Marcel Fratzscher, DIW

DIW-Chef zum Brexit Lieber ein Ende mit Schrecken...

Stand: 06.09.2019, 09:18 Uhr

Während in London noch heftig über die Modalitäten des Brexit gestritten wird, macht sich DIW-Chef Marcel Fratzscher schon Gedanken, was für die deutsche Wirtschaft wohl die beste Lösung wäre. Dabei kommt er zu einem eindeutigen Urteil.

Vor allem eine Hängepartie fürchtet der Chef des Instituts mehr als das Ausscheiden selbst und fordert daher: "Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende."

Britische Flaggen und Exit-Schild

Brexit. | Bildquelle: picture alliance / Yui Mok/PA Wire/dpa

Denn das größte Risiko ist nach Fratzschers Meinung die Unsicherheit der Unternehmen. Zu erkennen sei dies bereits an sich abschwächenden Exporten nach Großbritannien und Irland. "Wenn einmal Klarheit da ist und die Unternehmen wissen, worauf sie sich einstellen müssen, kann man auch damit umgehen", fügte der DIW-Präsident hinzu.

Brexit ist für Deutschland verkraftbar

Nur gibt es eben keine Blaupause für ein Ereignis wie den Brexit. Szenarien müssen also modelliert werden, so wie das die Bertelsmann-Stiftung jüngst getan hat. Die Forscher gehen davon aus, dass bei einem ungeregelten EU-Austritt ohne Vertrag Einkommensverluste von fast 100 Milliarden Euro pro Jahr entstünden.

57 Milliarden davon würden auf Großbritannien entfallen, 9,5 Milliarden auf Deutschland. Ein klassisches "lose-lose" - Szenario also. "Es ist immer noch von Vorteil für alle Seiten, wenn der 'Hard Brexit' abgewendet wird", sagte Studienautor Dominic Ponattu der "dpa". "Mehr Zeit, um ein Abkommen zu verhandeln, wäre es definitiv wert."

Aber davon will Marcel Fratzscher nichts wissen. Denn der deutsche Verbraucher sei ohnehin kaum betroffen. "Das, was wir aus Großbritannien importieren an Konsumgütern, ist begrenzt."

Ohnehin liege das Risiko eher bei Großbritannien und Irland, so der DIW-Chef weiter, die sich auf erhebliche negative Folgen einstellen müssten. London stünde von daher unter großem Einigungsdruck mit der EU. Abzulesen ist dies übrigens auch an der Entwicklung des britischen Pfundes, das sich Brexit-bedingt schon seit 2016 auf Talfahrt befindet.

Die Fragezeichen überwiegen

Bis alles aber genau beurteilt werden kann, wird noch viel Wasser die Themse herunterfließen. Weder ein zukünftiges Zollregime an den Grenzen außerhalb der WTO-Regeln, noch ein mögliches Freihandelsabkommen sind bisher in Ansätzen erkennbar. Politisch ist es sogar möglich, dass der ganze Brexit-Prozess noch mal von vorne aufgerollt wird - nach möglichen Neuwahlen in Großbritannien. Aber auch das ist ja alles andere als in trockenen Tüchern.

rm/dpa