Toronto Kanada

Die Immobilienpreise stürzen ab Kanada - platzt hier die nächste Immobilienblase?

von Bettina Seidl

Stand: 30.05.2018, 16:14 Uhr

Zehn Jahre nach dem Platzen der Immobilienblase in den USA sind die Immobilienpreise auf dem nordamerikanischen Kontinent wieder überhöht. Die Blase droht zu platzen. Viel anfälliger ist aber laut Experten Kanada.

In Kanada hat sich eine gigantische Immobilienblase aufgebläht. Während sich der US-Markt nach dem Crash deutlich abkühlte, kletterten die Häuserpreise im Nachbarland einfach weiter. Doch inzwischen sieht es gefährlich aus auf dem kanadischen Immobilienmarkt. In boomenden Großstädten wie Toronto und Vancouver sind die Preise bereits eingebrochen. Potenzielle Käufer zogen sich zurück. Teils gingen die Verkäufe von Wohnobjekten um 40 Prozent zurück. Und dabei sind die Preis trotz Preisverfall immer noch irrsinnig hoch, nicht einmal ein Rechtsanwalt kann sich den Kauf eines Hauses in Toronto leisten.

Zu viel billiges Geld

Warum konnte sich überhaupt eine solche Blase aufpumpen? Das ist das Resultat der lockeren Geldpolitik der Notenbanken. Viele Investoren machen die kanadische Notenbank als die Hauptschuldige aus, hat doch die Bank of Canada die Zinsen viel zu lange viel zu niedrig gelassen trotz steigender Vermögenspreise.

Niedrige Zinsen lassen Investoren - auf der Suche nach besserer Rendite - in Vermögenswerte wie Aktien und Immobilien strömen. Dadurch entstehen Blasen.

Hand mit Nadel sticht in Blase mit Hochhaus
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Wie entsteht eine Blase?

Schwarzer Peter für Bank of Canada

Zwar drehte die Bank of Canada angesichts verbesserten Jobaufbaus und robuster Konjunktur bereits an der Zinsschraube. Doch sie war vorsichtiger als andere Notenbanken mit Zinsanhebungen. Auch heute - um 16 Uhr gab sie ihre neue Zinsentscheidung bekannt - hat sie die Füße still gehalten, obwohl die anziehende Inflation steigende Zinsen durchaus zuließe.

Der BoC den Schwarzen Peter für die Blasenbildung in Kanada zuzuschieben, ist aber zu kurz gedacht. Ausländische Käufer waren nämlich ein preistreibender Faktor. Vor allem preisunempfindliche asiatische Käufer - Chinesen - haben den Immobilienboom in Kanada befeuert. Insofern kann man bei der Suche nach dem Verursacher der Blase auf die lockere Geldpolitik überall in der Welt weisen.

Schwere Rezession voraus?

Auch die kanadische Regierung hat den Boom befeuert. Sie ermunterte Banken und Bürger, den Kauf von Immobilien zu mehr als 80 Prozent auf Kredit zu finanzieren. Die kanadischen Privathaushalte sind nun höher verschuldet als in den meisten anderen Ländern der Welt. Die private Verschuldung liegt bei 101 Prozent der Wirtschaftsleistung. Zum Vergleich: In Deutschland liegt sie bei 53 Prozent.

Auch dies ist ein Risiko: Wie vor zehn Jahren in den USA könnte eine vernichtende Kettenreaktion in Gang kommen, sollten die Immobilienpreise weiter fallen. Denn dann schwinden die Kredit-Sicherheiten für die Banken. Die Risiken könnten bedrohlich werden für den kanadischen Finanzsektor. Das ganze Land könnte in die Krise stürzen. Die OECD hat bereits im vorigen Jahr vor einer "schweren Rezession" in Kanada gewarnt.

Hässliche Kettenreaktion

Eine Wirtschaftskrise würde die hoch verschuldeten Privathaushalte in Bedrängnis bringen, die Schuldenlast wäre untragbar. In der Folge bekämen auch die Banken Probleme, die mit mehr und mehr schlechten Krediten zu kämpfen hätten. Ein Szenario, das doch sehr an die Finanzkrise 2008 erinnert.

Wie hässlich so eine Kettenreaktion werden kann, bekam Kanada bereits im vorigen Jahr zu spüren, als Home Capital strauchelte, Kanadas größter Hypothekenfinanzierer außerhalb des Bankensystems. Es gab Ermittlungen wegen möglicher Falschangaben bei der Darlehensvergabe. Zudem sorgte man sich um die Qualität der Kredite. Investoren zogen massiv Gelder ab.

Kein landesweiter Preisverfall

Aber noch gibt es keinen Preisverfall auf breiter Front. Die Verkäufe von Eigenheimen sind in den letzten Monaten zwar landesweit zurückgegangen, wie die Statistik zeigt, auch die Preise sanken. Laut der Canadian Real Estate Association (CREA) ging der Durchschnittspreis kanadischer Häuser innerhalb eines Jahres um mehr als elf Prozent zurück und die Zahl der Verkäufe fiel um rund 14 Prozent auf den niedrigsten Stand seit sieben Jahren. Doch die Statistik trügt. Sie ist verzerrt durch den Preisverfall in Toronto und Vancouver.

In Wahrheit steigen die Preise in mehreren Regionen. Von einem landesweiten Preisverfall kann nicht die Rede sein. Also Entwarnung für Kanada? Analysten wollen so weit nicht gehen:

»Das Risiko, dass sich der Immobilienmarkt in den kommenden Monaten weiter verschlechtern könnte, bleibt hoch, was möglicherweise zu einem echten Rückgang der Immobilienpreise führen könnte.«

Benoit P. Durocher, Genossenschaftsbank Desjardins

Notenbank braucht Fingerspitzengefühl

Angesichts der fragilen Situation muss die kanadische Notenbank bei weiteren Zinsanhebungen Fingerspitzengefühl beweisen. Als sie im Juli 2017 erstmals seit 2010 den Leitzins anhob, gab es erste Schockwellen am Immobilienmarkt. Denn steigende Zinsen verteuern die Finanzierung.

"Die Situation wird in den kommenden Quartalen genau beobachtet werden müssen, um einen sehr schrittweisen Ansatz bei Leitzinsanhebungen zu befürworten", erklärte Benoit P. Durocher, Analyst bei der kanadischen Genossenschaftsbank Desjardins jüngst in einer Studie. Jeder weitere Zinsanstieg kann das Vertrauen in den Hauskauf dämpfen. Kanada könnte das Schlimmste noch bevorstehen.