Rainer Münch

Interview "Es geht um Skaleneffekte"

Stand: 23.07.2018, 16:18 Uhr

Druck im Onlinehandel ist gut für die Kunden. Und Deutschland werde von den chinesischen und US-amerikanischen Händlern nicht in die Zange genommen, sagt Rainer Münch, Online-Handelsexperte von der Unternehmensberatung Oliver Wyman. boerse.ARD.de hat mit ihm gesprochen.

boerse.ARD.de: Herr Münch, wie gut steht der deutsche Online-Handel im Moment da?

Rainer Münch: Der Onlinehandel ist kein "nationales" Konstrukt. Deswegen muss man unterscheiden zwischen dem Online-Handel in Deutschland und den deutschen Online-Händlern. Der Online-Handel im Food ist in Deutschland derzeit noch ein junger Wachstumsmarkt, in dem sich jedoch einiges tut. Im Non-Food ist der Markt schon sehr weit entwickelt. Größter Anbieter ist Amazon. Otto hat als größter deutscher Anbieter aber schon früh die Weichen gestellt, um mit Amazon zumindest in ausgewählten Warengruppen mithalten zu können. Andere Anbieter wie Zalando oder Conrad sind in ihren Kategorien sehr weit vorne.

boerse.ARD.de: Wie hoch ist der Druck durch Amazon auf die deutschen Online-Händler?

Münch: Der Druck ist brutal hoch. Amazon ist der Schrittmacher im Online-Handel. Im Gegensatz zu kleinen Anbietern kann Amazon viel ausprobieren und diese Experimente länger durchhalten als die Konkurrenz. Allerdings hat dieser Druck auch etwas Gutes: Wäre der Druck nicht so hoch, dann würden sich viele Händler nicht dazu entscheiden, ins Online-Segment zu gehen und das Risiko eingehen, ihr eigenes stationäres Geschäftsmodell zu kanibalisieren. Denn bevor es andere kannibalisieren machen sie es lieber selbst.

boerse.ARD.de: Wie realistisch sind denn die Ankündigungen von Alibaba und JD.com?

Münch: Da gibt es zwei Sichtweisen: Auf der einen Seite ist eine globale Präsenz bei der gewählten Strategie früher oder später geradezu notwendig. In China haben die beiden Unternehmen einen großen Binnenmarkt und auch in Asien gibt es noch Wachstumspotenziale. Trotzdem müssen sie perspektivisch schon den europäischen Markt in den Blick nehmen. Auf der anderen Seite stellt sich auch für Alibaba und JD.com die Frage, wann der richtige Zeitpunkt für einen Markteintritt in Europa ist, ohne massive Gegenreaktionen der starken amerikanischen Konkurrenten wie Amazon zu provozieren.

boerse.ARD.de: Wird Deutschland dann von US-amerikanischen und chinesischen Händlern in die Zange genommen?

Münch: Das Bild von der geografisch angelegten Zange kann hier nicht angewendet werden. Es geht hier darum, wer im Technologiewettbewerb die größten Skaleneffekte erzielen kann. Der Hauptsitz eines Unternehmens ist dabei von zunehmend geringerer Bedeutung. Aber die Amerikaner haben historisch aufgrund ihrer digitalen Innovationskultur und aufgrund ihres Binnenmarktes bisher die größeren Vorteile. Man darf gespannt sein, wie sich da die chinesischen Online-Händler schlagen.

boerse.ARD.de: Wie sollten sich deutsche Online-Händler auf den Markteintritt der Chinesen vorbereiten?

Münch: Die Onlinehändler sollten sich zunächst darauf konzentrieren ein nachhaltiges, funktionierendes Geschäftsmodell aufzubauen. Wer das tut, der kann möglicherweise am Ende mit viel Gewinn an die großen Player verkaufen. Parallel sollten sie nach eigenen Skalenmöglichkeiten Ausschau halten, beispielsweise in Form von Kooperationen und Allianzen.

Das Interview führte Marcus Pfeiffer.