Soldaten mit Mundschutz auf dem Domplatz in Mailand

Ein Land steht still Löst Italien eine neue Finanzkrise aus?

von Notker Blechner

Stand: 16.03.2020, 10:08 Uhr

Wegen der Ausbreitung des Coronavirus steht ganz Italien unter Quarantäne. Darunter leidet die Wirtschaft, die mit Milliardenhilfen gestützt werden muss. Die Sorge um Italien schürt die Angst vor einer neuen Schuldenkrise in Europa.

Früher war der Markusplatz in Venedig überfüllt von Touristen, jetzt ist die beliebte Touristenattraktion verwaist. Zahlreiche Orte in Italien wirken derzeit wie Geisterstädte. Das gesellschaftliche und geschäftliche Treiben ist zum Erliegen gekommen. Seit Donnerstag sind Restaurants, Bars und Läden geschlossen. Nur Supermärkte, Tankstellen und Apotheken bleiben geöffnet. Die Fabriken dürfen teilweise weiter produzieren - aber nur unter hohen Vorkehrungsmaßnahmen.

Um den ökonomischen Schaden zu begrenzen, pumpt Rom Milliardenhilfen in die heimische Wirtschaft. Hilfspakete in Höhe von 25 Milliarden Euro wurden in der letzten Woche beschlossen. Privaten Haushalten und kleinen Firmen wird die Zahlung ihrer Hypothekenzinsen gestundet.

Italienische Dienstleistungen besonders betroffen

Italienische Dienstleistungen besonders betroffen.

Zinsstundungen wie in der Finanzkrise 2008

Das ist eine tragische Wiederholung der Geschichte: Auch vor zwölf Jahren bekamen verschuldete Haushalte und Firmen einen Aufschub. Damals brach die Finanzkrise aus, die auch Italien hart traf.

Ereilt Italien nun 2020 wieder dasselbe Schicksal? Rutscht das Land nicht nur in eine Rezession, sondern in eine Banken- und Finanzkrise? Die Gefahr ist groß, denn anders als in den USA leihen sich Firmen in Italien und Geld meist von ihrer Hausbank. Bei Kreditausfällen kämen Italiens Banken rasch in Turbulenzen.

Noch immer viele faule Kredite bei den Banken

Zumal sie ohnehin nicht auf gesunden Füßen stehen. Noch immer leiden sie unter faulen Krediten und geringen Kapitalpolstern. Im Schnitt haben sie 7,3 Prozent ausfallgefährdete Kredite in ihren Bilanzen stehen - das ist doppelt so viel wie im Rest der Eurozone. Mit jedem Tag, an dem die Wirtschaft Italiens still steht, steigen die Risiken, dass die Kredite nicht zurückgezahlt werden, weil immer mehr Firmen pleitegehen. Besonders mittelgroße italienische Geldhäuser wie die Mailänder BPM und Bper oder die marode Monte de Paschi di Siena wären von einer neuen Krise hart betroffen.

"Italien steht an der Schwelle einer Finanzkrise", warnt Ashoka Mody, Wirtschaftsprofessor an der Princeton University und früherer IWF-Vizedirektor, im "Spiegel". Die Politik müsse eine finanzielle "Brandmauer" um Italien ziehen, um die Angst zu vertreiben, die an den Märkten herrsche.

Italien in der Rezession

Schon jetzt sieht die Ratingagentur Moody's Italien in der Rezession. Die meisten Ökonomen rechnen für dieses Jahr mit einer schrumpfenden Wirtschaft. Die Commerzbank hat die Wachstumsprognose für das laufende Jahr auf minus 0,3 Prozent gesenkt. Der Vermögensverwalter Feri rechnet gar mit einem BIP-Rückgang von 2,1 Prozent - und das noch im optimistischen Szenario von einer Erholung im zweiten Halbjahr.

Das erste Halbjahr dürfte verheerend ausfallen für Italiens Volkswirtschaft. Die Commerzbank-Ökonomen prophezeien einen Einbruch des BIP von 5,5 Prozent - unter der Annahme, dass die italienischen Wirtschaftsaktivitäten bis Mitte Mai noch vom Coronavirus gelähmt bleiben.

Ein Land im Dilemma

Führende deutsche Ökonomen und auch Anlagestrategen sind beunruhigt. Sie befürchten mögliche Ansteckungsgefahren für das Finanzsystem der Eurozone. "Die Situation macht mir große Sorgen", erklärte jüngst der deutsche Ökonom Jens Südekum. Einerseits müsse sich die Europäische Zentralbank (EZB) darum kümmern, dass die italienischen Banken nicht in Bedrängnis gerieten, forderte der Wirtschaftswissenschaftler. Andererseits müsse der italienische Staat zur Not auch mehr Schulden aufnehmen, um die Unternehmen im Land zu stützen.

Eine noch größere Überschuldung kann sich aber eigentlich Italien nicht leisten. Das Land stand seit 2008 mehrfach am Rande einer Schuldenkrise. Und drohte auch Europa, mit in die Tiefe zu ziehen. Statt überfällige Reformen durchzuführen, machte "Bella Italia" immer mehr Schulden, ohne dass die Wirtschaft richtig auf die Beine kam. Seit gut 20 Jahren stagniert sie. Zuletzt wollte Italiens frühere Regierung aus Lega und Fünf Sterne das Haushaltsdefizit des Landes kräftig anheben - und riskierte einen Streit mit der EU.

Renditen der Italien-Bonds könnten rasch wieder anziehen

Damals kletterten die Renditen zehnjähriger italienischer Staatsanleihen auf bis 3,8 Prozent. Von diesem Niveau sind sie aktuell mit 1,6 Prozent weit entfernt. Doch wie schnell sie wieder nach oben springen können, zeigte sich am Donnerstag vergangener Woche. Als EZB-Präsidentin Christine Lagarde zum Thema der italienischer Staatsanleihen erklärte, dass Notenbanken nicht dazu da seien, um Renditeaufschläge zu schließen. Prompt schossen die Renditen italienischer Staatsanleihen um 55 Basispunkte in die Höhe. Die italienische Öffentlichkeit reagierte verärgert auf Lagardes Aussagen.

Experten uneins über die Zukunft

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Noch sei Italien weit von einem Szenario der Bankenkrise entfernt, versucht der Wirtschaftsweise Lars Feld zu beruhigen. Auch Anlagestrategen wie der Feri-Investmentchef Heinz-Werner Rapp zeigen sich relativ gelassen. "Die EZB wird Italien helfen", glaubt er. "Frau Lagarde wird die Italien-Krise abfangen und isolieren." Nach Meinung von Rapp sei vorerst keine Euro-Krise zu erwarten.

Italien-Fan und Manager Wolfgang Reitzle, Aufsichtsratschef von Linde, sieht das anders. Dem Euro stehe ein Mega-Stresstest bevor, prophezeite er im "Spiegel". Reitzle rechnet spätestens im Herbst mit Krisensitzungen zur Rettung Italiens. Dann würde eine neue Finanzkrise "made by Italy" näher rücken…