Drache vor chinesischer Flagge

Reformschub und Ritterschlag von MSCI Rückenwind für Chinas Aktien

Stand: 18.10.2017, 08:13 Uhr

Bis vor eineinhalb Jahren herrschte noch Crash-Stimmung an den chinesischen Aktienmärkten. Inzwischen haben sich die Börsen in Shanghai und Hongkong spürbar erholt. 2018 könnte es weiter nach oben gehen.

Ob Kapitalflucht, Verschuldungsprobleme, Überhitzung des Immobilienmarkts oder auch die Nordkorea-Krise – all das hat den jüngsten Höhenflug chinesischer Aktien nicht bremsen können. Seit Jahresbeginn ist der Hongkonger Hang-Seng um gut 30 Prozent auf ein Zehn-Jahres-Hoch geschossen und hängte die meisten wichtigen anderen Börsen in der Welt ab. Auch der Shanghaier A-Share-Index ist wieder in Schwung gekommen - dank des hohen Anteils von Finanzwerten. Der Leitindex für inländische Aktien legte um gut neun Prozent zu. Der SSE 50, der die Entwicklung der 50 größten Werte in Shanghai abbildet, zog im laufenden Jahr um fast 20 Prozent an.

Shanghai Stock Exchange 50: 2013 bis Oktober 2017

Shanghai Stock Exchange 50. | Grafik: boerse.ARD.de

Wachstum zieht an

Die Befürchtungen vor einer deutlichen Abschwächung des Wirtschaftswachstums im Reich der Mitte sind bisher nicht eingetreten. Im Gegenteil: Im zweiten Quartal legte das BIP stärker als erwartet um 6,9 Prozent zu. Der Internationale Währungsfonds (IWF) erhöhte seine Jahresprognose für China. Die Wirtschaft werde in den kommenden drei Jahren schneller wachsen als gedacht - um 6,4 Prozent. Für 2017 geht der Fonds von einem Plus von 6,7 Prozent aus.

Außerdem werden die chinesischen Unternehmen immer profitabler. In den letzten Monaten hätten zahlreiche Firmen ihre Gewinnprognosen nach oben angepasst. Allerdings sei das Produktivitätswachstum nur noch gering, warnt die Raiffeisen Capital Management. Höhere Gewinne ließen sich oft nur noch über Preiserhöhungen erzielen.

Staat zockt mit

Für Stabilität an den Börsen nach den beiden Crashs Mitte 2015 und Anfang 2016 hat die Pekinger Regierung gesorgt. Sie griff in das Marktgeschehen ein, verhängte ein sechsmonatiges Verkaufsverbot für große Handelshäuser, untersagte Leerverkäufe und pumpte Milliarden in die Märkte. Ein so genanntes "Nationalteam", das aus der Börsenaufsicht, dem staatlichen Broker China Securities Finance und dem Staatsfonds Central Huijin besteht, kaufte sogar aktiv Aktien, berichtete die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Laut Schätzungen hielt Ende des ersten Quartals der Staat immer noch über sechs Prozent der gehandelten A-Aktien. Nach dem ersten Börsenbeben 2015 hatte das "Nationalteam" gut acht Prozent der Aktien eingekauft. Laut FAZ fange der Staat nun sogar das Spekulieren an der Börse an. Die Staatsfonds verkaufen Aktien, die gut gelaufen sind, und decken sich mit Nebenwerten ein, die dem Markt hinterhergehinkt sind.

Einige Anlagestrategen sehen die jüngste Rally des Hang-Seng mit Sorgenfalten. "Der Markt mit den H-Aktien ist zu schnell nach oben gelaufen", mahnt Michele Morganti von Generali Investment Europe. Er betrachtet die chinesischen Aktien mit Vorsicht.

Noch Luft nach oben?

Andere Experten hingegen sehen weiter gutes Potenzial für chinesische Aktien. Da das BIP-Wachstum die Prognosen übertreffen könnte und die Krisengefahr vorerst eingedämmt sei, sieht GAM-Investment-Direktor Michael Lai eine besonders attraktive Ausgangslage für Chinas Aktienmärkte. Jeik Sohn, leitender Aktienstratege von M&G Investments in Hong-Kong sieht die besten Chancen für langweilige Industrie- und Versorger-Aktien.

Der 19. Parteikongress in Peking könnte einen Reformschub auslösen und die Börsen weiter beflügeln. Parteichef Xi Jinping dürfte den Wandel Chinas von einer exportorientierten zu einer vom Konsum der Bevölkerung getriebenen Volkswirtschaft  weiter fördern.

Aufnahme der A-Aktien in die MSCI-Indizes

Außerdem stehen Chinas A-Aktien vor dem Ritterschlag. Ab Mai 2018 wird der MSCI nach und nach eine Reihe von A-Aktien in seine Indexprodukte aufnehmen. Das wird weltweit zu Portfolio-Umschichtungen führen. Das Gewicht von A-Aktien im MSCI Emerging Markets Index dürfte von zuletzt 27,7 Prozent Mitte 2017 auf 45 Prozent im nächsten Jahr steigen.

Doch der Preis für die staatlichen Eingriffe ist hoch. Das Geld, das Peking in den vergangenen zehn Jahren zur Belebung der Konjunktur eingesetzt hat, wenn sie schwächelte, findet sich zunehmend in den Bilanzen der staatlichen Konzerne wieder. Die Verschuldung der Firmen ist seit 2008 dramatisch gestiegen - auf 170 Prozent des BIP. Und 70 Prozent dieser Schulden liegen bei den Staatsfirmen, schreibt die "Welt".

Das Problem der wachsenden Firmenverschuldung

Noch habe die Regierung kein Problem, die Schuldenblase zu managen, sie habe die Mittel, die staatlichen Unternehmen notfalls zu retten, meint Tilman Galler, Kapitalmarktstratege bei JP Morgan. Allerdings werde die Schuldenlast jedes Jahr größer. "Wenn es so weitergeht, wird es in vier bis fünf Jahren, den Schuldenberg zu refinanzieren." Eines Tages wird das Reich der Mitte wohl die Zeche für den Schuldenboom zahlen müssen...

nb