Ausblick 2019 Emerging Markets

Kleine Erholung nach dem Absturz Lohnen sich Emerging Markets wieder?

Stand: 05.02.2019, 16:38 Uhr

Anleger, die in Schwellenländer investieren, brauchten im vergangenen Jahr wieder starke Nerven: Die Börsen der Emerging Markets gehörten zu den großen Verlierern. Kommt 2019 die Erholung? Oder droht der nächste Sturm?

So schnell kann sich der Wind drehen: 2017 waren die Schwellenländer noch die Stars an der Börse, 2018 jedoch entwickelten sie sich zum Problemfall. Der maßgebliche MSCI Emerging Markets Index sackte um rund 18 Prozent ab - deutlich mehr als der MSCI World -, nachdem er im Jahr zuvor noch um fast 35 Prozent nach oben gerauscht war.

Türkei-Krise schürte Angst vor Schwellenländer-Krise

Im Sommer grassierte zeitweise die Angst vor einer neuen "Schwellenländer-Krise". Die Türkei-Krise griff auf andere Emerging Markets über. Im Sog des Lira-Crashs brachen die Währungen von Brasilien, Südafrika sowie Indien ein. Der Ausverkauf erfasste auch die Aktienmärkte der Schwellenländer. Selbst deutsche Ökonomen und Top-Banker zeigten sich besorgt. "Die instabile Lage in der Türkei führt zu neuen Fragezeichen hinsichtlich der Stabilität anderer Schwellenländer - von Argentinien über Südafrika bis Indonesien", warnte Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing Anfang September auf einem Banken-Gipfel.

Doch die Ängste waren übertrieben, inzwischen hat sich die Lage wieder beruhigt. In den letzten drei Monaten hat der MSCI-Index Emerging Markets über zehn Prozent gewonnen und die Marke von 1.000 Punkten geknackt. Vom vor gut einem Jahr erreichten Rekordhoch von 1.273 Zählern ist das Kursbarometer allerdings noch ein gutes Stück entfernt.

MSCI Emerging Markets

MSCI Emerging Markets. | Grafik: boerse.ARD.de

Niedrige Bewertung

Schon trommeln Experten wieder lautstark für die Investition in Emerging Markets. Sie verweisen auf die niedrige Bewertung. Mit einem KGV von 14 erscheinen Aktien aus den Schwellenländern fast um die Hälfte billiger als Wall-Street-Titel. Hinsichtlich der Bewertung hält Angelika Millendorfer, Anlagestrategin der österreichischen Raiffeisen Capital, "etliche Emerging Markets" für "recht attraktiv".

Alles wieder eitel Sonnenschein also? Wohl kaum! Schwellenländerpapiere waren schon immer viel günstiger als US-Aktien. Denn sie sind mit deutlich größeren Risiken behaftet und entwickeln sich auch deutlich volatiler.

Die China-Gefahr

Ob 2019 zu einem Entspannungsjahr für Emerging Markets wird, hängt von mehreren Faktoren ab. So vor allem von den Wirtschaftsbeziehungen zwischen den USA und China. Sollte der Handelsstreit eskalieren, droht sich die chinesische Konjunktur weiter abzuschwächen. Dies könnte sich negativ auf andere Regionen, vor allem in Asien auswirken. "Im Zuge der Supply-Chain-Verbindungen könnte sich der Handelskrieg zwischen den beiden Großmächten auf andere Länder ausbreiten", warnen die Anlagestrategen von Axa Investment Managers.

Sollte es jedoch zu einer Annäherung zwischen Peking und Washington kommen, worauf zuletzt spekuliert wurde, dürften die Schwellenländer profitieren. Zuletzt hatte sich Chinas Konjunktur – unter anderem wegen des Handelsstreits – spürbar abgekühlt. 2018 wuchs die Wirtschaft im Reich der Mitte so schwach wie seit 1990 nicht mehr.

Zwar hat die Regierung in Peking Wachstumsprogramme angekündigt, um die Konjunktur anzukurbeln. Der Stimulus werde aber nur von kurzer Dauer sein, meinen Experten. Das Reich der Mitte befindet sich im Umbruch – von einer exportlastigen zu einer mehr konsumorientierten Wirtschaft. "China wird es nicht schaffen, sich zu wandeln, ohne Schockwellen auszulösen", meint Jean-Jacques Durand, verantwortlich für Schwellenländer-Investments bei der Privatbank Edmond de Rothschild. Er sieht China als die größte Gefahr für die Schwellenländer.

Im Bann der US-Geldpolitik

Ein weiteres Damoklesschwert für die Emerging Markets ist die Zinspolitik der Fed. Durch die höheren Renditen in den USA wurde es für Anleger attraktiver, in amerikanische Zinspapiere zu investieren. So floss 2018 verstärkt Kapital aus Schwellenländern in die USA. Sollte die Fed in diesem Jahr stärker an der Zinsschraube drehen als erwartet, könnten die Abflüsse weiter zunehmen. Ein generell höheres Zinsniveau würde außerdem viele Dollar-Schuldner gefährden. Momentan sieht es aber eher nach einer Zinspause in den USA aus. Das würde den Emerging Markets helfen.

Der chinesisch-amerikanische Handelskrieg, das mögliche Wiedererstarken des US-Dollars, das Herunterfahren der lockeren Geldpolitik der Fed und die Dollar-Verschuldung in einzelnen Schwellenländern bleiben die Belastungsfaktoren für die Schwellenländer auch in diesem Jahr. Hinzu kommen politische Risiken. In der ersten Jahreshälfte finden in mehreren Ländern Wahlen statt, darunter in Indien, Indonesien und voraussichtlich Thailand. "Die Widerstandsfähigkeit der Emerging Markets wird 2019 getestet", meinen die Axa-Experten.

Besonders besorgt blicken Investoren auf die zunehmende Dollar-Verschuldung in den Schwellenländern. Dadurch kam es 2018 zu heftigen Turbulenzen in der Türkei und in Argentinien. Die heimischen Währungen verloren massiv an Wert gegenüber dem US-Dollar. Immerhin wächst inzwischen die Dollar-Verschuldung weniger stark als noch Anfang 2018. Im dritten Quartal stieg das Volumen der ausstehenden Kredite in der US-Währung um gut vier Prozent auf 3,7 Billionen Dollar, teilte die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich mit.

Favorit Asien

Emerging-Market-Fans weisen solche Ängste zurück. Sie betonen immer wieder, dass große Länder wie China und Indien viel weniger verschuldet sind als europäische Staaten wie Italien und Griechenland. Viele Fondsgesellschaften sehen vor allem Asien als Region mit dem größten Aufwärtspotenzial innerhalb der Emerging Markets.

Die Volkswirtschaften im asiatisch-pazifischen Raum dürften im vergangenen Jahr so stark gewachsen sein wie seit 2013 nicht mehr, lobt der Luxemburger Vermögensverwalter Momentum. "Die Staatsverschuldung dort ist relativ gering, und die Leistungsbilanzdefizite wurden deutlich verringert." Die Wachstumsverlangsamung in China sei unkritisch.

Ähnlich optimistisch äußert sich Sanjiv Duggal, Chef-Aktienanlagestratege der HSBC für asiatisch-pazifische Aktien. "Jetzt ist eine gute Zeit für asiatische Aktien", meint er. Das Schlimmste in China sei überstanden, das Konjunkturprogramm dürfte die Aktien im Reich der Mitte wieder antreiben. Und auch in Indien sei derzeit eine gute Gelegenheit, günstig einzukaufen. Die jüngste Liquiditätskrise der indischen Banken neige sich dem Ende zu. Die bevorstehenden Parlamentswahlen sieht der gebürtige Inder Duggal gelassen. Egal ob die Partei des amtierenden Premierministers Narendra Modi oder die oppositionelle Gandhi-Partei gewinne, in der Wirtschaftspolitik seien sich beide ähnlich. Der HSBC-Anlagestratege bevorzugt derzeit asiatische Konsum-, Versicherungs-, Gesundheits- und Tech-Titel wie Samsonite, Glenmark Pharmaceuticals und VIP Shop.

Kaldemorgen setzt auf Türkei-Anleihen in Dollar

Wem Emerging-Markets-Aktien zu riskant sind, der kann auch in Anleihen investieren. BNP Paribas Asset Management hält Emerging-Markets-Anleihen nach der Korrektur 2018 wieder für attraktiv. Selbst der bekannte DWS-Fondsmanager Klaus Kaldemorgen findet Gefallen an Schwellenländerpapieren. So hält er türkische Staatsanleihen in US-Dollar mit acht bis neun Prozent Rendite für "sicherer als Italien".

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Attraktive Schwellenländer Von Delhi bis Rio

Bullenstatue in der Bombay Stock Exchange in Mumbai

Indien
Kein Land in Asien wächst stärker als Indien. Das BIP legte 2018 voraussichtlich um 7,3 Prozent zu. Allerdings hat sich der Wachstumsmotor seit Mitte des vergangenen Jahres etwas abgekühlt. Nach einem Plus von 8,2 Prozent im zweiten Quartal betrug der Zuwachs im darauffolgenden Quartal nur noch 7,0 Prozent. In diesem Jahr soll der indische Subkontinent laut Prognosen um 7,2 Prozent wachsen. Die Modi-Regierung will die Infrastruktur-Modernisierung weiter vorantreiben. Zudem pumpt die indische Notenbank Geld in den Markt – zur Freude der Anleger. Die Börse in Mumbai gehörte zu den wenigen Gewinnern 2018. Der Sensex stieg um sechs Prozent. Ob der Höhenflug anhält, dürfte auch von den Parlamentswahlen im Mai abhängen. Die Partei von Premierminister Modi droht der Verlust der Mehrheit. Viele der gemachten Versprechen wurden nicht erfüllt. So hatte Modi die Schaffung von zehn Millionen neuen Jobs versprochen. Die oppositionelle Kongresspartei unter der Führung von Rahul Gandhi hat für den Fall seines Wahlsiegs ein "garantiertes Grundeinkommen" für Arme in Aussicht gestellt.