Notausgangsschild

Folgen der steigenden US-Anleiherenditen Raus aus Schwellenländern?

Stand: 16.05.2018, 14:58 Uhr

Im ersten Quartal erfreuten sich Anlagen in Schwellenländern großer Beliebtheit, wie der Anstieg des MSCI Emerging Markets Index zeigt. Doch die steigenden Anleihezinsen in den USA sowie die Aufwertung des Dollar drohen den Boom zu beenden. Was sollen Anleger jetzt tun?

Einen Grund sich sofort aus den Schwellenländern zurückzuziehen, sehen die meisten Experten nicht. Doch sie mahnen zur Wachsamkeit. Eine Studie der US-Notenbank hat ergeben, dass eine Anhebung der US-Zinsen um ein Prozent das Bruttosozialprodukt von Schwellenländern um rund 0,8 Prozent fallen lässt, während in den USA nur ein durchschnittlicher Einbruch von 0,7 Prozent zu verzeichnen war. Untersucht wurde der Zeitraum zwischen 1965 und 2016.

Betrachte man nur die Länder mit einer starken Inflation und einer hohen Verschuldung, könne sich dieser Wert allerdings verdoppeln, warnt Sascha Sadowski vom Online-Broker Lynx. Er glaubt, dass derzeit Argentinien und die Türkei als besonders gefährdet einzustufen sind.

Argentinien und die Türkei im Blick

So habe Argentinien bereits um ein Darlehen des Internationalen Währungsfonds (IWF) bitten müssen, um die stetige Abwertung des Peso auszugleichen. Ein schlechtes Zeichen, so der Experte, nachdem das Land erst vor wenigen Jahren das Vertrauen der Finanzmärkte zurückgewonnen hat. Argentinien brauchte nach der Staatspleite um die Jahrhundertwende viele Jahre, um sich wieder Geld an den internationalen Finanzmärkten leihen zu können.

In der Türkei verliert die Landeswährung seit Jahren an Wert. Derzeit leidet sie unter dem Wahlkampf. So hatte Präsident Erdogan am Montagabend gesagt, dass er nach der im Sommer stattfindenden Wahl seinen Einfluss gegenüber der Zentralbank ausweiten wolle. Erdogan ist strikt gegen höhere Leitzinsen, die Fachleute aber fordern, um die hohe Inflation in der Türkei in den Griff zu bekommen.

Lira im Sinkflug

Mit einer Inflationsrate von über zehn Prozent ist das Land derzeit weit von den für eine stabile Währung angestrebten zwei Prozent entfernt. "Die letzten Äußerungen sind allerdings nur ein weiteres Puzzlestück. Die Lira ist bereits seit Monaten im Sinkflug und mit ihr die türkische Wirtschaft", so Sadowski. Seit Jahresbeginn hat die Lira zum Dollar rund 14 Prozent an Wert verloren, gegenüber dem Euro sind es knapp 13 Prozent.

Die steigenden Zinsen in den USA lassen Investoren wieder verstärkt in die Industrienationen blicken und so fließt immer weniger des für die Türkei so wichtigen ausländischen Kapitals ins Land. Hinzu kommt, dass Importe angesichts der schwachen Lira immer teurer werden, was wiederum die Verbraucherpreise befeuert. "In dieser Situation nun noch die Zinsen deutlich zu senken, um Wahlkampfversprechen einzulösen, dürfte sich als katastrophal erweisen", so der Lynx-Experte.

Auch Ukraine und Südafrika betroffen

Doch nicht nur diese beiden Länder sind durch den steigenden Dollar und höhere US-Zinsen betroffen, auch der Ukraine und Südafrika drohen Ungemach. Der Grund: Diese Länder zeichnen sich durch einen hohen Kapitalbedarf, geringe Währungsreserven und unsichere wirtschaftliche Rahmenbedingungen aus. Auch haben diese Länder Kredite in Dollar aufgenommen, für deren Rückzahlung sie nun mehr aufwenden müssen als anfangs gedacht.

Zerstörtes Haus in  Khartsyzk, etwa 24 km von Donetsk

Ukraine-Krise. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Auch die meisten Unternehmen aus den Schwellenländern sind auf Finanzierungen aus dem Ausland angewiesen – zumeist in Dollar. So wurden 2017 rund 65 Prozent aller grenzübergreifenden Bankkredite in der US-Währung vergeben. Wertet der Dollar auf, verteuern sich die Verbindlichkeiten für Unternehmen in Lokalwährung gerechnet.

Kein Grund zur Panik

Sollten sich die Anleger also schnellstens aus diesen Ländern verabschieden? Einen Grund, Investitionen sofort abzuziehen, sieht der Lynx-Experte noch nicht. Solange der IWF unterstützend eingreife und die jeweilige Regierung die richtigen Stellschrauben drehe, dürfte die Lage derzeit zumindest halbwegs stabil bleiben. Ein Verlust von Investorengeldern wie Anfang des Jahrtausends in Argentinien sei derzeit nicht zu befürchten. "Trotzdem sollte man die Entwicklung genau im Auge behalten, um im Zweifelsfall den richtigen Zeitpunkt zum Ausstieg nicht zu verpassen.“

Auch eine Studie der Deutschen Bank kommt zu dem Schluss, dass der aktuelle Zinsanstieg in den USA das internationale Finanzierungsumfeld noch nicht belastet. Zumindest theoretisch befinde sich das Zinsniveau erst im Gleichgewicht, wenn die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen 3,5 Prozent erreicht habe, heißt es in dem Papier. Zuletzt ist die zehnjährige US-Rendite auf 3,059 Prozent gestiegen. Die Deutsche Bank erwartet bis zum Jahresende eine Rendite von 3,25 Prozent.

Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen

Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen. | Grafik: boerse.ARD.de

Starkes Wirtschaftswachstum mindert den Zinsanstieg

Deshalb seien die Anleihemärkte der Schwellenländer bislang noch stabil geblieben. Weder auf US-Dollar lautende Staatsanleihen noch Papiere in lokaler Währung seien besonders stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Denn der Anstieg der US-Leitzinsen vollziehe sich bereits seit Ende 2015, komme also nicht überraschend.

Auch das seit Jahren immer wieder bemühte, einst von der Weltbank aufgezeigte Horrorszenario hat sich bisher nicht bewahrheitet. Danach sollten rund ein Viertel der Schwellenländer kurzfristig von den globalen Kapitalströmen abgeschnitten werden, so die Experten. Über vier Jahre später ist nichts davon eingetreten, die Warnungen von damals erscheinen reichlich übertrieben.

Hauptgrund für die anhaltende Stabilität ist nach Ansicht der Deutschen Bank die äußerst robuste Konjunktur der meisten Schwellenländer. Die Experten erwarten für dieses Jahr einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) dieser Länder um 5,0 Prozent, nach 4,9 Prozent im Vorjahr. Das mindert die Folgen steigender Zinsen in den USA.

lg