Die Schweizer Landesfahne weht am Großen Aletschgletscher

SMI auf Rekordhoch trotz Börsenstreits Bald wieder Schweizer Aktien in der EU handelbar?

von Notker Blechner

Stand: 06.12.2019, 17:25 Uhr

Anders als der Dax hat der SMI kürzlich ein Rekordhoch erreicht. Und das, obwohl Schweizer Aktien im EU-Ausland offiziell nicht mehr gehandelt werden dürfen - wegen des Streits mit der EU. Es gibt aber einen kleinen Hoffnungsschimmer.

Seit Monaten liegen die Eidgenossen mit Brüssel im Clinch. Sie lehnen das geplante Rahmenabkommen mit der EU ab. Vor allem der Lohn- und Arbeitnehmerschutz stößt auf Widerstand. Die Verhandlungen sind festgefahren.

Weil sich beide Seiten nicht einigen konnten, nahm die EU die Schweizer Börse in Geiselhaft: Sie erkennt seit dem 1. Juli die Schweizer Börsenregulierung nicht mehr als gleichwertig mit der der EU (Börsenäquivalenz) an. Das bedeutet, dass Banken und Vermögensverwalter aus der EU an der Schweizer Börse Six grundsätzlich nicht mehr handeln dürfen.

Die Regierung in Bern reagierte mit einem Gegenmanöver. Sie verbot zum Schutz des heimischen Börsenplatzes den Handel mit Schweizer Aktien an den EU-Aktienmärkten. Für ausländische Handelsplätze wurde eine zusätzliche Anerkennungspflicht im Schweizer Finanzmarktrecht eingeführt.

Verlagerung des Handels mit Schweizer Aktien nach Zürich

Dies führte letztlich dazu, dass seit Anfang Juli Schweizer Aktien an den Börsen in EU-Ländern nicht mehr gehandelt werden dürfen. Tatsächlich hat sich seither der Handel mit Schweizer Aktien nach Zürich verlagert. Der Züricher Börsenbetreiber Six meldete deutliche Umsatzzuwächse. "Der Handel mit Schweizer Blue Chips hat sich teilweise aus der EU nach Zürich verschoben", sagt Joel Frey, Leiter Handelsausführung bei der Zürcher Kantonalbank.

Sollte es weiter keine Einigung im Rahmenabkommen mit der EU geben, drohen der Schweiz weitere Strafmaßnahmen aus Brüssel. Bis ungefähr Mitte 2020 läuft nun das nächste Ultimatum.

Zahlt Bern die Kohäsionsmilliarde?

Immerhin scheint nun der nächste Streit mit der EU vermieden werden zu können. Der Ständerat und die außenpolitische Kommission des Nationalrats haben grünes Licht für die Kohäsionsmilliarde gegeben. Damit ist die Milliardensumme gemeint, die die Schweiz den wirtschaftlich benachteiligten EU-Ländern wie Rumänien für Entwicklungsprojekte zur Verfügung stellt. Im Dezember dürfte das Parlament in Bern die Milliarde bewilligen.

Allerdings sollen die Kohäsionsgelder nur gezahlt werden, wenn die EU die Schweiz nicht diskriminiert, heißt es in einer eingeführten Klausel des Parlaments. Die EU müsste also der Schweiz zuerst wieder die Börsenäquivalenz zugestehen, bevor sich etwas bewegt. Ob die neue EU-Kommission unter Präsidentin Ursula von der Leyen dazu bereit ist, gilt als fraglich.

SMI hängt Dax ab

Dass die Schweiz den ersten Schritt macht und Brüssel Zugeständnisse anbietet, ist unwahrscheinlich. Warum sollten die Eidgenossen das tun? Die Schweizer Wirtschaft läuft derzeit besser als erwartet, und die Schweizer Börse erlebt einen fulminanten Aufschwung. Der SMI ist in diesem Jahr um 24 Prozent gestiegen und von einem Rekordhoch zum nächsten geklettert. Erstmals wurde die magische Schwelle von 10.000 Punkten geknackt.

Swiss Market Index

SMI. | Bildquelle: boerse.ARD.de

Schwergewichte wie Nestlé heiß begehrt

Als Grund nennen Anlagestrategen wie Thomas Stucki, Anlagechef der St. Galler Kantonalbank, den defensiven Charakter des Schweizer Aktienmarkts. Der SMI sei so besser gerüstet in unruhigen Zeiten. Es sind vor allem die drei defensiven Schwergewichte Nestlé, Roche und Novartis, die zuletzt den SMI beflügelt haben. Seitdem zwei Ausländer bei Nestlé und Novartis das Chefruder übernommen hätten, würden die dicken Tanker in Bewegung gekommen, lobt Christian Gattiker-Ericsson, Anlagechefstratege vom Bankhaus Julius Bär. Alleine Nestlé hat auf Ein-Jahres-Sicht über 20 Prozent zugelegt.

Nestle

Nestle. | Bildquelle: boerse.ARD.de

Noch besser lief es für die Versicherer wie Swiss Life und Zurich, Sika und vor allem für Geberit. Die Aktien des europäischen Marktführers für Sanitärprodukte kletterten in den letzten zwölf Monaten um 40 Prozent nach oben.

Das Hoch an der Schweizer Börse könnte ein positiver Frühindikator für die europäischen Aktienmärkte sein – wie Ende der 1990er Jahre, glaubt Gattiker-Ericsson. Damals erreichte der SMI ein Rekordhoch, bevor ein Jahr später der Dax & Co. nachzogen.

Marktbeobachter sehen Börsenstreit gelassen

Schweizer Börsenexperten halten den Verlust der Börsenäquivalenz für nicht dramatisch. Das habe kaum Auswirkungen auf den Handel mit Schweizer Aktien gehabt, meint Gattiker-Ericsson. Nach Einschätzung der Zürcher Kantonalbank hätten auch die Händler im Ausland gelassen reagiert.

Geberit

Geberit. | Bildquelle: boerse.ARD.de

Privatanleger: Außerbörslicher Handel als Alternative

Leidtragende sind am ehesten die Privatanleger. Beim Handel über die Schweizer Börse müssen deutsche Anleger höhere Gebühren für eine Auslandsorder und eine Abrechnung in Schweizer Franken mit Währungstausch in Kauf nehmen. Alternativ können sie Schweizer Aktien über Makler auch außerbörslich von Deutschland aus handeln. Bei der Comdirect funktioniert das dank der Kooperation mit der Commerzbank und der Düsseldorfer Maklerfirma Lang & Schwarz. Auch bei der Comdirect-Konkurrentin ING Deutschland können Anleger die meisten Schweizer Aktien nach Auskunft der Bank mittlerweile wieder kaufen und verkaufen. Der Handel erfolgt außerbörslich.