Angela Merkel und Emmanuel Macron

Wirtschaft wächst doppelt so stark Warum Frankreich Deutschland überholt hat

von Notker Blechner

Stand: 22.11.2019, 06:45 Uhr

Jahrelang war Frankreich der "ewige Zweite" hinter Deutschland beim Wettrennen um das Wirtschaftswachstum. Jetzt hat sich das Bild gedreht. Die Franzosen haben das Gelbe Trikot übernommen. Ist das nur ein kurzfristiger "Macron-Effekt"? Oder wird Frankreich zum neuen Deutschland?

Ökonomen und Manager reiben sich verwundert die Augen: Unser Nachbarland, das lange Zeit reformunfähig war und von ständigen Streiks ausgebremst wurde, hat sich inzwischen zum Motor der Eurozone gemausert. In diesem Jahr wird Frankreichs Wirtschaft um 1,3 Prozent wachsen, prophezeit die OECD. Das ist mehr als doppelt so stark wie die deutsche Wirtschaft, die nur um 0,6 Prozent zulegen wird.

Im kommenden Jahr könnte sich die Schere zwischen den beiden Ländern sogar noch vergrößern. Nach der jüngsten Prognose der OECD wird das BIP Frankreichs 2020 um 1,2 Prozent steigen. In Deutschland hingegen wird das Wachstum nur bei 0,4 Prozent liegen.

"Nimbus des ewigen Zweiten abgestreift"

"Es gelingt dem Land gerade, den Nimbus des ewigen Zweiten abzustreifen", lobt Olivier de Berranger, Chefanlagestratege des unabhängigen französischen Vermögensverwalters La Financière de l'Echiquier. "Frankreich schaltet einen Gang höher in einer wichtigen Phase, in der die deutsche Industrie schwer zu kämpfen hat und knapp an einer technischen Rezession vorbeigeschrammt ist."

BIP-Wachstum im Vergleich

BIP-Wachstum im Vergleich. | Bildquelle: OECD, Grafik: boerse.ARD.de

Die französischen Unternehmen sind erstaunlich optimistisch – auch dank Steuer- und Abgabesenkungen. Im zweiten Quartal erhöhten sie die Investitionen um 0,9 Prozent - nach einem Plus von 0,5 Prozent im ersten Quartal. Die Investitionsvorhaben befinden sich auf dem höchsten Stand seit drei Jahren.

Binnenkonjunktur treibt das Wachstum

Zudem macht sich die geringere Exportabhängigkeit Frankreichs positiv bemerkbar. Die stärkere Orientierung auf die Binnenkonjunktur trägt Früchte. Die Kauflaune der Franzosen lag im Oktober auf dem höchsten Niveau seit knapp zwei Jahren. Der Konsum ist die wichtigste Stütze der französischen Wirtschaft.

Paradoxerweise haben die "Gelbwesten" zur Ankurbelung der Binnenkonjunktur beigetragen, meinen Ökonomen. Als (späte) Reaktion auf die Proteste beschloss Präsident Emmanuel Macron Konjunkturhilfen von zehn Milliarden Euro. Dazu zählen Steuernachlässe und ein staatlicher Lohnzuschuss für Geringverdiener.

Gelbwesten-Proteste haben auch positive Effekte

"Das ist wichtig angesichts des riskanten internationalen Umfelds", sagt Ökonom Philippe Waechter vom Finanzhaus Ostrum Asset Management. "Danke Gelbwesten!", schreibt Philippe Askenazy, Ökonom am Forschungsinstitut CNRS.

Französische und deutsche Flagge

Französische und deutsche Flagge.

Ist Frankreich also das bessere Deutschland? Nein, meint Romain Boscher, globaler Anlagechef Aktien der Fondsgesellschaft von Fidelity und selbst gebürtiger Franzose. Das Land zahle einen hohen Preis für die Ankurbelung der Binnenkonjunktur. Frankreich habe die Verschuldung wieder deutlich hochgefahren, während Deutschland sich entschuldet. In Frankreich wird in diesem Jahr voraussichtlich das Haushaltsdefizit auf 3,2 Prozent steigen, in Deutschland hingegen wird mit einem Überschuss von einem Prozent gerechnet.

Seiner Ansicht nach sollte man nicht nur auf das BIP-Wachstum, sondern auch auf das BIP pro Kopf schauen. Hier liegt Deutschland nach Schätzungen des IWF mit über 48.000 Dollar noch klar vor Frankreich (42.314 Dollar).

Staatsverschuldung und Arbeitslosenquote viel höher

Bis Frankreich sich wirtschaftlich wirklich mit Deutschland messen kann, hat es noch einen weiten Weg vor sich. Jährlich verbraucht der französische Staat selbst 56 Prozent der Wirtschaftsleistung. Dementsprechend hoch fällt auch die Staatsverschuldung aus, die in Frankreich beinahe 100 Prozent des BIP beträgt.

Die Arbeitslosenquote ist immer noch gut doppelt so hoch wie in Deutschland, auch wenn sie derzeit sinkt. Die Regierung in Paris weist darauf hin, dass seit der Änderung der Arbeitsgesetze der Anteil neuer Arbeitsplätze mit unbefristeten Verträgen gestiegen sei.

Proteste und Mega-Streik wegen Rentenreform

Der bisherige "Macron-Effekt" könnte aber schnell verpuffen. Denn die "Gelbwesten"-Proteste sind zuletzt wieder aufgeflammt und könnten in den nächsten Wochen wieder zunehmen. Am 5. Dezember haben zahlreiche Gewerkschaften Proteste und Streiks gegen die geplante Rentenreform angekündigt. Die Stimmung in Frankreich ist explosiv. Es könnte ein heißer Dezember werden, der das gesamte Land lahmlegt. Das würde das Wirtschaftswachstum wieder bremsen. Es wird spannend, wie Frankreichs Staatschef mit den Protesten diesmal umgeht. Bleibt Macron, den viele Bürger wegen seiner mitunter fast monarchischen Allüren auch "Jupiter" nennen, stur und verweigert Kompromisse, könnte die zweite Hälfte seiner Amtszeit rasch zum Alptraum werden.