Hohe Schulden, Rezession Italien, die tickende Zeitbombe

von Notker Blechner

Stand: 16.04.2019, 07:10 Uhr

Italiens Populisten steuern das Mittelmeerland immer tiefer in die Rezession. Experten schlagen jetzt Alarm: Verschuldet, instabil, unberechenbar – Italien ist eine Gefahr für Europa.

Vor gut zwei Monaten schwärmte Italiens Ministerpräsident Giuseppe Conte noch davon, wie "bellissimo" das neue Jahr werde. Von wegen! 2019 dürfte für Italien gar nicht "wunderschön" werden – zumindest wirtschaftlich.

Vor wenigen Tagen - mitten im Brexit-Chaos - hat Italien seine Wachstumsprognose gesenkt - und das recht drastisch. Statt ein Prozent wird die drittgrößte Volkswirtschaft des Euroraums nur noch um 0,2 Prozent wachsen.  Kurz zuvor hatte Wirtschaftsminister Giovanni Tria bereits gewarnt, dass Italien in diesem Jahr auf ein Nullwachstum hinsteuere. 2018 war die Wirtschaft des Landes noch um 0,9 Prozent gewachsen.

Der italienische Ministerpräsident Giuseppe Conte (l.) und der Wirtschaftsminister Giovanni Tria

Steuern diese Männer Italien in den Abgrund? Ministerpräsident Giuseppe Conte (l.) und der Wirtschaftsminister Giovanni Tria. | Bildquelle: Imago

Italien provoziert die EU

Wegen der eingetrübten Aussichten hob Rom gleichzeitig die Prognose für die erwartete Neuverschuldung wieder an - 2,04 Prozent auf 2,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Damit ist Italien genau wieder auf das Niveau zurückgekehrt, an dem sich der Streit mit der EU-Kommission entzündete. Wochenlang hatten sich Rom und Brüssel im vergangenen Jahr einen Schlagabtausch über das Haushaltsdefizit geliefert, bis die populistische italienische Regierung klein beigab und eine Null in die Prognose dazwischen schob.

Italienisches Haushaltsdefizit im Verhältnis zum BIP

Italienisches Haushaltsdefizit im Verhältnis zum BIP. | Bildquelle: Eurostat, eigene Berechunungen, Grafik: boerse.ARD.de

"Der Zielwert für das Defizit war vermutlich von Anfang an von der italienischen Regierung als Provokation gedacht", mutmaßt Martin Lück, Anlagestratege von Blackrock.

Mit hohen Staatsausgaben will die Regierung aus rechter Lega und populistischer Fünf-Sterne-Bewegung Italiens schlingernde Wirtschaft wieder in Schwung bringen. Sie hat eine teure Rentenreform und neue Sozialleistungen beschlossen. Finanziert werden soll dies durch ein höheres Haushaltsdefizit.

Rutscht das Land 2019 weiter in die Rezession?

Womöglich könnte es noch größer ausfallen, falls sich die Wirtschaftslage in Italien nicht verbessert. Sowohl im dritten als auch im vierten Quartal 2018 ist die italienische Wirtschaft geschrumpft. Nach einer gängigen Rezession befindet sich Italien damit in einer Rezession.

Internationale Organisationen befürchten, dass Italien auch 2019 in der Rezession verbleibt. Die OECD geht davon aus, dass die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um 0,2 Prozent schrumpft.

Nach Einschätzung der OECD wird Italiens Schuldenquote weiter ansteigen - auf 134 Prozent des BIP bis 2020. Schon jetzt ist Italien mit gut 130 Prozent des BIP verschuldet. Nur Griechenland hat eine noch höhere Quote. In absoluten Zahlen ist Italien mit Verbindlichkeiten von rund 2,38 Billionen Euro das höchst verschuldete Land in der Eurozone.

Politiker und Ökonomen sind besorgt

Politiker, Notenbanker und Ökonomen sind alarmiert. EU-Kommissionspräsident Jean- Claude Juncker forderte von der italienischen Regierung zusätzliche Kraftanstrengungen, um die schwächelnde Konjunktur anzukurbeln. "Italien könnte das erste Land sein, das in der nächsten Rezession in ernsthafte Schwierigkeit gerät, sofern die Regierung nicht von ihren wirtschaftspolitischen Plänen abrückt", meinen die Autoren einer Studie der Berenberg Bank und des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts.

Mehrere Volkswirte und Anlagestrategen sehen Italien als die tickende Zeitbombe in  der Euro-Zone. Flammt der Streit zwischen Rom und Brüssel wieder auf, könnten die Renditen für italienische Staatsanleihen rasch wieder anziehen - auf über drei Prozent. Besonders brenzlig könnte es werden, wenn der Abstand der Renditen zwischen italienischen Staatstiteln und deutschen Bundesanleihen auf vier Prozentpunkte klettern würde.

"Das größte Risiko für die Währungsunion"

Dann müssten nämlich viele Banken Italiens rekapitalisiert werden. Sie halten Italien-Anleihen von fast 400 Milliarden Euro. Da die Kursverluste der Anleihen die Bilanzen belasten würden, müssten Italiens Banken viel Geld abschreiben. Das könnte zu einer neuen Banken-Krise führen. Höhere Risikoaufschläge am Anleihemarkt könnten Italien dazu zwingen, entweder aus dem Euro auszutreten oder das Vertrauen der Kapitalmärkte durch Reformen und eine solidere Haushaltspolitik zurückzugewinnen, glaubt Vermögensverwalter Bert Flossbach.

Italien habe sich über Jahrzehnte daran gewöhnt, "mangelnde Wettbewerbsfähigkeit durch eine Abwertung seiner Lira auszugleichen", sagt Thomas Mayer, Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute. Seit Einführung des Euros gehe das nicht mehr. Für Mayer ist klar: Italien stellt das "größte Risiko für die Währungsunion" dar.

Italien Euro Krise

Versenkt Italien den Euro? . | Bildquelle: picture alliance / dpa, Montage: boerse.ARD.de

Gefahr der Abstufung auf Ramschniveau

Besonders gefährlich wäre für Italien eine Rezession in ganz Europa. In diesem Fall könnte sich die Kreditwürdigkeit des Landes verschlechtern. Laut Ricardo Garcia, Chefökonom der Großbank UBS für die Eurozone, würde dann eine Herabstufung durch Moody's auf Non-Investment Grade drohen. Unter dem Druck der Märkte müsste Italien dann ein großes Sparprogramm auflegen. Dadurch würde sich die wirtschaftliche Lage weiter verschlimmern.

Von der Italien-Krise wären auch deutsche Sparer hart getroffen. Sie müssten mit Negativzinsen rechnen. UBS-Chefökonom Garcia rechnet im Falle einer europaweiten Rezession mit einem Negativrekord von minus ein Prozent bei zehnjährigen Bundespapieren. Das brächte Versicherungen und Pensionsfonds, die stark auf festverzinsliche Anlagen setzen, in enorme Schwierigkeiten.

EZB gewährt neue Kredite

EZB-Präsident Mario Draghi auf der PK der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main.

EZB-Chef Mario Draghi weiß, was Italien braucht. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Die Europäische Zentralbank (EZB) ist sich des Dilemmas in Italien bewusst. EZB-Chef Mario Draghi, selbst ein Italiener, hat im März den Banken neue billige Langfristkredite in Aussicht gestellt, damit die Geldhäuser bereitwilliger Darlehen an Unternehmen geben. Davon dürften vor allem Institute im rezessionsgeplagten Italien profitieren. Vorerst dürfte "Super Mario" Draghi damit seine Landsleute vor dem Schlimmsten bewahren. Vorerst.