Still aus dem Neom-Imagefilm

Saudi-Arabien will sich verändern Neom: Wir bauen eine Stadt

Stand: 07.11.2017, 15:26 Uhr

Die "Vision 2030" soll Saudi-Arabien umfassend reformieren und den Staat unabhängiger vom Öl machen. Kernstück ist die Megacity Neom, die für den neuen Kronprinzen Mohammed bin Salman zur Bewährungsprobe werden könnte. Was ist Neom eigentlich?

Was ist Neom und wo soll es liegen?

Neom soll eine Megastadt am Roten Meer werden, die sich auf einer Fläche von 26.500 Quadratkilometern ausdehnt. Das entspricht etwa der Größe von Mecklenburg-Vorpommern oder der Hälfte der Schweiz. 500 Milliarden Dollar sollen dafür investiert werden. Im Jahr 2025 soll die erste Bauphase abgeschlossen sein.

Dagegen sehen die Leistungen anderer historischer Städtegründer ziemlich bescheiden aus: Alexandria in Ägypten, einst gegründet von Alexander dem Großen, hat über 2.300 Jahre gebraucht, um heute als zweitgrößte Stadt Afrikas ein Verwaltungsgebiet von 2.679 Quadratkilometern zu umfassen. Und das Stadtgebiet von Sankt Petersburg, dessen Gründung dem russischen Zaren Peter dem Großen zugeschrieben wird, ist mehr als 300 Jahre später nur rund 1.400 Quadratkilometer groß.

Lage der geplanten Stadt Neom

Neom. | Bildquelle: picture alliance / dpa, Montage: boerse.ARD.de

Neom ist ein Kunstwort, verschmolzen aus dem lateinischen „neo“ und dem arabischen „mostaqbal“, was so viel wie Zukunft bedeutet. Die Stadt soll eine Freihandelszone werden und ist ein wesentlicher Teil von „Vision 2030“, dem Modernisierungsplan des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman. „Dies ist kein Ort für konventionelle Menschen und Firmen, sondern ein Ort für die Träumer dieser Welt“, zitiert ihn die Schweizer „Handelszeitung“.  

Wie wird das Leben in der Zukunftsstadt genau aussehen?

Und wovon träumen die Träumer dieser Welt gerade? Die Megacity Neom soll die Zukunft der menschlichen Zivilisation demonstrieren, versprechen die Planer. Aber lassen wir den Kronprinzen selbst sprechen, um einen Eindruck von Neom zu gewinnen.

Mohammed bin Salman

Mohammed bin Salman, ein Mann mit einer Vision. | Bildquelle: picture alliance / AP Photo

Eigentlich sind in seinem Ausführungen fast alle modernen Schlüsselwörter vertreten, die uns derzeit als wünschenswerte Zukunft verkauft werden: Künstliche Intelligenz und das Internet der Dinge solle zu einem Lifestyle kombiniert werden, den es sonst nirgendwo gebe, kündigt Mohammed bin Salman in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Bloomberg an.

Elektronische Krankenakten, die häusliche Versorgung, unser Auto, die Familie – einfach alles werde miteinander vernetzt sein. Und das System entwickle sich selbst weiter, um uns mit noch besseren Dingen auszustatten. Supermärkte werden nicht nötig sein, Drohnen sollen die Einkäufe ins Smart Home tragen, autonome Verkehrsmittel machen den eigenen Wagen unnötig. Die Stadt soll App-gesteuert sein und vollständig automatisiert, eine gigantische Smart-City also. „Der erste Roboter in Neom wird Neom selbst sein“, unterstreicht der Kronprinz. Was für die einen ein Traum ist, ist für andere vielleicht eher ein Albtraum.

In David Leans Film-Klassiker „Lawrence von Arabien“ wird Thomas E. Lawrence von einem Reporter gefragt, was ihm an der Wüste gefalle. „Sie ist sauber“, antwortet er. Damit das so bleibt, soll die Stadt in der Wüste übrigens mit Sonnen-und Windenergie versorgt werden. In Neom werden auch eigene Gesetze und Steuerregelungen gelten.

Geplante Solarenergienutzung für das Neom-Projekt

Neom soll vor allem mit Solarenergie ausgestattet sein. | Bildquelle: discoverneom.com

Warum macht der saudische Kronprinz das überhaupt?

Die Stadt Neom ist nicht zuletzt ein PR-Projekt für die geplante Modernisierung Saudi-Arabiens, die vor allem vom Kronprinzen vorangetrieben wird. Angesichts der seit Mitte 2014 fallenden Ölpreise verabschiedete die Regierung in Riad im April 2016 den Reformplan „Vision 2030“, der eine Diversifizierung der stark vom Öl abhängigen saudi-arabischen Wirtschaft zum Ziel hat. Dazu zählt die auch Teilprivatisierung des Ölriesen Aramco.

Saudi-Arabien. Mann in traditioneller Kleidung mit Handy oberhalb der Kleinstadt Al Ula

In Saudi-Arabien soll sich auch gesellschaftlich etwas ändern, so der Plan. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Aber es geht nicht nur um ökonomische Reformen, auch gesellschaftlich soll sich in Saudi-Arabien einiges ändern. Er sehe Saudi-Arabien als „Land eines gemäßigten Islam, das für alle Religionen und für die Welt offen ist“, sagte Mohammed auf einem Wirtschaftsforum in Riad im Oktober. Für die junge Bevölkerung Saudi-Arabiens ist der künftige König ein Hoffnungsträger: Mehr als die Hälfte der Einwohner sind jünger als 25 Jahre, sie sehnen sich nach Reformen und einer Öffnung des Landes.

Auch Frauen können sich Hoffnung machen, unter einem späteren König Mohammed weitere Rechte zu bekommen. Einige Lockerungen hat es bereits gegeben. Für Juni wurde die Aufhebung des Fahrverbots für Frauen angekündigt, Mädchen wurde Sportunterricht an staatlichen Schulen erlaubt, und den Nationalfeiertag feierten Männer und Frauen erstmals gemeinsam im Stadion.

Wie wird das Projekt finanziert?

Die 500 Milliarden Dollar sollen von der saudischen Regierung, Saudi-Arabiens Staatsfonds Public Investment Fund, der aus dem staatlichen Ölgeschäft gespeist wird, sowie von lokalen und natürlich internationalen Investoren aufgebracht werden. Auch mithilfe von Privatisierungen soll Geld aufgetrieben werden. Ein Teil des weltweit größten Ölkonzerns Aramco soll im nächsten Jahr an die Börse gehen. Saudi-Arabien will zu fünf Prozent der Anteile an die Börse bringen und rund 100 Milliarden Dollar erlösen. Damit wäre Aramco 2.000 Milliarden Dollar wert. Geld kann Saudi- Arabien gut gebrauchen, denn seit 2014 weist der Staat ein Staatsdefizit aus. Das wird auch 2017 wieder der Fall sein.   

Szene aus

Was wir aus David Leans Film "Lawrence von Arabien" lernen: "Die Wüste ist sauber". | Bildquelle: (c) dpa - Bildarchiv

Wer profitiert von dem Mega-Projekt?

Neoms Gebiet wird nicht nur in Saudi-Arabien liegen, sondern sich auch über Teile von Jordanien und Ägypten erstrecken. Also werden auch die beiden Länder von der geplanten Freihandelszone profitieren, die Investoren aus aller Welt anlocken soll. Über das Rote Meer soll ferner eine Brücke nach Ägypten führen und damit Asien und Afrika verbinden.

Kingdom Center Riad, Saudi Arabien

Kingdom Center Riad. | Bildquelle: kingdomcentre.com.sa

Biotechnologie, Energie und die Medienbranche sind die Sektoren, die in Neom besonders gefördert werden sollen. Ansonsten sind es natürlich Infrastrukturunternehmen, deren Dienste sowohl beim Aufbau und der Unterhaltung der Smart City gefragt sind. Das wird nicht nur Baukonzerne betreffen, sondern insbesondere Konzerne aus der Digitalbranche. Zu den Unternehmen, die bereits genannt werden, gehören unter anderem Alibaba, Amazon, Airbus, Softbank und Richard Bransons Imperium.

Auch die deutsche Wirtschaft verspricht sich durch „Vision 2030" bessere Geschäftschancen für die Zukunft. „Wir sehen das als Zeichen dafür, dass die Regierung es ernst meint mit der Modernisierung“ , sagte Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), der Nachrichtenagentur Reuters. Die geplante wirtschaftliche Modernisierung bewerte die deutsche Wirtschaft unter dem Strich positiv. „Die deutsche Wirtschaft kann mit ihren Produkten bei der Diversifizierung der saudischen Wirtschaft unterstützen“, sagte Treier.

Wie wahrscheinlich ist es, dass die Vision 2030 Wirklichkeit wird?

Viele Experten können ihre Skepsis nicht verhehlen, obwohl grundsätzlich die Idee der Diversifikation begrüßt wird. Sebastian Sons von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik sagte im Deutschlandfunk Kultur, mit Neom solle eine Art „neues Silicon Valley“ entstehen. Das Ausmaß des Projekts sei gigantisch und für ihn nur „schwer vorstellbar“. Laut Sons gehe es in eine vernünftige Richtung, was die wirtschaftliche Öffnung betreffe, aber eine grundlegende gesellschaftliche Öffnung werde es in Saudi-Arabien nicht geben, meint der Experte.

Landschaft am geplanten Neom-Standort

Neom: Schwer vorstellbar. | Bildquelle: discoverneom.com

Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters sagte Patrick Dennis, Ökonom bei Oxford Economics, man müsse nicht nur Pläne, sondern auch Taten sehen. Bislang sei man beim Thema Diversifikation in Saudi-Arabien nur langsam voran gekommen. Allerdings sei der Druck zur Veränderung derzeit hoch, sodass man im Königreich gezwungen sei, etwas zu unternehmen. Aber es werde sehr schwierig.   

ts