Dollarschein in der Schraubzwinge

Schwellenländer in der Schuldenzange Droht eine Asienkrise 2.0?

von Angela Göpfert

Stand: 06.10.2017, 06:55 Uhr

Der steigende Dollar bringt die in Dollar hoch verschuldeten Schwellenländer in Bedrängnis. Kritiker mahnen bereits vor einer neuen globalen Finanzkrise, ausgelöst durch eine Pleitewelle in den Schwellenländern. Eine echte Gefahr oder nur Panikmache?

Der Wind am Devisenmarkt hat gedreht: Der US-Dollar, der monatelang unter Druck stand, zieht seit Anfang September wieder deutlich an. Die steigenden Zinsen in den USA und die Aussicht auf eine massive Dollar-Repatriierung der amerikanischen Unternehmen im Zuge der Trumpschen Steuerreform machen den Greenback wieder zu einer begehrten Währung.

US-Dollar-Index

Seit September kennt der Dollar nur noch eine Richtung. | Bildquelle: boerse.ARD.de, Grafik: boerse.ARD.de

Zwei Seiten einer Medaille

Während deutsche Exportunternehmen nun frohlocken, dass ihre Waren im Ausland endlich wieder billiger werden und damit die Nachfrage wächst, schlagen die ersten Ökonomen Alarm: Ihre Sorge gilt den Schwellenländern. Denn diese sind in Dollar hoch verschuldet.

Laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) beliefen sich die in Dollar denominierten Schulden der Unternehmen aus Schwellenländern zuletzt auf 3,6 Billionen Dollar.

Der Schuldenberg wächst und wächst

Der Anteil der Schwellenländer an der weltweiten Verschuldung wächst: Betrug dieser 1996 vor Ausbruch der Asienkrise noch 11 Prozent, so waren es 2016 schon 26 Prozent. | Bildquelle: IIF, Grafik: boerse.ARD.de

Der Sündenfall der Schwellenländer

Sich in ausländischer Währung zu verschulden, gilt in der Ökonomie aber nicht umsonst als Sündenfall. Die massive Verschuldung in Fremdwährungen war eine der großen Ursachen für die Asienkrise, die 1997 ausbrach und deren Schockwellen bis in die Ökonomien und Finanzmärkte der entwickelten Länder reichten.

Wertet nämlich die eigene Währung (etwa der brasilianische Real, der mexikanische Peso oder die indonesische Rupie) gegen den Dollar ab, steigt die Schuldenbelastung (in Dollar). Die heimischen Unternehmen bekommen somit Schwierigkeiten, ihre Schulden zu bedienen.

"Eine toxische Mischung"

Hohe Verschuldung, dazu steigende Kreditkosten durch eine Aufwertung des US-Dollar: Für viele Schwellenländer könnte dies zu einer "toxischen Mischung" werden, warnt die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Die "Bank der Zentralbanken" hat in den vergangenen Jahren die Schuldenblase der Weltwirtschaft regelmäßig scharf kritisiert.

Auch die Asiatische Entwicklungsbank mit Sitz in Manila schlug jüngst Alarm: Ein Anstieg der in Dollar denominierten Schulden würde die asiatische Wirtschaft hart treffen.

Asien immer noch "sehr verwundbar"

Laut der Asiatischen Entwicklungsbank ist vor allem der Anstieg der Unternehmensverschuldung besorgniserregend: So ist etwa in China die Verschuldung der Unternehmen von 73 Prozent des Bruttoinlandsproduktes im März 2010 auf 90 Prozent im März 2017 geklettert.

Trotz der zahlreichen Reformen, die nach der Asienkrise 1997 umgesetzt wurden, sei die Region immer noch "sehr verwundbar".

Das komplette Horrorszenario sehe dann wie folgt aus: Der Dollar zieht weiter an, das löst zunächst eine Kette von Zahlungsausfällen in den Schwellenländern und schließlich eine globale Finanzkrise aus.

Wehe, wenn der erste Dominostein fällt.... | Quelle: picture-alliance/dpa

Das wäre nicht im Sinne von Donald Trump

Doch damit dieses Horrorszenario Realität wird, müsste der Dollar schon weit stärker anziehen, als er es aktuell tut. Ein weiterer Dollar-Anstieg ist aber keineswegs gewiss: Schließlich hat Fed-Chefin Janet Yellen bereits klar gemacht, dass sie den Weg weiterer Zinserhöhungen nur sehr behutsam beschreiten wird.

Zumal die US-Notenbank bei massiv steigenden Zinsen auch Probleme mit der eigenen Regierung bekommen dürfte: Immerhin sind die USA selbst hochverschuldet. Anfang September war die US-Staatsverschuldung auf 20,165 Billionen Dollar und damit auf einen neuen Höchststand geschnellt. Steigen die Zinsen, erschwert dies auch dem amerikanischen Staat den Schuldendienst.

Janet Yellen schaut über ihre Brille

Fed-Chefin Janet Yellen hat nicht nur die amerikanische, sondern auch die globale Wirtschaft im Blick. | Bildquelle: Imago

Experten rufen zur Besonnenheit auf

Eberhardt Unger, Chefvolkswirt des unabhängigen Analysehauses Fairesearch, hält daher die grassierenden Ängste vor einem anhaltend steigenden Dollar und seiner Folgen für die Schwellenländer für völlig übertrieben:

»Die Verschuldung aller US-Sektoren ist inzwischen so absurd hoch, dass sich ein Zinsanstieg in den USA in engen Grenzen halten muss, wenn er keine neue Rezession ausüben soll.«

Auch der renommierte Vermögensverwalter Jens Ehrhardt ist überzeugt, dass die längerfristigen Aussichten für die US-Konjunktur und den Dollar "weit weniger günstig sind, als allgemein angenommen". Ehrhardt sieht den Euro mittelfristig sogar auf 1,30 Dollar steigen.

Risiken an anderer Stelle gesunken

Nicht zuletzt hat es seit der Asienkrise auch einige positive Entwicklungen in den Schwellenländern gegeben: So ist der Anteil der Schulden in Fremdwährungen in den Schwellenländern insgesamt (Unternehmen, private Haushalte und Staaten) in den letzten Jahren deutlich gesunken von 32 Prozent Ende 2001 auf 14 Prozent Ende 2016.

Immer mehr Schwellenländer haben in den vergangenen Jahren damit begonnen, Staatsanleihen in lokalen Währungen und mit einer längeren Laufzeit zu begeben. Dieser Trend dürfte die Risiken der Schuldenfinanzierung und schwankender Wechselkurse minimieren.

Fazit: Das Problem der hohen Dollar-Verschuldung der Schwellenländer kann und soll an dieser Stelle nicht kleingeredet werden. Doch von einer Asienkrise 2.0 oder gar einer globalen Finanzkrise sind wir derzeit noch weit entfernt. Wer vorgewarnt sein möchte, sollte den weiteren Weg des Dollar am Devisenmarkt genau im Auge behalten.