Die Skyline mit dem Kulturpalast in der Neustadt von Warschau, Polen
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Die beste alle Börsen Polen boomt - Europas Börsen-Superstar

von Bettina Seidl

Stand: 20.09.2017, 11:24 Uhr

Geteilte Welt: Die nationalkonservative Regierung in Polen bekommt nicht gerade die besten Noten vom Rest Europas. Der polnische Aktienmarkt aber schon. Er ist derzeit einer der besten weltweit, wenn nicht gar der beste. Die Wirtschaft brummt. Geht der Boom weiter?

Polens politischer Kurs kümmert Investoren wenig. Die Kurssteigerungen an der Börse in Warschau zeugen von einem regen Zulauf auch von internationalem Geld. Der Leitindex WIG 20, der die 20 größten polnischen Aktien abbildet, hat sich seit Jahresanfang bis zu 30 Prozent in die Höhe geschraubt. Der breite Aktienmarkt in Polen kommt auf noch größere Gewinne: Mit mehr als 50 Prozent Plus ist der MSCI Polen in der Liste internationaler Länderindizes - auf Dollar-Basis - der beste der Welt, wie Robert Rethfeld, Finanzexperte von "Wellenreiter-Invest" feststellt. Polen ist damit noch besser als die Boombörse Türkei.

Trotz der starken Kurssteigerungen gelten polnische Aktien aber noch längst nicht als zu teuer. "Auch wenn die polnische Börse bereits massiv gestiegen ist, hat sie noch Luft nach oben", sagt Dustin Blodgett, ein Portfolio-Spezialist bei Accuvest Global Advisors, der selbst über einen Länder-ETF auf Polen setzt. In dem eigens erstellten Ranking zur Beurteilung des Kursniveaus ist Polen laut Accuvest derzeit der dritt-billigste Markt.

Die Wiederauferstehung

Hörfunk-Moderatorin Ulla Herrmann
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ARD-Börse: Wie Investoren auf Polens Rechtsruck reagieren [13.1.16]

Seit Mitte 2016 erlebt der polnische Aktienmarkt eine imposante Wiederauferstehung. Eine Überraschung für Investoren, die seit dem Regierungswechsel 2015 genau das Gegenteil erwartet hatten. Die erneut an die Macht gekommene rechtskonservative Partei "Recht und Gerechtigkeit", die PiS, hatte nämlich Sondersteuern für ausländisch dominierte Branchen wie Banken und Supermärkte eingeführt. Polen bekam die höchste Bankensteuer in der EU. Das verunsicherte Investoren, sie befürchteten Gefahr für das Investitionsklima. Schon sah man den Niedergang der polnischen Wirtschaft und auch der Börse voraus. Doch das Gegenteil trat ein.

Viele internationale Unternehmen zog es in das aufstrebende Schwellenland, Autokonzerne wie VW, Toyota und zuletzt auch Daimler, Hightechfirmen wie Samsung und Intel und selbst große Finanzinsistute wie UBS und CS. Sie finden in den eingerichteten Sonderwirtschaftszonen, die ihnen unter anderem steuerliche Vorteile einbringen, hervorragende Investitionsbedingungen. Der polnische Staat hilft in diesen Regionen zudem mit der nötigen Infrastruktur. Das wiederum befeuert den Immobilienmarkt und entsprechend auch den Bausektor. Allerorten wird gebaut.

Sehr gut getan hat der polnischen Wirtschaft auch die Abwertung des Zloty gegenüber dem Euro nach der Finanzkrise, was den polnischen Exportfirmen zugute kam. Ökonomen schreiben der flexiblen Währung einen großen Teil des Erfolges zu. Seit Jahresbeginn hat die polnische Währung gegenüber dem Euro etwas zugelegt, was auch der guten konjunkturellen Entwicklung zuzuschreiben ist.

Der Wirtschafts-Star

Dank der brummenden Wirtschaft stimmt die Lage auf dem Arbeitsmarkt, die Jobs sind angesichts des Wirtschaftsaufschwungs sicherer, und die Löhne steigen. Entsprechend locker sitzt das Geld im Portemonnaie. Die Bevölkerung ist wieder ausgesprochen ausgabefreudig. Die familienfreundliche Fiskalpolitik war dabei entscheidend. So hat die PiS im vergangenen Jahr das Kindergeld massiv erhöht und zu Beginn des laufenden Jahres den Mindestlohn um acht und die Mindestrente um 13 Prozent angehoben. Jetzt befeuert der Konsum die Wirtschaft, ist einer der wesentlichen Treiber.

Die Ratingagenturen reagierten auf den wirtschaftlichen Aufschwung. Im Dezember 2016 hob Standard & Poor’s Polens Ausblick von „negativ“ auf „stabil“. Im Mai 2017 stufte Moody's die Bonitätsnote des Landes hoch.

Polen ist nun eine der am stärksten wachsenden Volkswirtschaften innerhalb der Europäischen Union. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der östlichen Nachbarn wuchs in der ersten Jahreshälfte real um vier Prozent und dürfte im weiteren Jahresverlauf ähnlich zulegen, wie die Analysten der Helaba in einer Analyse hervorheben. "Vieles spricht dafür, dass der Optimismus der Verbraucher das Gesamtbild für 2017 prägen wird", so das Urteil der Volkswirte.

Anti-Europa-Kurs ist Gift für die Wirtschaft

Der Politik kommen die positiven Meldung von der Konjunktur natürlich recht. Das verlagert die Berichterstattung zu erfreulicheren Schlagzeilen und bringt Pluspunkte in der Bevölkerung. Allerdings hat sich das Land mit seiner geplanten Justiz-Reform in Misskredit gebracht, was ausländische Investoren mit Argwohn sehen. Zwar stimmt das Investitionsklima noch, trotz gestiegener Löhne ist Lohnniveau im internationalen Vergleich noch verlockend niedrig. Doch beklagen Unternehmer die mangelnde Rechtssicherheit und die geringere politische und gesellschaftliche Stabilität.

Laut einer Umfrage von deutsch-polnischen Außenhandelskammer (AHK) und Deutschem Industrie- und Handelskammertag (DIHK) sinkt die Invesitionsbereitschaft deutscher Unternehmer. Der Anteil derer, die ihre Investitionsausgaben in Polen erhöhen wollen, gab von 36 auf 32,5 Prozent nach. Sorgen bereitet ihnen vor allem der Anti-Europa-Kurs. So hat der ehemalige polnische Premier und jetzige EU-Ratspräsident Donald Tusk gar vor einem EU-Austritt gewarnt. Das könnte gravierende Folgen für die Wirtschaft haben. Das Land braucht Deutschland. Gerade deutsche Unternehmen sind in Polen ein starker Wirtschaftsfaktor, 6.500 Firmen haben Werke beim östlichen Nachbarn eröffnet. So viele Niederlassungen haben Unternehmer aus anderen Ländern nicht in Polen. Und das Land braucht Europa. Drei Viertel der polnischen Exporte fließen in den EU-Raum.

Starke Verflechtungen
Deutschland ist der wichtigste Exportmarkt der Polen. Mehr als ein Viertel der Ausfuhren gehen nach Deutschland. Umgekehrt ist auch Polen für die Deutschen von Bedeutung, die Nachbarn im Osten sind Deutschlands achtwichtigster Markt der Welt.

Das gestiegene Investitionsrisiko und die Sorgen der Investoren schlugen sich bereits bei polnischen Staatsanleihen nieder. Mttlerweile werden hier höhere Risikoaufschläge verlangt als bei ungarischen Bonds. Und das, obwohl die Bewertung der Ratingagenturen genau anders herum ausfällt: Polens Kreditwürdigkeit wird von Standard & Poor's mit BBB+ angegeben, die von Ungarn mit der schlechteren Note BBB-. Auch am Aktienmarkt ist seit Mai eine gewisse Zurückhaltung eingekehrt. Der WIG 20 bewegte sich bis Mitte August eher seitwärts, bis dann wieder etwas Leben in den Leitindex kam.

Moderate Schulden, moderate Inflation

Noch läuft die Wirtschaft rund. Der nationalistische Kurs Polens könnte aber nicht nur die Handeslbeziehungen belasten, sondern auch bewirken, dass die EU die Fördergelder eindampft. Beides kann sich Polen nicht leisten. Problematisch ist auch: Die neue Sozialpolitik hat die Schulden steigen lassen. Noch liegt die Staatsverschuldung mit 53 Prozent des BIP im internationalen Vergleich eher im unteren Bereich. Aber das liegt hauptsächlich daran, dass die Vorgängerregierung solide gewirtschaftet hat. Unter der PiS sind die Schulden deutlich schneller gewachsen.

Sollte die Konjunktur unter Dampf bleiben, könnte sich auch die polnische Zentralbank zu einem Zinsschritt genötigt sehen. Der Leitzins liegt derzeit bei 1,5 Prozent. Doch stehen die Zeichen nicht auf Erhöhung. Die Inflation ist moderat, sie dürfte im Jahresdurchschnitt bei 2,0 Prozent liegen und damit unterhalb des Zentralbankziels von 2,5 Prozent, wie die Helaba in ihrer Analyse schreibt. Zwar dürften steigende Löhne mit der Zeit für eine höhere Teuerung sorgen - entsprechend würde die polnische Notenbank dann auch ihre Geldpolitik straffen. Allerdings rechnet die Bank in diesem Jahr noch nicht damit. Die Notenbank dürfte ein Interesse haben, den Zloty nicht zu stark werden zu lassen und so die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten.

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