Reihen von Matrjoschka-Puppen an einem Verkaufsstand
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Russland vor der Wahl Russlands fragile Blüte

von Bettina Seidl

Stand: 16.03.2018, 09:22 Uhr

Die mageren Jahre sind vorbei. Die russische Wirtschaft wächst wieder, trotz Sanktionen, trotz Putins politisch zweifelhaftem Kurs. Das liegt zwar hauptsächlich am Öl, sichert aber Putins Chancen auf eine Wiederwahl am Sonntag. Doch der Aufschwung ist fragil.

Blutvergießen in Syrien, Einflussnahme bei der US-Wahl, Krim-Annexion, Giftanschlag in Salisbury: Präsident Wladimir Putin hat seinen Ruf als skrupelloser Bösewicht auf der weltpolitischen Bühne konsequent ausgebaut. Was ihm international scharfe Kritik und seinem Land Sanktionen bescherte, machte ihn aber bei seinen Bürgern zum Helden. Die Russen verehren Putin als den Mann, der Russland wieder auf die Beine gebracht hat. Das hilft ihm am Sonntag bei seiner Wiederwahl zum Präsidenten.

Das Land steht wirtschaftlich so gut da wie lange nicht mehr. 2017 wuchs die russische Wirtschaft wieder. Zwar nur leicht, um 1,5 Prozent, aber es ist ein hoffnungsvolles Zeichen nach zwei Jahren des Wirtschaftsabschwungs. In diesem Jahr könnten es nach Einschätzung von Experten rund zwei Prozent Wachstum werden.

Das hat aber weniger mit Putins Stärke, als vielmehr mit dem Öl zu tun - so wie auch Russlands Wirtschaftsabschwung, der 2014 begann, hauptsächlich dem Öl geschuldet war.

Am Öl-Tropf

Öl (Brent): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum 5 Jahre
Kurs
78,76
Differenz relativ
+0,09%

Zwar hatten die internationalen Sanktionen, die im Sommer 2014 einsetzten, Russland das Leben schwer gemacht. Viel mehr zu schaffen machte der Wirtschaft aber der Niedergang der Öl- und Gaspreise. Allein 2014 halbierte sich der Ölpreis, und das war noch nicht der Tiefpunkt. Von einem Spitzenpreis von rund 110 Dollar Mitte 2014 ging es auf dem internationalen Ölmarkt bis Anfang 2016 auf ein Tief von nur 30 Dollar.

Ein wirtschaftliches Desaster für das Riesenreich, dessen Engergieträger der lebensspendende Tropf, die Haupteinnahmequelle sind. Der Verkauf von Öl und Gas finanziert die Hälfte des Staatshaushaltes. Entsprechend anfällig reagierte die Wirtschaft des weltgrößten Ölproduzenten auf den Preisverfall. 2015 und 2016 ging die Wirtschaftsleistung um insgesamt 2,7 Prozent zurück. Das Haushaltsdefizit schnellte in die Höhe. Die Landeswährung Rubel verfiel. Die Inflation schoss auf mehr als 15 Prozent.

Zurück in der Oberliga

Putin gelang es, mit einem drastischen Sparprogramm das Haushaltsdefizit wieder einzudämmen, die Inflation zu bekämpfen und die Wirtschaft zu stabilisieren. Der russische Rubel ist so stark wie lange nicht.

Jetzt finden die wirtschaftlichen Erfolge auch an den Finanzmärkten Anerkennung. Etliche Ratingagenturen haben Russland aus der Schmuddelecke geholt. Die Staatsanleihen sind nicht mehr "Ramsch", es bekam seinen vor drei Jahren eingebüßten Status "Investment Grade" - wie Anleihen mit guter bis sehr guter Bonität in der Finanzwelt genannt werden - in diesem Jahr zurück. Russische Anleihen sind nun also auch für konservative Anleger wieder salonfähig.

Das Geld fließt wieder

Das dürfte weiteres internationales Geld nach Russland locken. Schon jetzt fließen Rekordsummen in russische Anleihen und Aktien, weil Investoren an dem Aufschwung partizipieren wollen. Durch die hohe Nachfrage steigen die Kurse. Bei Anlleihen sinkt entsprechend die Rendite, für zehnjährige Staatsanleihen fiel sie erstmals seit fünf Jahren unter sieben Prozent.

Die Kurse am Aktienmarkt klettern im Rekordtempo. Der Leitindex der Moskauer Aktienbörse, der RTS, stieg in den letzten zwölf Monaten in der Spitze um 20 Prozent. Allein in diesem Jahr schaffte der Aktienindex, der die 50 größten börsennotierten Unternehmen in Russland widerspiegelt, ein Plus von über zwölf Prozent. Die Moskauer Börse ist damit eine der besten unter den Weltbörsen, auch wenn sie zuletzt Einbußen erlitt infolge der diplomatischen Verwerfungen nach dem Giftanschlag.

Wie geht es weiter?

Wirtschaftlich läuft es für Russland, was Putin die Wiederwahl bescheren wird. Insofern dürfte der Wahlausgang aus Anlegersicht keine Auswirkungen haben, wie der Vermögensverwalter AllianceBernstein bilanziert.

Von rosigen Zeiten mag aber auch niemand sprechen. Erstens ist keineswegs garantiert, dass der Aufschwung zwingend so weiter läuft. "Russland erholt sich, aber die Erholung ist noch fragil", konstatiert der Branchendienst "Business New Europe".

Noch dazu ist es kein überbordender Aufschwung. Die paradiesischen Zustände wie bis 2013 wird es nicht mehr geben, glauben Wirtschaftsexperten. Mancher sagt auch, mit Putins Wiederwahl drohe ein langer wirtschaftlicher Stillstand. Umfassende strukturelle Reformen, die zu einem deutlich stärkeren Wirtschaftswachstum führen könnten, seien nicht zu erwarten. Nicht nur, weil die Politik zu wenig Willen zeige, sondern auch weil die Bevölkerung zu wenig fordere.

Pandoras Büchse

Und dann gibt es auch noch etliche Risiken. Nicht nur, dass jede Ölpreisschwankung ihren Niederschlag an den Finanzmärkten finden wird. Auch die geopolitische Entwicklungen und weitere Sanktionen dürften eine wichtige Rolle spielen. So könnten die US-Kongresswahlen im November und die Aussicht auf eine demokratische Senatsmehrheit mehr Spielraum für härtere Sanktionen gegen Russland geben, wie AllianceBernstein anmerkt.

Es bleibt ein großes Fragezeichen: Was passiert, sollten die USA zum Beispiel russische Staatsanleihen auf ihre Sanktionsliste setzen, wie es in Washington bereits diskutiert wurde? "Das ist ein grundlegendes Problem, das jeder Anleger beachten muss", sagt David Riley von BlueBay. Portfoliomanager Abhishek Kumar von State Street Global Advisors formuliert es drastischer: "Das würde Pandoras Büchse öffnen."