischen abflauendem Wirtschaftswachstum und florierender Börse? Raiffeisen-Fondsmanagerin Angelika Millendorfer sieht vor allem die schwindende Sanktionsangst als Grund. 2019 seien keine neuen Sanktionen eingetreten, sagt sie gegenüber boerse.ARD.de. Der Handelsstreit zwischen den USA und China lasse Investoren hoffen, dass Washington vorerst keine neuen Strafmaßnahmen gegen Russland plant. Millendorfer: "Bei den Amerikanern scheint eine gewisse Sanktionsmüdigkeit eingekehrt zu sein."

Rubel auf Erholungskurs

Hinzu komme der wiedererstarkte Rubel und der Anstieg der Ölpreise, die beide die russische Börse beflügelten. Der Rubel hat seit Jahresbeginn fast neun Prozent gegenüber dem US-Dollar gewonnen. Allerdings war die Währung die Jahre zuvor deutlich gefallen. Anfang 2016 kostete ein Rubel noch über 80 Dollar. "Der Rubel ist relativ stabil", sagt Fondsmanagerin Millendorfer. Er habe zuletzt einen kleinen Boost bekommen durch den Ölpreis-Anstieg nach der Drohnen-Attacke auf ein saudisches Ölfeld.

Sanktionen bleiben Damoklesschwert

Das Sanktionsthema bleibe aber das größte Risiko für die russische Konjunktur und die Börse, meint Raiffeisen-Expertin Millendorfer. Auch die hohe Abhängigkeit vom Öl- und Gasmarkt stellt ein Risiko dar.

Politisch sieht die österreichische Fondsmanagerin vorerst kaum Risiken. Die Rechtssicherheit und die Corporate Governance hätten sich ein bisschen verbessert. Russland dürfte politisch stabil bleiben, meint sie. Staatspräsident Wladimir Putin sei recht populär. Rund 60 Prozent der Bevölkerung stünden hinter ihm.

Allerdings wird die Opposition weiter drangsaliert. Die Regierung ging hart gegen Anhänger des Kreml-Kritikers Nawalny vor. Dutzende Wohnungen wurden durchsucht. Nawalny verbrachte 30 Tage lang im Gefängnis. Auch auf flüchtige Oligarchen macht die Putin-Regierung Jagd.

Noch Luft nach oben?

Angelika Millendorfer, Fondsmanager bei Raiffeisen Capital Management

Angelika Millendorfer. | Bildquelle: Unternehmen

Experten wie Millendorfer halten den russischen Aktienmarkt immer noch für attraktiv bewertet. Sie schwärmt von zweistelligen Dividenden-Renditen bei vielen börsennotierten Konzernen.

Übergewichtet ist ihr Russland-Fonds derzeit im Finanz-, Gas- und Kommunikationsbereich. Zu ihren Top-Performern zählt Millendorfer Sberbank, Gazprom, Yandex und X5.

Outperformer Gazprom

Alleine die Gazprom-Aktien schossen seit Jahresbeginn um fast 75 Prozent nach oben. Die angekündigte Dividendenerhöhung von Gazprom (mittelfristig auf eine Ausschüttungsquote von 50 Prozent) war eine große Überraschung für den Markt, sagt Millendorfer.

Viel Zukunftspotenzial sieht die Fondsmanagerin auch beim Internet-Konzern Yandex, dem russischen Google. Yandex kooperiert bei Taxis mit Uber. Und bei den zuletzt diskutierten Fragen einer Beschränkung des Anteils ausländischer Eigentümer wird eine positive Lösung erwartet.

Kursgewinne mit X5

Bei den Konsumtiteln bevorzugt Millendorfer X5. Der Einzelhändler "lässt derzeit alle Konkurrenten hinter sich". Nach 18 Prozent Umsatzwachstum 2018 dürften die Erlöse auch 2019 um rund 14 Prozent steigen.

Der Raiffeisen-Russland-Fonds liegt in diesem Jahr über 30 Prozent im Plus. Auf Zehn-Jahres-Sicht hat er 75 Prozent Rendite erzielt. Allerdings war der Fonds sehr schwankungsanfällig.