China-Karte mit einer Lupe

Vor dem 19. Kongress der KP Fährt China gegen die Wand?

von Thomas Spinnler

Stand: 18.10.2017, 08:15 Uhr

Die immense Verschuldung wird für die chinesische Wirtschaft immer mehr zum Problem. Wird der 19. Kongress der KP Antworten auf die drängenden Fragen zur Zukunft Chinas geben?

Oberflächlich betrachtet scheint in China alles in Ordnung zu sein: Die Aktienmarkt steigt, das private Einkommen der Milliardenbevölkerung ebenfalls, der chinesische Wachstumsmotor läuft: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) könnte um sieben Prozent zulegen, hatte Notenbankchef Zhou Xiaochuan am Montag mitgeteilt. "Chinas Wirtschaftswachstum hat sich in den vergangenen Jahren verlangsamt, doch in diesem Jahr hat es sich belebt", erklärte Zhou.

In der ersten Jahreshälfte betrug das Plus 6,9 Prozent, die Regierung hatte für 2017 ein Ziel von 6,5 Prozent verkündet. Vor dem Start des 19. Parteikongresses der KP Chinas am Mittwoch, der Kongress findet nur alle fünf Jahre statt, wartet die Welt jetzt auf die Bestätigung von Zhous Jubelmeldung. Am Donnerstag wird die erste Schätzung zum Abschneiden der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt im dritten Quartal veröffentlicht.

China: Wachstum des realen BIP von 2007 bis 2017

China: Wachstum des realen BIP von 2007 bis 2017. | Bildquelle: Statista, Grafik: boerse.ARD.de

Eine Ratingagentur warnt bereits

Die guten Nachrichten kommen zum richtigen Zeitpunkt, denn nach Einschätzung vieler Experten hat China aufgrund der massiven Verschuldung, insbesondere im Unternehmenssektor, beschleunigtes Wachstum bitter nötig. Inzwischen liegt die Gesamtverschuldung Chinas, also die Verbindlichkeiten der Zentral- und Lokalregierungen plus Schulden der Unternehmen, nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) bei rund 250 Prozent des BIP und dürfte bis 2022 auf fast 300 Prozent steigen. Zuletzt war sie allerdings leicht zurückgegangen.

Eine Warnung sprach jüngst die Ratingagentur S&P aus. Die Bonitätsnote wurde um eine Stufe gesenkt auf „A+“ von bislang „AA-“. „Die Herabstufung spiegelt unsere Einschätzung wider, dass eine längere Phase des starken Kreditwachstums die ökonomischen und finanziellen Risiken Chinas erhöht hat“, lautete die Begründung.

Gesamte Kapitalaufnahme der chinesischen Gesellschaft in % des BIP

"Die gesamte Kapitalaufnahme in China inklusive der Schulden der Kommunen belaufen sich auf 224 Prozent des Bruttoinlandproduktes", schreibt Fidelity-Expertin Lili Fan. | Bildquelle: Fidelity International, Grafik: boerse.ARD.de

Druck ablassen

Lili Fan, Kreditanalystin bei Fidelity International, sieht den Schuldenabbau deshalb als wichtigsten Treiber für die nächsten Reformen, die auf dem 19. Parteitag der Kommunistischen Partei in China beschlossen werden könnten: „Nur dann kann China die ambitionierten Reformpläne und marktorientierten Veränderungen erfolgreich umsetzen. Dabei bleibt China nur wenig Zeit, um kontrolliert Druck aus der Kreditblase entweichen zu lassen“, meint die Expertin.

Wie sieht es denn beispielsweise bei den Unternehmen aus? Patrick Franke, Helaba-Analyst, zitiert aus Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ): Demnach lag die Verschuldung des Unternehmenssektors Ende 2016 gemessen am BIP bei 166 Prozent. Im Jahr 2011 habe die Verschuldung noch 120 Prozent betragen.

Schuldenkrise und Zombie-Plage?

Neben der Lage am Immobilienmarkt machen vor allem die sogenannten SOEs, also Unternehmen in chinesischem Staatsbesitz, den Fachleuten Sorgen. „Ihr Anteil an den ausgegebenen Bankkrediten beträgt 40 bis 45 Prozent. Sie produzieren jedoch nur rund ein Drittel des BIP – den Rest steuern private Unternehmen bei“, schreibt Fidelity-Fachfrau Fan. Ihr Anteil am Gewinn sei noch geringer, so Fan.

Container in Shanghai

Container in Shanghai. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Der umfangreiche Sektor der SOEs diene der Führung in Peking nach wie vor als bevorzugtes wirtschaftspolitisches Steuerinstrument, meint Franke. Der Fachmann erklärt, wie das System funktioniert: „Die ebenfalls staatlichen Großbanken werden angewiesen, vermehrt Kredite an SOEs zu vergeben. Diese investieren die Mittel dann, oft ohne Rücksicht auf Wirtschaftlichkeit und/oder bereits bestehende sektorale Überkapazitäten. Nach dem Wachstumsschub bleiben dann höhere Schulden und ein möglicherweise zunehmendes Problem mit leistungsgestörten Krediten.“

Faule Kredite können zu einer ernsthaften Belastung für das Bankensystem werden, daran hat uns die jüngste Finanzkrise erinnert. Das System berge die Gefahr einer wachsenden Zombie-Plage, also von Unternehmen, die ohne Staatshilfe nicht überlebensfähig sind, so Franke. 

„In diesem Sektor muss dringend eine Korrektur erfolgen“, kommentiert auch Nitesh Shah, Marktstratege bei ETF Securities. Experten raten, auf Marktkräfte zu setzen und zu privatisieren. Der anhaltende Mangel an Reformen mache China laut Shah anfällig gegenüber großen Schocks.

Chinas Wirtschaft im Wandel

Angesichts der herausragenden Bedeutung Chinas für die Weltwirtschaft wartet man nicht nur in China auf die Worte des Vorsitzenden Xi Jingping, dessen zweite Amtsperiode ab Mittwoch eingeleitet werden wird. Außerdem wird die Partei über den nächsten Fünfjahresplan entscheiden, der Antwort auf die bestehenden Probleme geben, und die politische und ökonomische Zukunft bestimmen soll. Traditionell würden in der zweiten Amtsperiode eines chinesischen Präsidenten grundlegende Reformen etabliert, so die Beobachtung der Experten von Nordea.  

Der Traum vom Ferrari in Guangzhou, China

Grundlegende Reformen im Sinn der Bürger: der neue Fünfjahresplan. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Die Grundrisse der geplanten strukturellen Veränderungen sind indes bekannt: Der Binnenkonsum soll gestärkt werden - nicht zuletzt auch um die Abhängigkeit vom Export zu reduzieren und um die staatlichen Investitionen zurückzudrängen, schreiben die Experten der NordLB. „Darüber hinaus ändern sich sukzessive die qualitativen Eigenschaften von in China hergestellten Exportgütern. Während lange Zeit hauptsächlich arbeits- und rohstoffintensive Güter produziert wurden, liegt der Fokus nun auf technologisch anspruchsvollen Gütern, die eher Know-how-intensiv sind“, stellt die NordLB weiter fest. Wie die Reformen im Einzelnen aussehen werden, bleibt abzuwarten.

"Ein gewisser Schutz"

Chinesischer Präsident Xi Jinping

Chinesischer Präsident Xi Jinping. | Bildquelle: Imago

Allzu schwarz sehen sollte man nach Ansicht von Nitesh Shah allerdings nicht: „Die chinesische Wirtschaft verfügt über einzigartige Merkmale, die einen gewissen Schutz gegen negative Entwicklungen am Kreditmarkt bieten: eine hohe private Sparquote, einen Leistungsbilanzüberschuss, eine geringe externe Verschuldung, umfangreiche Devisenreserven, Zinsen deutlich über Null und eine kompetente Zentralbank, die routiniert Liquidität bereitstellt und quantitative Maßnahmen ergreift.“ Trotzdem sei China nicht vollständig immun und die Reformpläne weiter umzusetzen und auszuweiten.

ARD-Börsenstudio: Jan Plate
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Witold Bahrke, Senior-Stratege bei Nordea Asset Management, stellt jedenfalls eine größere Abhängigkeit des globalen Wachstums an China fest, als jemals zuvor: "China trägt bei Weitem am meisten zum globalen Wachstum bei." Deshalb könne nicht genug betont werden, wie wichtig Chinas kommende wirtschaftspolitische Weichenstellung auch für die deutsche Volkswirtschaft sei.

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