Tokios Einkaufsstraßen bei Nacht

Wirtschaft und Börse im Aufwind Japans neue Blüte

von Bettina Seidl

Stand: 20.10.2017, 10:50 Uhr

Die Jahrzehnte der Stagnation sind vorbei: Japan wächst wieder - sowohl die Wirtschaft als auch der die Börse. Der Nikkei steigt seit Tagen. Endlich kann Regierungschef Abe die Früchte seiner "Abenomics" ernten. Das gibt ihm Rückenwind für die am Sonntag anstehenden Neuwahlen.

Japans rechtskonservativer Ministerpräsident Shinzo Abe kann bei der Parlamentswahl an diesem Sonntag mit einem klaren Sieg rechnen. Ausgerechnet Nordkorea hat seine Chancen verbessert. Die Raketen- und Atomtests von Diktator Kim Jong Un empören die Japaner und lassen Abes Umfragewerte steigen. Die erstarkende japanische Wirtschaft tut ein Übriges, dass der Japans Staatschef mit der Wiederwahl rechnen kann.

Wirtschaft und Börse im Aufschwung

ARD-Börsenstudio: Samir Ibrahim
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ARD-Börse: Anleger feiern Abe - Börsenreaktionen auf Zwei-Drittel-Mehrheit in Japan

Die Regierung, ganz im Wahlkampfmodus, versteht es natürlich, die wirtschaftliche Wiederauferstehung des Landes in Szene zu setzen und auf den längsten Boom seit rund einem halben Jahrhundert plakativ hinzuweisen. Die Aussichten stünden "sehr gut", dass es wieder einen 57 Monate andauernden Aufschwung wie zuletzt Ende der 60er Jahre geben werde, sagte Wirtschaftsminister Toshimitsu Motegi jüngst. Laut Regierungsexperten fehlt dazu nur noch ein Monat, da die Wirtschaft nunmehr seit Ende 2012 wächst.

Auch der Aktienmarkt boomt. Der wichtigste asiatische Börsenindex Nikkei steht so hoch wie seit 21 Jahren nicht mehr. Seit 2009 haben sich die Kurse verdreifacht. Selbst in diesem Jahr legte der japanische Leitindex rund zwölf Prozent zu. Zuletzt stieg der Nikkei 14 Tage lang in Folge. Das ist die längste Gewinnserie seit 1961.

Nikkei 225: Kursverlauf am Börsenplatz Tokio SE für den Zeitraum 5 Jahre
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Anleger ließen sich in den letzten Wochen nicht einmal von den Drohungen aus Nordkorea einschüchtern, auch wenn die Situation hochriskant ist. "Offenbar kaufen vor allem ausländische Investoren, denn der wahrscheinliche Wahlausgang könnte ihnen entgegen kommen", sagte Masahiro Yamaguchi, Marktstratege bei SMBC Trust Bank.

Die lange Phase der Stagnation

Zwei Jahrzehnte lang war Japans Wirtschaft nicht auf die Beine gekommen. Die vormals florierende Wirtschaftsmacht kam nicht aus der Stagnation heraus. Das Land kämpfte mit sinkenden Preisen. Die Deflation lähmte die Konjunktur zusätzlich, weil sich Verbraucher wie Firmen in einer solchen Phasen mit Käufen und Investitionen zurückhalten in der Hoffnung auf immer weiter fallende Preise. Auch als vor vier Jahren Shinzo Abe zum Premierminister gewählt wurde, lag die Wirtschaft noch darnieder. Doch seine Abenomics haben das Ruder rumgerissen.

Was heißt "Abenomics"?

Die Kraft der drei Pfeile

Abenomics - der Name wurde gekürt aus dem Namen des Regierungschefs Abe und dem englischen Wort "Economics" für Volkswirtschaftslehre. Er selbst sprach gern von drei Pfeilen, die er gegen die Krise abfeuerte. Pfeil 1: Die Geldpolitik. Die Bank of Japan pumpt massenhaft Geld in die Wirtschaft. Pfeil 2: Konjunkturpakete wie Infrastrukturprojekte. Pfeil 3: Strukturreformen.

Es hat zwar gedauert, bis voriges Jahr war man noch skeptisch, ob die Abenomics vielleicht nur ein kurzes Strohfeuer entfachen. Doch jetzt mehren sich die Aufschwungzeichen und die milliardenschweren Konjunkturprogramme von Abe scheinen Früchte zu tragen. Die japanische Wirtschaft wächst weit stärker als in den USA und Europa. Die Unternehmen machen dank erheblicher Rationalisierungen wieder ordentliche Gewinne ein und fangen nach Jahren des Investitionsstopps wieder an zu investieren.

Attraktive Anlagechancen in Japan?

"Die Unternehmensgewinne haben die Rekordmarke aus dem Jahr 2007 übertroffen, gleichzeitig haben japanische Konzernen innerhalb der vergangenen zehn Jahren kumuliert betrachtet die höchsten Gewinne erzielt – noch vor den US-Firmen", resümiert Archibald Ciganer, Portfolio-Manager beim Fondsanbieter T. Rowe Price, der dort attraktive Anlagechancen wittert.

Die Stimmung in den japanischen Industriebetrieben ist rosarot, wie aus der vierteljährlich erscheinenden Tankan-Studie, die die Bank of Japan herausgibt, zu lesen ist. Die Stimmung kletterte jüngst auf ein Zehn-Jahres-Hoch. Waren zunächst die vorrangigen Treiber des Wachstums die Exportfirmen des Landes, die vom schwächeren Yen profitieren, zieht inzwischen auch der Binnenkonsum an. Die Japaner sind ausgabefreudig wie lange nicht mehr. Sie kauften vermehrt langlebige Güter wie Autos und Haushaltsgeräte und ließen auch mehr Geld für Restaurant-Besuche springen. Entsprechend zuversichtlich gibt sich auch die japanische Notenbank, die von einer anhaltenden wirtschatlichen Erholung aus geht.

Die Damoklesschwerter

Gleichwohl gab es zuletzt auch ein paar negativere Zeichen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte in den Monaten April bis Juni doch nicht um 4,0 Prozent zu, wie zunächst angenommen, sondern nur um 2,5 Prozent. Die Korrektur war nötig, weil die Unternehmensinvestitionen doch nicht so stark anzogen wie gedacht. Auch die privaten Konsumausgaben fielen geringer aus. Skeptiker des Aufschwungs monieren, dass die Unternehmen noch zurückhaltend sind bei Lohnerhöhungen trotz einer Arbeitslosenquote von lediglich 2,8 Prozent. De facto komme der Aufschwung bei den Japanern nicht an, schreiben die Analysten von Feingold Research. Real - abzüglich der Inflation - müssten die Arbeitnehmer sogar seit einigen Monaten Einkommensverluste verbuchen.

US-Dollar in Yen: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum 5 Jahre
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Sollte Abe gewählt werden, will er die Konsumsteuer voraussichtlich 2019 von acht auf zehn Prozent erhöhen. Schwierig für die Kaufstimmung. Gut aber fürs Staatssäckel und um vielleicht ein bisschen der überbordenden Verschuldung abzutragen. Die ist ein Damoklesschwert, dessen Fall schon seit Jahren beschworen wird. 2016 betrug sie mehr als 222 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Kein anderes Industrieland ist so hoch verschuldet. Japan schlägt selbst den europäischen Schuldenkönig Griechenland mit seinen 179 Prozent bei weitem schlägt. Japan hat noch dazu ein demographisches Problem, die Bevölkerung ist überaltert.

Schwierig auch: Am Höhenflug der japanischen Aktien haben neben den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und der schwachen Währung auch die massiven Käufe von Aktien durch die japanische Notenbank ihren Anteil. Das verzerrt den Nikkei-Höhenflug.

Bleibt noch der Unsicherheitsfaktor Nordkorea. Der stärkt indirekt den Yen. Denn eine mögliche Eskalation des Konflikts würde die Anleger in die als Fluchtwährung beliebte japanische Devise treiben - ein Belastungsfaktor für die Exportwirtschaft.

Steigende Aktienkurse?

Experten trauen Japan dennoch ein weiterhin ein robustes Wirtschaftwachstum zu, nachdem Exporte und Industrieproduktion zuletzt nach oben zeigten. Nicht nur aufgrund der verbesserten Weltkonjunktur, von der die Exportnation profitieren dürfte. Auch spricht das knapper werdende Angebot an Arbeitskräften für höhere Löhne, was den Konsum weiter ankurbeln könnte. Und die Inflation.

Für die kommenden Monate erwarten Marktbeobachter daher weitere Kurssteigerungen in Japan. Dabei hilft auch die Erwartung weiterer Zinserhöhungen in den USA. Dadurch würde der Dollar Zulauf bekommen und der Yen entsprechend abwerten. Nicht das schlechteste Szenario für die japanischen Exporteure. Schon jetzt ist Yen gegenüber dem Dollar rund zehn Prozent schwächer als vor einem Jahr.

"Die momentan zu beobachtende Verbesserung der Unternehmenserträge unterfüttert unsere Einschätzung, dass Japan eine überzeugende, sich selbst am Laufen haltende Wachstumsstory ist", erklärt Fondsmanager Ciganer. Während volkswirtschaftlich orientierte Beobachter darauf warteten, dass weitere Daten den Aufschwung bestätigen, habe sich die wirtschaftliche Basis japanischer Unternehmen bereits deutlich nach oben bewegt. Die steigenden Unternehmenserträge unterfütterten seine Einschätzung, dass Japan eine überzeugende, sich selbst am Laufen haltende Wachstumsstory ist. "Vor dem Hintergrund einer stabilen und moderat wachsenden Weltwirtschaft gehen wir daher davon aus, dass die Unternehmensgewinne in Japan im laufenden Jahr zweistellig zulegen und sie auch im kommenden Jahr deutlich stärker wachsen werden als in den USA und der Eurozone."