Stadtansicht von Venedig in grün-weiß-rot
Audio

Nach der Italien-Wahl Zwischen Stillstand und Euro-Skepsis

von Bettina Seidl

Stand: 05.03.2018, 09:14 Uhr

Die Italien-Wahl hat eine klare Mehrheit: Die italienischen Wähler sagen Nein zu Europa. Schlecht für den europäischen Gemeinschaftsgedanken, schlecht auch für die Gemeinschaftswährung Euro. Schlimmer noch für die Finanzmärkte aber ist der drohende politische Stillstand.

Wie wird die neue Regierung in Italien aussehen? Gut möglich, dass die Italiener noch länger warten müssen als wir in Deutschland, bis die Regierung steht. Weder die stärkste Kraft, das vorne liegende Mitte-Rechts-Bündnis von Ex-Ministerpräsident Silvio Berluscon, noch die Fünf-Sterne-Protestpartei können das wirtschaftlich angeschlagene Land alleine regieren. Das sieht nach einer längeren politischen Hängepartie aus. Auch Neuwahlen sind denkbar.

"Stillstand, jetzt auf Italienisch", kommentierte Carsten Brzeski, Volkswirt von ING. Stillstand und Unsicherheit sind nicht unbedingt nach dem Geschmack der Finanzmärkte. Sie können besser mit einer gewissen Vorhersagbarkeit umgehen. Die Börsen erwartet heute ein entsprechend schwacher Tag, wobei natürlich auch der drohende Handelskrieg mit den USA hereinspielt. Der italienische Leitindex FTSE MIB verliert gleich in den ersten Minuten des Börsenhandels am Montagmorgen zwei Prozent. Der Deutsche Aktienindex Dax zeigt sich zum Börsenstart am Montagmorgen aber relativ gefasst, vielleicht sind Marktteilnehmer nach dem Hin und Her zwischen Jamaika bis GroKo, inzwischen auch abgestumpft. Härter trifft es den Euro: Die Gemeinschaftswährung sackte wieder unter die Marke von 1,23 Dollar.

Doch dürften die nächsten Wochen an den Finanzmärkten turbulent werden. Denn Investoren müssen sich auf eine lange Phase der Unklarheit einstellen.

Gegen den europäischen Gemeinschaftswillen

Klar ist in diesem politischen Gemenge nur eins: Die europakritischen und rechten Parteien liegen vorn. Eine Folge der schwachen wirtschaftlichen Entwicklung der letzten Jahre, wie Volkswirt Brzeski ausführt. Der aktuelle konjunkturelle Aufschwung sei noch zu schwach und zu kurz, um bei der Bevölkerung anzukommen.

»"Die italienischen Wahlen sind die nächste Folge in einer langen politischen Serie, in der die politische Landschaft in ganz Europa immer komplizierter wird, Anti-Establishment-Parteien Wähler gewinnen und Regierungsbildungen immer komplizierter werden.«

Carsten Brzeski, ING

Schlecht für den Gemeinschaftsgedanken, schlecht auch für die Gemeinschaftswährung Euro, deren Kurs heute fiel. Sie sackte wieder unter die Marke von 1,23 Dollar zurück.

Rolle rückwärts bei Reformen?

Analysten und Volkswirte sind in ihren Kommentaren äußerst skeptisch. "Italien dürfte - egal unter welcher Regierung - in den nächsten Jahren vor allem egozentrisch auf Zugeständnisse beim Schuldenmachen pochen", sagt Commerzbank-Analyst Ulrich Leuchtmann. "Ein verlässlicher Partner in einem konstruktiven europäischen Reformprozess sieht anders aus."

Es sei zu erwarten, dass es in Italien nun nicht mehr zu sinnvollen Strukturreformen komme, sagt auch Fabio Fois, Analyst bei Barclays. Das Risiko sei groß, dass frühere Reformen zurückgeschraubt würden. Ähnlich Thomas Altmann von QC Partners: "Die Themen Wachstum und Schuldenabbau rücken damit erst einmal in den Hintergrund." Keine gute Nachricht für die italienische Wirtschaft. Zwar sind die Italiener unklare und instabile Verhältnisse gewöhnt. "Die Wirtschaft ist allerdings in keiner Verfassung, in der sie sich einen langen Stillstand leisten kann", so Altmann.

Es gäbe aber eine noch schlimmere Entwicklung. "Für die Finanzmärkte und Europa wäre eine Koalition zwischen 5-Sterne-Bewegung und Lega das Schlimmste aller möglichen Szenarien", sagt ING-Experte Brzeski. "Selbst so eine Koalition scheint aktuell möglich zu sein."

Am Anleihemarkt ist der unsichere Kurs Italiens besonders deutlich zu sehen. Die Rendite für italienische Anleihen steigt wieder. Papiere mit zehnjähriger Laufzeit legten etwa fünf Basispunkte auf rund zwei Prozent zu. Steigende Renditen als Ausdruck von Unsicherheit waren auch in Spanien und Portugal zu verzeichnen. Die Prämien für Ausfallversicherungen (CDS) auf italienische Staatsanleihen stiegen ebenfalls an, allerdings von niedrigem Niveau aus.

Dagegen wirken deutsche Bundesanleihen wie ein Hort der Sicherheit. Sie verbuchten Kursgewinne, was deren Rendite schmälerte.

Eine Hand wirft in einen Stimmzettel in eine Wahlurne in italienischen Farben
Audio

Italien-Wahl: Viel steht auf dem Spiel

.