Italienische Euromünze geht unter
Video

Kurzes Aufatmen Italien - Die große Gefahr für den Euro

von Bettina Seidl

Stand: 28.05.2018, 10:54 Uhr

Aufatmen an den Finanzmärkten: Die politische Katastrophe in Italien blieb aus. Das Scheitern der Euro-Skeptiker und Rechtspopulisten bedeutet erst einmal Schonfrist für den Euro. Aber für wie lange?

Erst einmal herrscht Erleichterung an den Finanzmärkten: Die eurokritische Fünf-Sterne-Bewegung und die rechtspopulistische Lega übernehmen nicht das Ruder in Italien. Der designierte Ministerpräsident Giuseppe Conte hatte am Sonntagabend wegen eines Streits über die Ernennung eines Euro-Skeptikers zum Wirtschaftsminister seinen Regierungsauftrag zurückgegeben. Das dämpft die Angst vor einem „Italexit“, einem möglichen Ausscheren Italiens aus der EU und aus dem Euro-Raum.

"Neuwahlen verlängern die politische Unsicherheit zwar gleich um mehrere Monate, dafür werden bis zu Neuwahlen aber keine politischen Katastrophen passieren", sagte Fondsmanager Thomas Altmann vom Vermögensverwalter QC Partners. "Das reicht für Börsianer schon aus, um erst mal durchzuatmen."

Schonfrist für den Euro

Aktien legen am Montagmorgen zunächst zu. In Deutschland gewinnt der Leitindex Dax, in Italien das Pendant, der FTSE MIB. Vor allem Bankaktien wie Intesa SanPaolo und Unicredit sind anfangs wieder gefragt. Dass die euroskeptische Regierung in Italien nun doch nicht zum Zuge kommt, stärkt auch den Euro wieder.

Euro in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
Kurs
1,1518
Differenz relativ
+0,54%

Dessen Kurs hatte zuvor arg gelitten, am Freitag war er so niedrig wie seit einem halben Jahr nicht mehr notiert. "Eine neue systemische Krise schien wieder vorstellbar", kommentierte die Commerzbank. Die geplanten Mehrausgaben der populistischen Parteien und ihre Anti-EU-Rhetorik hatte die Finanzmärkte in Unruhe versetzt und Schockwellen durch Europa gesendet. Geplant waren unter anderem Steuersenkungen und ein Mindesteinkommen.

Doch die eurofeindliche Allianz scheiterte, vor allem weil sie den von ihr propagierten Euro- und Deutschland-Kritiker Paolo Savona nicht als Finanzminister bei Präsident Sergio Mattarella durchbekamen. Mattarella sagte, er könne keinen Kandidaten akzeptieren, der einen Euro-Ausstieg Italiens ins Spiel bringe. Die Unsicherheit über die Haltung Italiens zum Euro habe italienische und ausländische Investoren in Alarmstimmung versetzt.

Sieg der Euro-Freunde?

Ein klares Bekenntnis des Staatschefs also für Europa. Das macht auch italienische Staatsanleihen für Investoren wieder interessanter. Es lässt sie weniger riskant erscheinen. Die Kurse der Anleihen erholen sich heute, was deren Renditen schmälert. Der Risikoaufschlag italienischer Staatsanleihen gegenüber als sicher empfundenen deutschen Bundesanleihen geht auf etwa 1,9 Prozentpunkte zurück.

Vorige Woche war er von 1,20 Punkten auf mehr als zwei Punkte getrieben - ein klarer Ausdruck der Sorge. Die Preise für Absicherungen auf italienische Staatsanleihen (CDS) waren in der Folge ebenfalls stark angestiegen, ein Phänomen, das letztmalig in der europäischen Staatsschuldenkrise 2011/12 zu beobachten gewesen war. Ratingagenturen drückten ihre Beunruhigung aus, Moody's erklärte, die Einstufung der Kreditwürdigkeit des Landes auf eine Herabsetzung zu prüfen.

Oder siegen am Ende die Populisten?

Doch die aufkommende Erleichterung an den Finanzmärkten verebbt im Laufe des Vormittags schon wieder, am italienischen Aktienmarkt verfliegen die Kursgewinne so schnell wie sie gekommen sind. Denn angesichts der jetzt anstehenden Hängepartie in Italien kehrt die Unsicherheit zurück, und zwar für Monate. Etwaige Neuwahlen würden nämlich frühestens im Oktober anstehen.

Fraglich ist, ob die Euro-Befürworter dann mehr Zulauf als bei der Wahl am 4. März bekämen. Die Sterne und die Lega haben in Umfragen jedenfalls durch das Tohuwabohu der letzten Wochen nicht an Popularität verloren. Eher könnten sie gestärkt hervorgehen aus einer erneuten Parlamentswahl. Das signalisieren jedenfalls Umfragen. "Die Vorgänge vom Wochenende passen zu gut ins Narrativ von Populisten", erklärt Devisenanalyst Ulrich Leuchtmann von der Commerzbank. "In deren Vorstellungswelt ist Mattarella ein Vertreter des 'deep state', der 'alten Autoritäten', der 'liberalen Eliten' oder wie auch immer die jeweilige Populismus-Spielart diese ihnen allen gemeinsame pseudo-autokratische Verschwörungstheorie beschreiben mag. Mattarellas Weigerung wird diejenigen, die für solchen Quatsch empfänglich sind, nur weiter mobilisieren", so Leuchtmann.

Gefahr für das europäische Projekt

Die Probleme Italiens bleiben zudem bestehen. Das Land ist die drittgrößte Volkswirtschaft Europas und hoch verschuldet. Das Bankensystem ist weiter fragil. Die Bevölkerung leidet unter einer hohen Arbeitslosenrate und niedrigen Lebensstandards. Wenn Italien in die nächste Finanz- oder Wirtschaftskrise taumelt, wären die Folgen sicherlich nicht auf Italien beschränkt. Das macht Italien per se gefährlich für das europäische Projekt. Obendrein ist Spanien als Sorgenkind zurück im Spiel und könnte die Schuldenkrise wieder aufflammen lassen.

»Das Bild, das Italiens Fast-Regierung aus teutonischer Perspektive abgab, war das eines Erpressers, der mit der Drohung einer neuen Euroraum-Krise der EZB und den anderen Euroraum-Ländern schamlos Schuldenerleichterung abpressen wollte.«

Ulrich Leuchtmann, Devisenexperte der Commerzbank

Dabei ist das europäische Projekt ohnehin gefährdet. Der Umbau hin zu einer für den Bestand des Euro nötigen Fiskalunion stockt. Die so genannte No-Bail-out-Klausel, wonach kein EU-Land für ein anderes finanziell haften darf, ist baden gegangen. Der jetzige Schwebezustand in Italien ist in dieser Hinsicht schlimmer für den Euro als die Fast-Regierung, wie Devisenexperte Leuchtmann ausführt. Denn er mache Krisen wahrscheinlicher als jede Randlösung.