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Indien Ein Schwellenland lernt Laufen

Stand: 22.12.2017, 14:15 Uhr

Indiens Wirtschaft schien eigentlich ganz gut unterwegs - in diesem Jahr kam sie aber ins Straucheln. Schuld daran waren die Reformen von Premierminister Modi. Sollte er 2019 wiedergewählt werden, will er das Schwellenland auf seinem Kurs halten. Was bedeutet das für Indien?

Seit einigen Jahren liefert sich das zweitgrößte Schwellenland der Welt ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem chinesischen Nachbarn, was das Wirtschaftswachstum betrifft. 2014 überholte Indien die Volksrepublik, doch in diesem Jahr schwächelt das Schwellenland. Schuld daran sind ausgerechnet die Reformen, die eigentlich den Aufschwung anheizen sollten.

Alles neu macht der Modi

Händler mit indischen Hundertrupien-Scheinen

Indische Rupien. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Zuerst entwertete die Regierung unter Premierminister Narendra Modi im November vergangenen Jahres die beiden wichtigsten Banknoten des Landes. Dadurch sollten Steuerhinterziehung und Korruption bekämpft und gleichzeitig der digitale Zahlungsverkehr gefördert werden. Die Maßnahme erwischte viele Inder auf dem falschen Fuß: Bargeld wurde zur Mangelware, weil der Nachschub neuer Scheine stockte. Dabei liefen damals noch rund zwei Drittel der indischen Wirtschaftsgeschäfte über Bargeld.

Im Juli führte die Regierung dann die "Goods and Services Tax" (GST) ein, eine einheitliche Umsatzsteuer. Sie gilt als die wichtigste Steuerreform seit der Unabhängigkeit 1947 und soll das bisherige Steuersystem vereinfachen. Auch die bisherigen Zollkontrollen zwischen den einzelnen Bundesstaaten fallen dadurch weg. Doch auch dabei lief etwas schief: Die Einführung der GST kam für einige Unternehmen zu früh und brachte ihre internen Abläufe durcheinander. Laut Avinash Vazirani, Fondsmanager bei Jupiter, wird sich die Steuerreform auf lange Sicht aber positiv auf das Wirtschaftswachstum auswirken.

Gerade das kam jedoch zunächst ins Straucheln. So fiel das BIP-Wachstum von rund acht Prozent 2015 auf 7,1 Prozent im vergangenen Jahr. Für dieses Jahr peilt Indien rund 6,7 Prozent an – ähnlich hoch wie China. Doch der IWF erwartet, dass Indien schon 2022 wieder auf der Überholspur liegt: 8,2 Prozent werden dann erwartet. China soll dann nur noch bei 5,7 Prozent liegen.

Das BIP der Volksrepublik wird aber wohl langfristig stärker bleiben: Momentan liegt China bei 11,2 Billionen Dollar - Indien nur bei 2,264 Milliarden Dollar. Doch Indien soll bis 2050 deutlich zulegen: Laut Experten der Unternehmungsberatung PwC werde Indien dann auf Platz drei liegen - gleich hinter China und den USA.

Schon jetzt stehen die Zeichen wieder auf Erholung: So knackte der kombinierte Einkaufsmanagerindex für den Industrie- und Dienstleistungssektor jüngst die 50-Punkte-Marke - im Juli lag er noch bei 46 Punkten. Der Sprung nach oben ist ein Zeichen für die wachsende wirtschaftliche Aktivität.

Eine Regierung im Anpackmodus

Für neuen Schwung im Aufwärtstrend sollen weitere Reformen sorgen. Schon im kommenden Jahr will Modi den Arbeitsmarkt und das Grunderwerbsrecht umgestalten. In seiner Zeit als Premierminister konnte die Regierung bereits das Geschäftsumfeld deutlich verbessern: Reformen bauten die Bürokratie ab und trieben die Digitalisierung voran. Zahlreiche Sektoren wurden geöffnet - unter anderem förderte die Regierung mit dem Projekt "Make in India" ausländische Direktinvestitionen.

Sensex 30-Chart 5 Jahre

Sensex 30. | Bildquelle: boerse.ARD.de

An der Börse sorgte der Wahlsieg von Modi im Mai 2014 für eine beeindruckende Rally. Der Aufwärtstrend des Leitindex Sensex hielt bis Mitte 2015 - dann flaute der Trend bis Anfang 2016 wieder ab. In den vergangenen zwölf Monaten lief es wieder gut in Mumbai: Der Sensex legte um 24,3 Prozent zu. Seit einigen Monaten schwankt er um die bislang höchste Marke von rund 33.000 Punkten.

Die gute Stimmung soll andauern: Die Unternehmen im Aktienindex MSCI India sollen 2018 ein Gewinnplus von durchschnittlich rund 22 Prozent verzeichnen, so Analysten. Beim MSCI Emerging Markets, in dem Indien mit zahlreichen weiteren Schwellenländern gelistet ist, liegt die durchschnittliche Gewinnerwartung bei nur 13,2 Prozent.

Indische Wähler stehen Schlange in Mumbai, Indien

Wahl in Mumbai, Indien .

Wenn Modi im nächsten Jahr wiedergewählt werden sollte, könnte das den Aufschwung begünstigen. Die Chancen dafür stehen gut: In diesem Jahr gewann seine Partei BJP einige Regionalwahlen in wichtigen Bundesstaaten des Landes.

Einige offene Baustellen

Obwohl sich schon viel im Land getan hat, verläuft noch einiges schleppend – unter anderem die Urbanisierung. Dafür kündigte Modi in diesem Jahr ein Investitionspaket für die Infrastruktur in Höhe von 108 Milliarden Dollar an. Allein zwei Milliarden davon sollen in die Stromvernetzung fließen: Noch sind 40 Millionen indische Haushalte ohne Strom.

Dadurch entstanden in diesem Jahr vor allem in Bausektor rund 6,6 Millionen neue Arbeitsplätze, so die Schätzungen der Unternehmensberatung McKinsey. Die Arbeitsplätze werden dringend gebraucht: Laut einer Studie des Wirtschaftsprüfers EY gibt es noch immer zu wenig Arbeits- und Ausbildungsplätze – und die Bevölkerung wächst jährlich um rund 16 Millionen.

Dort liegen die Chancen

Passagiere auf dem Bahnhof in Mumbai

Passagiere auf dem Bahnhof in Mumbai. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Von der wachsenden Bevölkerung profitiert Indien aber auch. Während Länder wie Deutschland, China und Japan unter dem demografischen Wandel leiden, ist das 1,3 Milliarden-Einwohner-Land vergleichsweise jung: Das Durchschnittsalter wird 2020 bei 29 Jahren liegen. Chinas Einwohner sind dann im Schnitt 37,5 Jahre alt - die Deutschen sogar durchschnittlich über 45 Jahre.

Das kommt der inländischen Konsumbranche zu Gute: Die anhaltend starke Verbrauchernachfrage könnte auch externe Schocks ausgleichen, so Experten der Kreditversicherung Credendo. Gleichzeitig profitiert die Wirtschaft vom niedrigen Ölpreis und dem starken Binnenmarkt.

Besonders erfolgreich ist außerdem der indische IT-Sektor: Er ist Hauptarbeitgeber des Landes. Zu den am stärksten wachsenden Märkten der Welt gehört dabei die E-Commerce-Branche. Dort lag das Marktvolumen 2016 bei rund 15 Milliarden Dollar. Laut einer Analyse der India Brand Equity Foundation (IBEF) soll es 2020 auf rund 63 Milliarden Dollar ansteigen - ein Plus von 28 Prozent. Die IBEF geht sogar davon aus, dass die indische E-Commerce Szene bis 2034 die der USA überholen wird.

Durch die staatliche Förderung der Direktinvestitionen stieg außerdem die externe Liquidität. Auch für das Ausland wird Indien immer interessanter: Nach China und Singapur ist Indien das drittgrößte asiatische Zielland für Auslandsinvestitionen. Die Entwicklungen trieben zudem die Währungsreserven auf ein Allzeithoch seit 2013.  

Wo liegen die Risiken?

Doch Risiken bleiben - vor allem im Bankensektor. Besonders betroffen sind die staatlichen Geschäftsbanken. Ihnen gehört 70 Prozent des gesamten Bankenvermögens. Doch das Volumen an faulen Krediten wächst. Außerdem steigt die Unternehmensverschuldung. Vor allem die Branchen Infrastruktur, Stahl und Bergbau sind davon betroffen.

Das ließ die Kreditverfügbarkeit sinken: Nur um rund fünf Prozent wuchsen die Bankkredite im März im Vergleich zum Vorjahr – der tiefste Stand seit 50 Jahren. "Für einen Emerging Market wie Indien und vor dem Hintergrund der im Vergleich zu Deutschland höheren Inflation ist dieses Wachstum sehr niedrig", sagt Christoph Witte von Credendo. Dieser Zustand hat sich aber verbessert: Mittlerweile liegt das Kreditwachstum wieder auf über neun Prozent - wie in den Jahren zuvor. Allerdings geht seit 2012 die inländische Investitionsquote zurück – und damit auch das Wachstumspotenzial.

Bombay Stock Exchange in Mumbai, Indien

Bombay Stock Exchange in Mumbai. | Quelle: picture-alliance/dpa

Die Regierung kündigte im Oktober ihre Hilfe an: Rund 32 Milliarden Dollar sollen in die Bankenrettung fließen. Das soll die Kreditvergabe ankurbeln und das Vertrauen von Investoren gewinnen. Die Pläne ließen die Kurse der Banken an der Börse in Mumbai haussieren.

Experten halten die Finanzspritze jedoch für zu gering. Laut Reuters hält die Credit Suisse 45 Milliarden Dollar für notwendig - die Ratingagentur Fitch sogar 65 Milliarden.

Ein weiteres Sorgenkind ist der schwache öffentliche Haushalt: Ein geringes Steueraufkommen und hohe Zinszahlungen für öffentliche Schulden sorgten für nur wenig finanziellen Spielraum. Schon vor einigen Jahren leitete die Regierung eine Verringerung der Schulden ein – doch die verlief bislang schleppend. Das neue Steuersystem soll den Prozess nun begünstigen.

Was heißt das für Anleger?

Lange Zeit scheuten private und auch institutionelle Anleger den indischen Markt - vor allem die Bürokratie und Rechtssicherheit galten lange als willkürlich und widersprüchlich. In den vergangenen Jahren hatte sich bereits der Anleihenmarkt für ausländische Investoren geöffnet. Auch die Reformen von Modi tragen zur Verbesserung des Investmentumfeldes bei, so Kenneth Akintewe, Fondsmanager bei Aberdeen. Trauen sich nun die Anleger?

Bullenstatue in der Bombay Stock Exchange in Mumbai

Bullenstatue in der Bombay Stock Exchange in Mumbai. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Indische Staatsanleihen könnten durch den Aufwärtstrend der Wirtschaft künftig interessanter werden, so die amerikanische Investmentgesellschaft T. Rowe Price. Momentan bringen sie eine Rendite von rund sechs Prozent. Vom wirtschaftlichen Aufschwung profitiert die Rupie: Sie sei angemessen bewertet, so die Experten. Damit sei sie im Vorteil gegenüber anderen asiatischen Währungen. Auch die Deutsche Bank prophezeite der indischen Wirtschaft im September gute Aussichten für die Zukunft.

Gehandelt wird in Indien an zwei Börsen in Mumbai. Rund 4.700 Unternehmen sind an der "BSE" gelistet. Rund 70 Prozent des Aktienhandels laufen aber über die "NSE" – dort sind 1.200 Gesellschaften verzeichnet. Öffentlich gehandelte Anlagen wie Aktien sind jedoch noch immer limitiert: Institutionelle Investoren dürfen höchstens 24 Prozent einer indischen Gesellschaft erwerben - private sogar nur zehn Prozent.

Keine Alleingänge!

Wer in den indischen Markt investieren will, sollte sich also fachkundige Hilfe suchen und beispielsweise auf Fondslösungen setzen. Die wirtschaftlichen Aussichten stehen ansonsten gut. Das kurzfristige politische Risiko sei gering, so die Experten von Credendo. Auch auf mittel- bis langfristige Sicht sei das politische Risiko durch die positiven Wirtschaftsaussichten gering. Das Geschäftsrisiko hat sich durch den Anstieg des Anlegervertrauens und der Direktinvestitionen ebenfalls verbessern können: Es liege auf einer Skala von A bis C bei B, so Credendo. Für risikobewusste Anleger könnte der indische Markt also durchaus einen Blick wert sein.

jz

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Größte indische Raffinierie von Reliance Industries

Platz 1: Reliance Industries Limited
Auf dem ersten indischen Platz der Liste "Forbes Global 2000" vom "Forbes Magazine" 2016 das Unternehmen Reliance Industries Limited. 1966 gründete Dhirubhai Hirachand Ambani den Betrieb als kleinen Textilhersteller. Später wurde er damit zum reichsten Milliardär des Landes. Über die Jahre änderte sich das Hauptgeschäftsfeld. Seit den 90ern steht die Förderung von Erdöl und -gas im Fokus. Rund 660.000 Barrel Öl fördert der Konzern täglich. Außerdem ist der Konzern mittlerweile in den Bereichen Forschung, Energie und IT tätig. 2016 setzte er rund 42 Milliarden Dollar um. 
2006 teilte sich der Konzern: Die Söhne des Gründers hatten sich zerstritten. Der eine leitet nun RIL – der andere die Reliance Anil Dhirubhai Ambani Group.