Dominoeffekt Türkei und Schwellenländer

Angst vor Ansteckung Globale Schwellenländerkrise im Anmarsch?

von von Angela Göpfert

Stand: 23.08.2018, 06:45 Uhr

Die Darsteller und die Drehorte unterscheiden sich – das Drehbuch einer Schwellenländerkrise aber ist immer das gleiche. Und es verheißt nichts Gutes für die Türkei – und Brasilien, Südafrika, Indien, China…

Es ist eine trügerische Ruhe, die derzeit an den Devisenmärkten herrscht. Die türkische Lira hat sich von ihrem jüngsten Rekordtief wieder etwas erholen können. Doch mehr als eine Atempause ist das wohl nicht, die Türkei-Krise ist noch lange nicht vorbei. Der nächste Lira-Rutsch ist laut Experten nur eine Frage der Zeit.

Von wegen unabhängig!

Denn an der grundsätzlichen Problematik einer wenig glaubhaften Geldpolitik hat sich nichts geändert. Die türkische Notenbank nährt mit ihrer Untätigkeit den Verdacht, dass sie schon längst nicht mehr unabhängig ist.

Der Lira-Verfall kommt für die Türken zur Unzeit: Laut Bloomberg werden 2019 türkische Anleihen im Volumen von 16 Milliarden Dollar fällig – denominiert in Fremdwährungen wie Euro oder Dollar. Setzt sich der Lira-Verfall fort, droht vielen türkischen Unternehmen die Pleite.

Recep Tayyip Erdogan

Erdogan hat mit seinen Attacken gegen die türkische Notenbank der Lira einen Bärendienst erwiesen. | Bildquelle: Imago

Türkische Lira in US Dollar

Seit Jahresbeginn brach die türkische Lira zum Dollar um rund 40 Prozent ein. | Bildquelle: und Grafik: boerse.ARD.de

Erinnerungen werden wach

Die jetzige Situation in der Türkei ähnelt damit stark den Ereignissen in Südostasien Ende der 1990er Jahre und in Lateinamerika in den 1980er-, 1990er- und 2000er-Jahren. Kein Wunder, folgt die Türkei-Krise doch dem Drehbuch einer typischen Schwellenländerkrise.

Am Anfang steht der immergleiche Sündenfall: Die heimischen Unternehmen und der Staat verschulden sich in Fremdwährungen, um das hohe Wachstum auf Pump zu finanzieren. Das kann eine ganze Weile lang gut gehen – solange wie die Märkte an die Wachstumsstory des Landes glauben. Kommt es jedoch zu einem Vertrauensverlust, stürzt das Land in eine Todesspirale.

Willkommen in der Todesspirale

Jerome Powell

Eine Fed auf Zinserhöhungskurs - das hat schon so manchem Aufschwung in den Schwellenländern den Garaus gemacht. | Bildquelle: Imago

Die heimische Währung rauscht in die Tiefe. Das erschwert die Schuldenrückzahlungen in fremdländischen Währungen. Heimische Unternehmen gehen pleite, die Arbeitslosigkeit steigt, die Krise schlägt auf die Realwirtschaft durch. Das Vertrauen der Investoren sinkt weiter. Das setzt die Währung noch stärker unter Druck - und so weiter und so fort.

Dabei ist es letztlich egal, was diese Todesspirale auslöst, wie Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman in einer aktuellen Kolumne eindrucksvoll unterstreicht. Das kann eine Zinserhöhung der US-Notenbank sein. Das kann eine Krise in einem anderen Schwellenland sein. Das können Strafzölle durch eine große Handelsmacht sein. Das können aber auch inländische Ereignisse sein wie wiederholte Angriffe auf die Unabhängigkeit der heimischen Notenbank.

"Hier braut sich etwas zusammen"

Nicht wenige Experten fürchten nun eine Ausbreitung der Türkei-Krise auf andere Schwellenländer. In den vergangenen Wochen rauschten die indische Rupie, die indonesische Rupiah, der südafrikanische Rand, der mexikanische Peso, der brasilianische Real und der chinesische Yuan an den Finanzmärkten weltweit in die Tiefe.

»Die Schwellenländer stehen massiv unter Druck durch den starken Dollar, die hohen Zinsen der Dollarkredite und die Handelsdrohungen Trumps. Hier braut sich etwas zusammen, was zu einem großen Problem werden könnte.«

Robert Rethfeld, Marktexperte Wellenreiter-Invest

Erinnerungen an die Asienkrise 1997 werden wach. Auch damals ging die Krise von einem für die internationalen Finanzmärkte völlig unbedeutendem Land aus, Thailand. Daher ist auch die Beobachtung, wonach die Türkei nur eine kleine Volkswirtschaft ist, irreführend.

1997 nahm die Asienkrise in Thailand ihren Anfang, 1998 erreichte sie die Wall Street . | Quelle: picture-alliance/dpa

Nicht alle Schwellenländer sind gleich

Allerdings sollte man auch nicht den Fehler machen und alle Schwellenländer über einen Kamm scheren. "Gerade die größeren Schwellenländer sind deutlich besser aufgestellt als die Türkei. Sie haben keine so großen Leistungsbilanzdefizite, und ihre Geldpolitik ist anders als die türkische glaubhaft auf die Bekämpfung von Inflation ausgerichtet", betont Ulrich Leuchtmann, Devisen-Analyst der Commerzbank.

Leistungsbilanzsaldo in Prozent des Bruttoinlandsprodukts

Die Türkei hat das größte Leistungsbilanzdefizit . | Bildquelle: IWF, Grafik: boerse.ARD.de

Beunruhigende Parallelen

Nichtsdestotrotz lehrt die Geschichte: Ist das Vertrauen der Anleger erst einmal weg, kann das eine Todesspirale in Gang setzen, die nur schwer aufzuhalten ist.

Länder wie Südafrika, Mexiko und eben auch die Türkei dürften daher mit Freuden die jüngsten Äußerungen von Donald Trump vernommen haben: Der US-Präsident stellte zu Wochenbeginn die Unabhängigkeit der US-Notenbank infrage und schwächte damit den Dollar.

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Schwellenländer im Sog des Lira-Crashs Von Argentinien bis Südafrika

Indischer Zehnrupienschein

Indische Rupie
Auf dem Subkontinent wächst die Nervosität. Die Rupie fiel auf ein Rekordtief zum Dollar. Der Greenback war zeitweise über 70 Rupie wert. Schon geht die Angst um vor einer anziehenden Inflation. Im Juni lag die Teuerungsrate schon bei fünf Prozent. Die indische Notenbank hat jüngst die Leitzinsen zum zweiten Mal binnen kurzer Zeit angehoben - auf 6,5 Prozent.

Doch hoppla, ein Präsident, der die eigene Notenbank attackiert und damit die heimische Währung schwächt – war das nicht der Ausgangspunkt der Türkei-Krise? Nur gut, dass sich die USA in Dollar verschulden und nicht in Fremdwährungen. Sonst wäre die nächste Krise schon programmiert.