SOS-Schild vor dem Colosseum in Rom

Schuldenkrise reloaded Italien, du Sorgenkind Europas

von von Thomas Spinnler

Stand: 29.08.2018, 08:18 Uhr

Die Türkei-Krise hat das EU-Sorgenkind Italien in der öffentlichen Wahrnehmung in den Hintergrund gedrängt. Aber die Akteure auf den Finanzmärkten behandeln Italien bereits wie ein Schwellenland. Droht Europa die nächste Schuldenkrise, diesmal mit Rom im Zentrum?

Italien stelle eine „eindeutige Bedrohung“ dar, meint der französische Wirtschaftsprofessor Charles Wyplosz. „Wir haben ein Land mit Schulden in Höhe von 130 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, ernsthaften inneren Problemen, einem schmutzigen Bankensystem, und jetzt wird es von Leuten gelenkt, die nicht wissen, was sie tun.“ So prägnant fasst der Experte die Sorgen der Italienskeptiker zusammen.

Das ähnelt nicht nur der Lagebeschreibung in einem Schwellenland, Italien wird vom Finanzmarkt auch so behandelt. Das zeigt ein Blick auf die Kosten für Kreditausfallversicherungen, mit denen sich Anleihegläubiger gegen den Zahlungsausfall einer Staatsanleihe absichern. Sie gelten als Indikator für das Kreditausfallrisiko. Je teurer, desto größer die Sorge, dass die Kredite nicht mehr bedient werden. Wer sich gegen einen Ausfall Italiens versichern will, muss derzeit ungefähr so viel bezahlen wie für Brasilien oder Russland.     

Die teuren Pläne der Regierung    

Warum ist das so? Viele Experten und Investoren gruseln sich vor den Steuer- und Ausgabeplänen der italienischen Regierung, seit 1. Juni bestehend aus einer Koalition zwischen der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung und der rechtsextremen Lega. Sie würden die gigantischen Staatsschulden weiter erhöhen. Angedacht sind die Senkung des Rentenalters, das derzeit bei 69 Jahren liegt, und Steuersenkungen. Italien muss einen Schuldenberg von etwa 2,3 Billionen Euro managen. Das entspricht rund 130 Prozent der Wirtschaftsleistung. Nur in Griechenland ist die Lage schlimmer.

EU: Staatsverschuldung im ersten Quartal 2018 in Relation zum BIP

EU: Staatsverschuldung im 1. Quartal 2018 in Relation zum BIP. | Bildquelle: Eurostat, Grafik: boerse.ARD.de

Der Finanzmarkt hat längst reagiert: Ein weiterer Indikator für das gestiegene Risikobewusstsein sind die Renditen für italienische Staatsanleihen. Auch hier gilt: Je höher, desto größer schätzen Investoren die Risiken ein. Sowohl im Mai vor den Wahlen als auch im Juni danach warfen Privatinvestoren massiv italienische Schuldenpapiere auf den Markt, wie Daten der EZB zeigen.

Droht eine Schuldenspirale?

Im Mai hatte die als Referenz geltende Rendite für zehnjährige Staatsanleihen noch bei 1,8 Prozent gelegen, anschließend stieg sie zeitweise deutlich über die Marke von drei Prozent. Die Folge davon: Die Refinanzierung für Italien wird teurer, da die Investoren für ihr höheres Ausfallrisiko mit höheren Zinsen entschädigt werden wollen. Die Zinszahlungen müsste Italien durch solides Wachstum erwirtschaften. Gelingt das nicht, sind wir mitten in einer Schuldenspirale. Und beim Wachstum hinkt Italien der Eurozone deutlich hinterher. Wirtschaftsminister Giovanni Tria senkte kürzlich die Wachstumsprognosen. Demnach wird das BIP 2018 statt um 1,5 nur um 1,2 Prozent wachsen. 2019 sollen es 1,0 bis 1,1 statt 1,4 Prozent sein. Das sind keine Zahlen, die zuversichtlich machen.

Der italienische Ministerpräsident Giuseppe Conte (l.) und der Wirtschaftsminister Giovanni Tria

Premierminister Giuseppe Conte (l.) und Wirtschaftsminister Giovanni Tria. | Bildquelle: Imago

Wo die strukturellen Ursachen für das niedrige Wachstum liegen, hat die KfW in einer Länderstudie zusammengefasst: „Italien verzeichnet seit Jahren ein Produktivitätswachstum von nahe null und Unternehmen sind oftmals sehr klein und auf den Binnenmarkt konzentriert“, meint der KfW-Experte Philipp Ehmer. Es existierten große Ineffizienzen in der Verwaltung, zum Beispiel im Justizwesen. Auch die Kapitalintensität sei laut Ehmer zu gering, weil Investitionen nach der Finanzkrise um bis zu 30 Prozent zurückgegangen seien.

EZB: Das Anleihekaufprogramm läuft aus

Und ausgerechnet in dieser komplexen Lage läuft gegen Ende des Jahres das Anleihekaufprogramm der EZB aus, das auf dem Markt für kontinuierliche Nachfrage und damit für Stabilität sorgt. Wer wird sich dann für italienische Staatsanleihen interessieren? Bislang sind das vor allem italienische Banken, Versicherungen und Privatleute.

Sinkt die Nachfrage, werden bald höhere Zinsen die Folge sein, denn irgendwie muss Italien die Investoren zum Kauf verlocken. Goldman-Sachs-Analyst Matteo Crimella weist konkret auf dieses Problem hin: Ob die heimischen Banken die Nachfrage stabil halten oder eventuell sogar ausbauen können, sei in den kommenden Monate die fundamentale Frage.

Italienische Staatsverschuldung

Italienische Staatsverschuldung. | Bildquelle: Statista, Grafik: boerse.ARD.de

Nur: Je mehr Staatsanleihen italienische Banken in ihren Portfolien haben, desto anfälliger sind sie für Kursverluste, die wiederum die Risiken in den Bankbilanzen erhöhen. Ob die in den vergangenen Jahren nicht immer ganz sattelfesten italienischen Banken genügend Puffer haben, um eine echte Krise abzufangen?

Auch für Edgar Walk, Chefvolkswirt bei Metzler Asset Management, ist Italien deshalb „zurück im Fokus“. Der Experte spricht von einer unverantwortlichen Fiskalpolitik. Es werde viel davon abhängen, wie der Staatshaushalt für 2019, der in den kommenden Wochen verabschiedet werden soll, im Detail aussieht.

„Die Vorzeichen deuten“, so Walk, „auf eine Rückkehr der Krise hin“. Wenn Wyplosz mit seiner finsteren Ansicht über die italienische Regierung ins Schwarze getroffen hat, stehen uns aufregende Zeiten bevor.