Pro-Referendum-Demonstration in Barcelona

Referendum am Sonntag Katalonien ist wie Bayern - nicht mehr und nicht weniger

Stand: 29.09.2017, 13:02 Uhr

Das für diesen Sonntag geplante Referendum zur Unabhängigkeit Kataloniens haben die Finanzmärkte bisher weitgehend ignoriert. Dafür gibt es gewichtige Gründe.

Die geringe Reaktion der Märkte auf den Konflikt zwischen Madrid und Barcelona sei zu einem beträchtlichen Teil darauf zurückzuführen, dass die meisten Investoren eine tatsächliche Unabhängigkeit Kataloniens für sehr unwahrscheinlich halten, erklärt Ralph Solveen, Volkswirt bei der Commerzbank. Umfragen zufolge haben die Separatisten ohnehin keine Mehrheit – obwohl die harte Haltung der Zentralregierung in Madrid das Lager der Befürworter einer Unabhängigkeit gestäkt haben dürfte.

Auch gilt es aus heutiger Sicht als ausgeschlossen, dass es tatsächlich zu einer regulären, also von Madrid gebilligten Abstimmung kommen wird. Denn die Zentralregierung kann laut Artikel 155 der spanischen Verfassung die "notwendigen Maßnahmen" ergreifen, damit eine Region ihre Pflichten erfüllt - falls sie das nicht tut. In letzter Konsequenz kann dies bedeuten, dass Madrid ganz oder teilweise die Regierungskompetenz an sich zieht.

Symbolische Abstimmung

Der schlimmste Fall wird aller Voraussicht nach nicht eintreten: Schießereien zwischen spanischen und katalanischen Polizisten sind nicht zu erwarten. Der katalanische Polizeichef hat seinen Leuten befohlen, den Anweisungen des Generalstaatsanwalts aus Madrid zu folgen.

Es wird am ersten Oktober also eher eine symbolische Abstimmung geben. Bildmaterial wird dabei eine Schlüsselrolle spielen. Aufnahmen von Bürgern, die in Massen zum Wählen gehen, oder eine große Bewegung in den Straßen könnten dabei die Forderung nach einer Unabhängigkeit stärken.

Begrenzte Auswirkungen

Ein gültiges Resultat, das auch international Anerkennung finden würde, kommt unter diesen Bedingungen also nicht zustande. Doch selbst wenn es zu einer tatsächlichen Unabhängigkeit Kataloniens kommen sollte, dürften sich die Auswirkungen an den internationalen Finanzmärkten in Grenzen halten. Denn es ist nicht damit zu rechnen, dass eine nennenswerte Zahl von Staaten diese Unabhängigkeit auch anerkennen würde.

Zudem hat Katalonien nicht die Absicht, die Eurozone zu verlassen, der EU den Rücken zuzukehren und sich aus der Staatengemeinschaft zu verabschieden. Auch drohen keine Verstaatlichungen oder andere sozialistische Experimente. Volkswirt Ralph Solveen will aber eine kurzfristige Belastung des spanischer Staatsanleihen nicht ausschließen. Eine längere Underperformance spanischer Anleihen sei aber auch nicht zu erwarten, da die Wachtumsaussichten für die spanische Wirtschaft gut bleiben.

Kein Fortschrittsmotor Spaniens mehr

Börse Madrid

Bolsa de Madrid. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Auch ist die Wirtschaftskraft Kataloniens keineswegs so stark wie dies im Ausland immer dargestellt wird. Seine Rolle als Fortschrittsmotor Spaniens hat die Region längst an die quirlige Hauptstadtregion Madrid verloren. Katalonien hat lediglich 7,5 Millionen Einwohner, davon leben rund fünf Millionen im Großraum Barcelona. Zum Vergleich: die Metropolregion Madrid zählt 6,5 Millionen Einwohner. Damit wohnen in Katalonien 16 Prozent der Einwohner Spaniens. Die Region erwirtschaftet 19 Prozent der spanischen Wirtschaftsleistung. Das entspricht in etwa dem Anteil von Bayern in Deutschland.

Das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt in Katalonien liegt zwar 30 Prozent über dem Durchschnitt Spaniens, rangiert aber weit hinter dem der Hauptstadtregion Madrid und ist auch kleiner als des Baskenlandes. Für die Staatsfinanzen Spaniens wäre eine Selbständigkeit Kataloniens aber eine spürbare Belastung, befürchten Volkswirte. Denn der spanische Staat müsste angesichts des überdurchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens auf einen beträchtlichen Teil seiner Steuereinnahmen verzichten.

Betroffen von einer - sehr unwahrscheinlichen - Unabhängigkeit wäre auch der Aktienmarkt. Sieben der 35 größten börsennotierten Konzerne Spaniens haben ihren Sitz in Katalonien. Dazu gehören die Bankhäuser CaixaBank und Banco de Sabadell, der Versorger Gas Natural, der Chemiekonzern Cellnex oder auch der Baukonzern Abertis.

lg