Die Skyline von Frankfurt am Main

Banken investieren in der Main-Metropole Finanzplatz Frankfurt sieht sich als größten Brexit-Gewinner

Stand: 22.06.2020, 16:38 Uhr

Am Dienstag jährt sich der Tag des Brexit-Votums zum vierten Mal. Als größter Finanzplatz in Kontinentaleuropa zählt Frankfurt zu den Gewinnern des Austritts - und klettert auch bei den führenden Finanzzentren weltweit ein paar Plätze nach oben.

Am 23. Juni 2016, dem Tag des Referendums, war das Ende London als wichtigstem Finanzplatz der EU besiegelt. Um weiter in der Union Finanzgeschäfte zu tätigen, mussten Banken reagieren.

Damals stand Frankfurt noch auf Rang 18 der führenden Finanzzentren auf der Welt. Heute steht die Main-Metropole nach Angaben der Finanzplatzinitiative Frankfurt Main Finance auf Platz 13 - obwohl auch Paris, Luxemburg, Amsterdam oder Dublin als Ziele angesteuert wurden.

"Der Finanzplatz Frankfurt hat vom Austritt profitiert und wird es vermutlich auch weiterhin tun. Er gehört bereits jetzt schon zu den führenden Finanzzentren in der Welt. Wir arbeiten daran, dass es so bleibt", betonte der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) am Montag.

Gut 60 Banken verlagern London-Geschäft

Etwa 60 Finanzinstitute hätten mittlerweile erfolgreich Anträge bei der Finanzaufsicht gestellt, ihr Geschäft an den Standort der Europäischen Zentralbank (EZB) zu verlagern oder auszubauen. Rund 30 von ihnen lenken laut Frankfurt Main Finance von dort aus ihre Europazentrale. Unterm Strich seien seit dem Brexit 31 neue Banken nach Frankfurt gekommen, heißt es von der Helaba und der Wirtschaftsförderung Frankfurt.

Zu den "Brexit-Flüchtlingen" gehört die überwiegende Zahl der großen US-Banken, vier der fünf größten japanischen Geldhäuser sowie zwei der vier größten britischen Banken. Tausende Arbeitsplätze seien bereits entstanden und weitere würden folgen.

3.500 bis 4.000 neue Jobs

Durch das Brexit-Votum seien 2019 bereits 1.500 neue Arbeitsplätze in der Region entstanden, sagt der Geschäftsführer von Frankfurt Main Finance, Hubertus Väth. Wenn der Brexit komme, würden gut 2.000 neue Jobs folgen. Insgesamt würden also durch den Brexit 3.500 bis 4.000 Stellen nach Frankfurt verlagert.

Der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) zufolge hat etwa Goldman Sachs die Goldman Sachs Europe SE mit rund 300 Beschäftigten gegründet und Frankfurt als Hauptsitz ausgewählt. Auch JPMorgan habe einige Hundert Stellen von der Themse an den Main verschoben.

Barclays, die Royal Bank of Scotland sowie Standard Chartered seien ebenfalls nach Frankfurt gekommen, berichtete die Helaba im Januar. "Von Banken, die sich auf den Brexit vorbereitet haben, wurden 2018 und 2019 über eine Milliarde Euro in Frankfurt investiert", erklärte Frankfurts Stadtkämmerer Uwe Becker (CDU). "Unter den 100 größten Gewerbesteuerzahlern der Stadt Frankfurt ist mehr als jeder achte ein Kreditinstitut aus dem Ausland."

Deutsche Börse erhöht Clearing-Marktanteil

Auch die Deutsche Börse habe profitiert, so die Lobbyisten von Frankfurt Main Finance. Ihr Marktanteil im Euro-Derivateclearing liege inzwischen bei 18 Prozent.

Ein Clearinghaus stellt sich bei Geschäften zwischen Käufer und Verkäufer und springt ein, falls einer der Handelspartner ausfällt. Die Abwicklung von Geschäften über Clearinghäuser dient unter anderem der höheren Transparenz und Sicherheit, insbesondere bei außerbörslichen Geschäften.

Der ganz große Brexit-Effekt für Frankfurt ist aber ausgeblieben. Die Prognosen von 8.000 neuen Jobs (Helaba) oder gar 10.000 Stellen (Frankfurt Main Finance) werden sich wohl nicht erfüllen. So wird zum Beispiel die Deutsche Bank laut Experten doch keine große Stellenverlagerung durchführen. 2018 hatte das Geldinstiutt erwogen, 4.000 Jobs von London nach Frankfurt zu verlegen.

tb/ nb