Flyer zu Pro und Contra in Schweizer Vollgeld-Abstimmung

Volksabstimmung über Vollgeld-Initiative Neues Geldsystem in der Schweiz?

von Notker Blechner

Stand: 08.06.2018, 09:29 Uhr

Am Sonntag könnte die Schweiz für eine kleine Revolution sorgen. Die Eidgenossen stimmen über die Vollgeld-Initiative ab. Sie würde ein neues Geldsystem schaffen, in dem die Zentralbank die Kontrolle hat. Die Regierung, die Banken und auch die Schweizer Nationalbank lehnen das Experiment ab.

Mit einem riesigen aufblasbaren Sparschwein und dem Spruch "Nur echte Franken für mein Konto!" werben seit Wochen die Vollgeld-Fans für ihr Vorhaben. Sie wollen den Banken verbieten, im Rahmen von Kreditvergaben neues Geld in Umlauf zu bringen, das so genannte Buchgeld. Nur die Zentralbank soll künftig Geld schöpfen dürfen.

Schutz gegen die nächste Finanzkrise?

Dadurch soll das Finanzsystem sicherer werden. Banken könnten nur noch Geld als Kredit verleihen, wenn sie dieses zuvor von der Schweizer Notenbank (SNB), anderen Banken oder über langfristige Kundeneinlagen erhalten. "Vollgeld macht elektronisches Geld auch bei Finanzkrisen so sicher wie Bargeld im Tresor", versprechen die Initiatoren der Volksabstimmung. Die so genannten Vollgeld-Konten wären vor einer Banken-Pleite sicher. Einen Bank-Run würde es nicht geben.

Beim Referendum geht es also um die existenzielle Frage: Woher kommt unser Geld? Tatsächlich wird das meiste Geld heute von privaten Banken geschöpft. Vergibt eine Bank einen Kredit, schafft sie Geld aus dem Nichts und weitet ihre Bilanz aus.

Wie die Bank Geld schöpft

Anders ausgedrückt: Vergibt die Bank aus Einlagen ihrer Kunden einen Kredit und verwendet der Kreditnehmer das Geld etwa für einen Hauskauf, entsteht auf dem Konto des Hausverkäufers eine neue Einlage, die wiederum für die Kreditvergabe genutzt werden kann. Banken können Kredite nicht nur aus Kundeneinlagen, sondern auch aus Krediten anderer Banken oder Notenbankgeld vergeben.

Die Bank verpflichtet sich zwar zur Bargeld-Auszahlung auf Wunsch. Tatsächlich fordern die Kunden dies aber nur zu einem Bruchteil ein. Denn die meisten Transaktionen - wie etwa Gehalts- oder Mietüberweisungen - finden bargeldlos zwischen Konten von Geschäftsbanken statt. Rund 90 Prozent Geldmenge existiert als (unsichtbares) Buchgeld auf Bankkonten, das nur (virtuell) in den Büchern der Banken "liegt". Kritiker des Geldsystems bezeichnen dies häufig als Geldschöpfung "aus dem Nichts".

Gegner warnen vor hoch riskantem Experiment

So schön die Idee klingt, so kompliziert wäre die Umsetzung. Die Kritiker der Vollgeld-Initiative warnen vor den unabsehbaren Folgen einer Umstellung des Geldsystems in der Schweiz. Die Schweizerische Bankiersvereinigung spricht von einem "beispiellosen Hochrisiko-Experiment".

Nach Einschätzung von Bankenvertretern und anderen Geldexperten dürften die Kredite teurer werden, falls nur noch die Notenbank die Geldmenge steuern würde. "Vollgeld wäre wie Sand im Getriebe des Kreditwesens", sagt Thomas Jordan, Präsident der SNB. Es würde den Konsum, die Investitionen und auch den Wohlstand der Alpenrepublik bremsen, prophezeit er.

Profitabilität der Banken würde leiden

Zudem würden die Gewinne der Banken schrumpfen. Schließlich könnten sie mit kurzfristigen Sichtgeldern nicht mehr arbeiten. Laut einer Studie der Ratingagentur S&P würde die Umstellung auf Vollgeld die Profitabilität der Banken schwächen und die Geschäftsmodelle in Frage stellen. Außerdem warnen Experten vor den ungewissen Folgen für den Schweizer Franken. Der Leitzins würde als geldpolitisches Instrument wegfallen, die SNB könnte nicht mehr am Devisenmarkt intervenieren, um den Franken zu  schwächen.

Manche befürchten gar einen Kollaps des Schweizer Finanzsystems. "Die Vollgeld-Initiative ist völliger Mist", schimpfte der Basler Ökonom Aleksander Berentsen auf einer Geld-Konferenz in Zürich. Sie sei einer der schädlichsten Initiativen, über die die Eidgenossen je abgestimmt hätten.

Tatsächlich wurde die letzte große Finanzkrise 2008/09 nicht durch einen "Bank run" und die ungebremste Geldschöpfung durch Banken ausgelöst. Schuld war die hohe Verschuldung der amerikanischen Hausbesitzer und das Schattenbanken-System in den USA, das in der Subprime-Krise mündete.

Glaubt man den Umfrageergebnissen, dürfte der Vorschlag mit großer Wahrscheinlichkeit abgelehnt werden. Laut der jüngsten Umfrage des Schweizerischen Rundfunks DRS wollen nur 34 Prozent der Befragten mit Ja stimmen. 54 Prozent lehnen die Initiative ab. Der Rest ist noch unentschlossen. Allerdings sollten sich die Finanz-Akteure nicht allzu sicher fühlen. Schließlich lagen die die Meinungsumfragen vor dem Brexit oder vor der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten daneben.