Fallende Kurse an der Börse in Athen

Bilanzskandal und Bankenturbulenzen drücken Kurse Griechisches Börsendrama

von Notker Blechner

Stand: 18.01.2019, 15:02 Uhr

Seit knapp einem halben Jahr steht Griechenland wieder auf eigenen Beinen und benötigt kein Hilfsprogramm mehr. Die Talfahrt an der Athener Börse hat dies jedoch nicht stoppen können. Ein Bilanzskandal hat das Vertrauen in griechische Aktien erschüttert. Und jetzt droht auch noch die Regierungskrise.

Nach dem Bruch der Koalition hat Regierungschef Alexis Tsipras knapp die Vertrauensfrage im Athener Parlament überstanden - mit einer Stimme Mehrheit. In der nächsten Woche steht ihm eine weitere Hürde bevor: die Abstimmung über den Namenskompromiss mit (Nord-)Mazedonien. Am Sonntag werden auf eine Großdemo rechte Organisationen gegen das Abkommen zwischen Athen und Skopje mobil machen.

Athex unter 1.000 Punkten

Sollte wider Erwarten Tsipras bei der Abstimmung scheitern, drohen im schlimmsten Fall vorgezogene Neuwahlen. Eine solche politische Unsicherheit würde die Anleger an der Athener Börse weiter lähmen. Schon in den letzten Wochen und Monaten ging es mit den Kursen abwärts. 2018 sackte der Leitindex Athex um 24 Prozent ab und rutschte unter die Schwelle von 1.000 Punkten.

Mit schuld am Kursminus war der Absturz von Folli Follie. Der Schmuckhersteller, der jahrelang als Erfolgsgeschichte galt, schockte die Anleger mit einem Bilanzskandal. Wie nun scheibchenweise herauskam, hat Folli Follie jahrelang große Teile seiner Bilanz auf dreiste Art gefälscht. Die Aktien von Folli Follie sind um 75 Prozent eingebrochen und notieren so tief wie nie. Dem Modeschmuckverkäufer droht die Pleite.

Der Skandal um Folli Follie

Der Bilanzskandal um Folli Follie hat das schon angeschlagene Vertrauen in griechische Aktien weiter beschädigt. Wem kann man jetzt noch trauen, wenn nicht nur der griechische Staat, sondern auch große Unternehmen, bei denen ein großer Teil der Aktionäre aus dem Ausland stammt, schummeln?

Hilfsprogramm für Banken

Neben Folli Follie trugen auch die griechischen Bankentitel zum Kursrutsch an der Athener Börse bei. Die Aktien von Attica Bank und Piräus Bank waren die größten Verlierer im vergangenen Jahr, wohl auch weil nach dem Auslaufen des Hilfsprogramms Ausnahmeregelungen für die Banken endeten. Die vier großen griechischen Banken ächzten unter einem Berg fauler Kredite und leiden unter Liquiditätsproblemen. Ende November beschloss die Notenbank einen Rettungsplan. Die notleidenden Kredite mit einem Nennwert von rund 40 Milliarden Euro sollen in eine Art "Bad Bank" ausgelagert werden.

Als zusätzlicher Ballast für die griechische Börse erwies sich die Türkei-Krise. Das Nachbarland ist für die griechischen Exporteure der viertwichtigste Absatzmarkt. Zudem haben mehrere griechische Firmen Niederlassungen oder Beteiligungen in der Türkei.

Gute Zeiten für Schnäppchenjäger?

Dennoch gibt es noch eine Reihe attraktiver Hellas-Aktien, die sich zuletzt behaupten konnten. Manos Chatzidakis, Chefanalyst des Athener Geldhauses Beta Securities, schwärmt von Schnäppchen mit lukrativen Dividenden. Als Beispiele nennt er den Spielwaren-Großhändler Jumbo, die Fluglinie Aegan Airlines sowie den Aluproduzenten und Kraftwerksbauer Mytilineos.

Relativ krisensicher ist das größte börsennotierte Unternehmen, Coca-Cola HBC, das das Brausegetränk abfüllt. Auch OTE, das zur 40 Prozent der Deutschen Telekom gehört, gilt als Fels in der Brandung.

Wirtschaft wächst wieder

Sobald die politische Unsicherheit beendet ist - spätestens im Oktober finden die Parlamentswahlen statt -, könnten ausländische Investoren wieder nach Athen zurückkommen. Tatsächlich haben sich die wirtschaftlichen Perspektiven zuletzt aufgehellt. Griechenland hat die achtjährige Rezession hinter sich gelassen und wächst seit sechs Quartalen wieder kontinuierlich. Im August endete das letzte dritte und letzte Hilfsprogramm des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) für das südeuropäische Krisenland.

Die Voraussetzungen für steigende Kurse an der griechischen Börse sind aus fundamentaler Sicht nach wie vor vorhanden, meinte Ende Oktober Christos Arbaras, Vorstandsvorsitzender der Anodos Asset Management. Während die griechische Konjunktur in den vergangenen Jahren überwiegend von der Binnennachfrage getragen wurde, kämen nun auch die Exporte wieder in Fahrt. Die Ausfuhren stiegen im ersten Halbjahr 2018 um knapp 16 Prozent.

Selbst am Anleihemarkt ist wieder ein Stück weit Normalisierung eingekehrt. Die langfristigen Zinsen sind auf nur noch vier Prozent gesunken. Einst lagen sie bei um die zehn Prozent. Griechenland plant die Rückkehr an die Anleihenmärkte. In diesem Jahr will Griechenland Staatstitel mit fünf oder zehn Jahren Laufzeit anbieten.