EU-Kommission droht mit Aberkennung des Äquivalenzstatus Letzter Countdown für die Schweizer Börse

Stand: 19.06.2019, 11:47 Uhr

Schweizer Aktien befinden sich im Höhenflug. Gerade erst hat der Leitindex SMI ein Rekordhoch erklommen. In wenigen Tagen könnte es deutlich schwieriger werden, eidgenössische Titel zu erwerben. Die Schweizer Börse droht den Marktzugang zur EU zu verlieren.

Die Beziehungen zwischen der EU und der kleinen Schweiz liefen noch nie störungsfrei, manche sprechen gar von einer "Liaison fatale". Besonders deutlich wird das gespannte Verhältnis bei den Verhandlungen für ein Rahmenabkommen zwischen Bern und Brüssel. Eidgenössische Politiker kämpfen seit Jahren gegen einen solchen multilateralen Vertrag - wie einst Wilhelm Tell gegen die Unterdrückung des Schweizer Volks durch die Habsburger. Die EU-Politiker wiederum ignorieren die Schweizer Eigenheiten.

Die seit rund fünf Jahren laufenden Verhandlungen kamen bislang nur schleppend voran. EU-Vertreter sind frustriert. "Die Gespräche laufen nicht, wie wir das gerne hätten", sagte ein EU-Diplomat gegenüber der "Neuen Zürcher Zeitung". Es gebe zu wenig Fortschritte in den Verhandlungen über das Abkommen zu den politischen und wirtschaftlichen Beziehungen der EU und der Schweiz, klagte EU-Kommissar Maros Sefcovic am Dienstag.

Schweizer Börse ab Juli nicht mehr gleichwertig?

Nun droht erneut die Schweizer Börse zum Faustpfand zu werden. Die EU-Kommission will Bern die Börsen-Äquivalenz - die Gleichwertigkeit der Schweizer Börsenregulierung mit der der EU - aberkennen. Die Schweizer Börsenbetreiber Six würde dann ab Juli den Marktzugang zur EU verlieren.

Schweizer Börse in Zürich

Schweizer Börse in Zürich. | Bildquelle: Imago

Das wäre hart für die Six. Denn die Mehrheit der Kauf- und Verkaufsaufträge beim Handel mit Aktien von SMI-Schwergewichten wie Nestlé, Novartis oder Roche kommt von Investoren aus der EU. Bei einem Entzug des Äquivalenzstatus würde mehr als die Hälfte des Handelsvolumens wegbrechen. Um dem vorzubeugen, hat die Schweizer Regierung schon Ende 2018 vorsorglich Schutzmaßnahmen getroffen.

Schweiz droht mit Handelsverbot von Schweizer Aktien in der EU

Die Schweiz würde beim Verlust der Börsen-Äquivalenz nämlich den Handel von Schweizer Aktien in der EU verbieten. Europäische Anleger müssten dann also ab Juli Aktien von Nestlé, Roche & Co ausschließlich über die Schweizer Börse kaufen oder verkaufen. Das Handelsvolumen würde sich dann wohl zurück an die Schweizer Börse verlagern, da es keine Alternativen gebe, mutmaßen Experten. Wie ein solches Verbot aber zu kontrollieren wäre, ist eine andere Frage.

Sollten sich die ausländischen Handelsplätze daran halten, dürfte die Six zumindest vorübergehend deutlich mehr Volumen anziehen. Denn nahezu ein Drittel des Volumens mit Schweizer Aktien wird gegenwärtig auf anderen Plattformen wie CBOE Europe, Aquis oder die zur Londoner Börse gehörende Turquoise abgewickelt. Mit einem Handelsumsatz von umgerechnet rund 1,2 Billionen Euro ist die Six der viertgrößte Handelsplatz in Europa.

Aktionärsschützer Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) rät deshalb Anlegern, die Papiere von Nestlé, Roche oder andere Schweizer Titel haben, genau zu checken, ob ihre Bank oder ihr Broker den Handel mit eidgenössischen Aktien auch in der Schweiz oder auf außereuropäischen Handelsplätzen anbietet. Falls nicht, sollten sie die Depotbank wechseln. Zudem sollten die Anleger die Gebühren prüfen. Für Privatanleger könnte es teurer werden, eidgenössische Aktien zu kaufen oder zu verkaufen.

nb