Odysseus und die Sirenen, Ölgemälde, 1891, John William Waterhouse
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Fortschritte den Kritikern zum Trotz Griechenland: So sehen Helden aus!

von Angela Göpfert

Stand: 27.09.2017, 08:10 Uhr

Vor fünf Jahren, auf dem Höhepunkt der Euro-Krise, wurde der Europäische Stabilitätsmechanismus ESM gegründet. Größter Profiteur ist Griechenland. Nun scheint es, als nähere sich die Irrfahrt der griechischen Wirtschaft ihrem Ende.

Rund 170 Milliarden Euro – in Ziffern: 170.000.000.000 Euro – Rettungsdarlehen hat Griechenland bislang vom Europäischen Stabilitätsmechanismus ESM und seinem Vorgänger EFSF erhalten. Das ist eine Summe, die bei vielen Bürgern wie Politikern hierzulande Kopfschütteln hervorruft.

Kein anderes Land der Euro-Peripherie, das 2011/2012 in die Krise geraten war, hat auch nur ansatzweise so viel Geld von der EU erhalten. Keinem anderen Land wurde das Geld so sehr missgönnt wie Griechenland.

Jüngst erst bezeichnete EU-Währungskommissar Pierre Moscovici das noch bis 2018 laufende dritte ESM-Kreditprogramm für Griechenland als einen "demokratischen Skandal".

ESM- und ESFS-Finanzhilfen die im 3. Quartal 2017

Griechenland hat noch so gut wie nichts an den ESM zurückgezahlt. | Grafik: boerse.ARD.de

Schmerzhafte Einschnitte

Allen Kritikern zum Trotz: Griechenland hat vom ESM nicht nur unvorstellbare Summen erhalten, sondern seinerseits auch schmerzhafte Einschnitte vollzogen. Die öffentlichen Gehälter und Pensionen sind um etwa ein Drittel gesunken, die Zahl der Staatsbediensteten ist deutlich geschrumpft.

Der Erfolg der Reformen ließ nicht lange auf sich warten. Das Haushaltsdefizit lag 2009 noch bei über 15 Prozent der Wirtschaftsleistung. Heute hat Griechenland einen kleinen Überschuss, wie Deutschland.

ESM – "eine Art Europäischer Währungsfonds"

"Der ESM gewährt Ländern befristete Rettungsdarlehen, die in einer schweren Krise das Vertrauen der Investoren verlieren." So beschreibt ESM-Chef Klaus Regling die Aufgabe des Europäischen Stabilitätsmechanismus. Der studierte Volkswirt leitet den ESM seit seiner Gründung am 27. September 2012. Die deutsche Bundesregierung bezeichnet den ESM als "eine Art Europäischen Währungsfonds". Vorgänger des ESM ist die 2010 gegründete Europäische Finanzstabilisierungsfazilität EFSF.

Raus aus der Rezession

Das Land schaffte sich zudem raus aus der Rezession: Die Veränderungsrate des Bruttoinlandsprodukts, die jahrelang im Minus war, pendelt seit 2014 an der Nulllinie. In den letzten zwei Quartalen quälten sich die Griechen gerade so ins Plus. Immerhin.

Dass Griechenland Fortschritte macht, ist Anlegern schon lange aufgefallen. Seit seinem Anfang 2016 markierten Allzeittief bei 421 Punkten hat sich der Leitindex Athex Composite in der Spitze mehr als verdoppelt.

Dieses Plus von mehr als 100 Prozent spiegelt die verbesserten Zukunftsaussichten der griechischen Unternehmen wider. Denn wie heißt es so schön: An der Börse wird die Zukunft gehandelt.

Athex Composite Share Price Index

Athex Composite Share Price Index. | Bildquelle: Seit Anfang 2016 geht es auch an der Börse wieder aufwärts

Regling fordert Rückkehr an den Kapitalmarkt

Um all diese Fortschritte weiß auch ESM-Chef Klaus Regling. Der Ökonom ist zuversichtlich, dass Griechenland nach Auslaufen des dritten Hilfspakets 2018 keine internationalen Finanzhilfen mehr braucht. Das Land sei auf einem guten Weg und könnte sich wieder selbst am Markt finanzieren, sprich neue Anleihen begeben. Vorbild sind die ehemaligen Programmstaaten Irland, Portugal, Spanien und Zypern.

Klaus Regling, Chef des ESM

ESM-Chef Klaus Regling macht Druck, Griechenland soll zurück an den Kapitalmarkt. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Das Comeback am Anleihenmarkt will aber gut vorbereitet sein. Das Land müsse dafür eine Strategie entwickeln und mit Investoren ins Gespräch kommen, betonte Regling jüngst vor Journalisten in Brüssel.

Sinkender Risikoaufschlag

Tatsächlich sind auch am Anleihenmarkt Fortschritte sichtbar. Das zeigt ein Blick auf den "Renditespread" zwischen zehnjährigen griechischen und zehnjährigen deutschen Staatanleihen.

Das sind gewissermaßen die Extra-Zinsen, die Griechenland Anlegern im Vergleich zu den gemeinhin als sicher eingestuften Bundesanleihen bezahlen muss. Der Spread wird daher auch gerne als "Risikoaufschlag" bezeichnet.

Spread zur Rendite 10jähriger deutscher Staatsanleihen: Griechenland, Portugal, Irland

Griechenland muss am Rentenmarkt hohe Zinsen zahlen . | Bildquelle: Wellenreiter-Invest, Grafik: boerse.ARD.de

Comeback scheint machbar

Dieser Risikoaufschlag beträgt im Moment zwar rund fünf Prozentpunkte – und ist damit so hoch wie sonst nirgends in der Eurozone. Doch er ist in den vergangenen Jahren dramatisch gesunken; noch 2012 wurden Werte oberhalb der 30 verzeichnet.

Eine Rückkehr an den Kapitalmarkt wäre für Griechenland vor dem Hintergrund dieser positiven Entwicklung durchaus darstellbar. Zinsen von fünf Prozent hatte Griechenland den Anlegern auch schon vor Einführung des Euro gezahlt (siehe Grafik).

Ende des Defizitverfahrens beschlossen

Doch nicht nur Anleger wissen die immensen Fortschritte, die Griechenland in den vergangenen fünf Jahren gemacht hat, zu würdigen. Auch unter EU-Politikern ruft dies, zumindest teilweise, Anerkennung und teilweise auch Wohlwollen hervor.

So hat erst am Montag der EU-Ministerrat auf Empfehlung der Kommission hin die Einstellung des Defizitverfahrens beschlossen.

Jamaika und Griechenland – das passt nicht

Richtig spannend wird es aber im kommenden Jahr, wenn das dritte ESM-Hilfspaket für Griechenland ausläuft. Aktuell wird im Kreise der EU-Finanzminister über Schuldenerleichterungen für Athen diskutiert.

Sollte es aber tatsächlich zu einer Jamaika-Koalition im Bund kommen, dürften solche Pläne nur schwer umsetzbar sein. So hat FDP-Chef Christian Lindner bereits vor der Wahl klar gemacht: Die FDP wird einen Schuldenschnitt für Hellas nicht mitmachen. Falls ein Schuldenschnitt unvermeidlich wäre, müsste Griechenland die Euro-Zone verlassen. Der FDP-Chef schafft damit ein unwirkliches Szenario: Kommt der Grexit doch noch, fünf Jahre nach der Euro-Krise?

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Was aus den Krisenländern wurde Fünf Jahre ESM-Rettungsschirm

Parthenon in Athen, Griechenland

Griechenland
Der Großteil der Kredite floss an das schuldengeplagte Griechenland. Nach offiziellen Angaben haben der ESM und der Vorläuferfonds EFSF seit Ausbruch der Krise über 181 Milliarden Euro für Athen bereitgestellt - in zwei Hilfsprogrammen. Damit sind die Rettungsfonds  der wichtigste Gläubiger Griechenlands. Sie halten rund 51 Prozent der griechischen Staatsschuld. Das ESM-Programm läuft noch bis August 2018. Danach soll sich Griechenland wieder selbst Geld an den Finanzmärkten verschaffen. Athen muss die ESM-Darlehen nicht nur vollständig und mit Zinsen zurückzahlen, sondern auch Reformauflagen einhalten. So leitete Hellas Reformen in der öffentlichen Verwaltung, beim Arbeitsmarkt und beim Pensionssystem ein. Die griechische Bevölkerung musste bei Löhnen und Pensionen harte Einschnitte verkraften.