Berg, im Hintergrund die österreichische Flagge Audio

Die Alpenrepublik wächst stärker als Deutschland Das österreichische Wirtschaftswunder

von Notker Blechner

Stand: 13.10.2017, 13:31 Uhr

Was ist los in unserem Nachbarland? Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch an der Börse hat Österreich Deutschland in diesem Jahr abgehängt. Selbst der Rechtsruck bei der Parlamentswahl wird nicht als Gefahr gesehen. Eine mögliche ÖVP-FPÖ-Koalition könnte der Konjunktur gar neuen Schub geben.

In der kleinen Alpenrepublik herrscht Wechselstimmung. Viele Österreicher haben genug von zehn Jahren "Großer Koalition". Ausgerechnet ein 31-jähriger Jung-Politiker sorgt für frischen Wind. Seitdem der Shooting-Star der konservativen ÖVP, der Außenminister Sebastian Kurz, seine Kandidatur fürs Kanzleramt angemeldet hat, fliegen ihm die Herzen zu. Wenn Kurz zu Wahlkampfauftritten in vollen Stadthallen auftritt, wird er gefeiert wie ein "Donau-Messias".

Der neue Hoffnungsträger

Tatsächlich hat Kurz mit dem Spitznamen "Wunderwuzzi" die besten Chancen, zum neuen österreichischen Kanzler und damit zum jüngsten Regierungschef weltweit zu werden. Laut jüngsten Umfragen käme momentan Kurz auf 34 Prozent der Stimmen - mit klarem Vorsprung vor der FPÖ mit 27 Prozent. Die SPÖ würde nur auf Platz drei landen mit 22 Prozent.

Rein rechnerisch würde es wohl für eine Fortsetzung der "Großen Koalition" rechnen. Aber seit der Schmutzkampagne zwischen SPÖ und ÖVP deutet vieles darauf hin, dass Kurz bei einem Wahlsieg eher das Bündnis mit der rechtspopulistischen Freiheitlichen (FPÖ) sucht. Unwahrscheinlicher sind eine von Kanzler Kern nicht ausgeschlossene Koalition aus SPÖ und FPÖ sowie eine Minderheitsregierung unter Führung der ÖVP.

Der österreichische Bundeskanzler Christian Kern (M.), ÖVP-Spitzenkandidat Sebastian Kurz (r.) und FPÖ-Spitzenkandidat Heinz-Christian Strache

Der österreichische Bundeskanzler Christian Kern (M.), ÖVP-Spitzenkandidat Sebastian Kurz (r.) und FPÖ-Spitzenkandidat Heinz-Christian Strache. | Bildquelle: picture alliance/KEYSTONE

Bringt Schwarz-Blau die Wirtschaft weiter voran?

Für Österreichs Wirtschaft könnte eine schwarz-blaue Koalition womöglich besser sein als eine Große Koalition. Denn sowohl ÖVP als auch FPÖ versprechen in ihren Programmen spürbare Steuersenkungen. Die Freiheitlichen nennen ein Entlastungsvolumen von zwölf Milliarden Euro, ohne aber eine Gegenfinanzierung aufzustellen. Die ÖVP will die Steuersätze vor allem für Arbeitnehmer mit niedrigem und mittlerem Einkommen reduzieren. "Solche Steuersenkungen würden der österreichischen Wirtschaft zusätzlichen Schub geben", glaubt die Commerzbank.

Auch Fritz Mostböck, Analyst der Ersten Bank, sieht eine mögliche Koalition aus ÖVP und FPÖ nicht als Schreckensszenario. Im Gegenteil. In einem schwarz-blauen Regierungsbündnis wären die Möglichkeiten für Privatisierungen größer als in einer Großen Koalition. "Das Privatisierungspotenzial ist besser."

Er verweist auf die letzte schwarz-blaue Koalition in den Jahren 2000 bis 2007. Damals wurde die Reprivatisierung des Stahlkonzerns VoestAlpine beschlossen, die bis heute als Erfolgsmodell gepriesen wird. Ebenso wurde die Österreichische Post teilprivatisiert und 2006 an die Börse gebracht.

Das bessere Deutschland?

Auch ohne Privatisierungen läuft es derzeit in der österreichischen Wirtschaft so gut wie zuletzt Mitte der 2000er Jahre. In diesem Jahr wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stärker als im Nachbarland Deutschland voraussichtlich um 2,8 Prozent zulegen. Im zweiten Quartal betrug das Wachstum 0,8 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland lag das Plus bei nur 0,6 Prozent. Tatsächlich geht es Österreich teilweise besser als Deutschland: Das kaufkraftbereinigte Pro-Kopf-Einkommen liegt mit rund 37.000 Euro im Jahr um fast vier Prozent über dem deutschen. Auch die Renten sind in der kleinen Alpenrepublik höher.

Bruttoinlandsprodukt  Österreich vs. Euroraum

Bruttoinlandsprodukt Österreich vs. Euroraum. | Bildquelle: Eurostat / Commerzbank Research, Grafik: boerse.ARD.de

Grund für das kleine östzerreichische Wirtschaftswunder ist zum Teil die Politik der "Großen Koalition". Die Regierung konnte ihr strukturelles Budgetdefizit verringern und den Arbeitsmarkt reformieren, erklärt Stefan Bruckbauer, Chefökonom der UniCredit Austria, im Interview mit boerse.ARD.de. "Zusätzliche Impulse brachten die Steuersenkungen im Rahmen der Steuerreform 2016." Darüber hinaus profitierte Österreich von der anziehenden Binnennachfrage.

Vom "Ost-Malus" zum "Ost-Bonus"

Neben der Wirtschaftserholung im Euro-Raum zahlte sich auch die Fokussierung der österreichischen Firmen auf Zentral- und Osteuropa aus. Dort wird die Wirtschaft in diesem Jahr um voraussichtlich um 4,1 Prozent wachsen - also doppelt so stark wie Euroraum, weiß Erste-Group-Analyst Mostböck. Das robuste Wachstum in der Region treibt Umsatz und Gewinn der Austro-Konzerne an. In den letzten Jahren hatte die kleine Alpenrepublik unter dem "Ost-Malus" gelitten. Dieser ist nun wieder dabei, sich in einen Bonus verwandeln.

Party an der Wiener Börse

Der starke Wirtschaftsaufschwung schlägt sich auch an der Wiener Börse nieder. Der ATX hat ein beeindruckendes Comeback hingelegt. Nachdem er jahrelang dem "großen Bruder" Dax hinterher hechelte, eilt er ihm nun voraus. Seit Jahresbeginn hat der Wiener Leitindex gut 27 Prozent zugelegt, während der Dax nur auf ein Plus von rund 13 Prozent kommt. Erstmals seit mehr als sieben Jahren überwand der ATX wieder die Marke von 3.000 Punkten. Nur die griechische Börse entwickelte sich in diesem Jahr noch besser.

Der Wiener Leitindex profitierte nicht nur von der Osteuropa-Ausrichtung, sondern auch von der Finanzlastigkeit. Finanzwerte waren die großen Gewinner der "Trump-Rally" in den letzten Monaten. Fast die Hälfte der Gesamtkapitalisierung des ATX machen Banken-, Versicherer- und Immobilientitel aus.

"Wenn's gut läuft, zieht der ATX besonders an"

Für Experten wie Mostböck von der Erste Group ist die starke Outperformance der Wiener Börse nicht verwunderlich. Als kleiner Aktienmarkt laufe der ATX deutlich besser, wenn es den Aktienmärkten weltweit gut gehe. "Wenn die Märkte fallen, leidet der ATX stärker."

Aktienstrategen sind zuversichtlich, dass der Höhenflug an der Wiener Börse anhält - wenn auch in gebremstem Tempo. Die Erste Bank sieht den ATX bis Jahresende bei 3.250 Punkten. Die österreichischen Aktien sollten weiter von ihrer Nischenstrategie sowie dem guten Umfeld in Mittel- und Osteuropa profitieren, meint Analyst Fritz Mostböck. Er setzt vor allem auf zyklische Aktien

Günstige Bewertung

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
12.483,79
Differenz relativ
+0,18%

Die Bewertung bleibe relativ attraktiv. Tatsächlich sind österreichische Aktien im internationalen Vergleich sehr günstig. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) liegt für 2017 gerade mal bei 13,9. Zum Vergleich: in Europa beträgt das KGV 15,6, in den USA gar 19,8. Gemessen am Shiller CAPE ist Österreich der zweitbilligste Aktienmarkt der Welt hinter Südkorea.

Luft nach oben ist noch genug. Vom Rekordhoch im Jahr 2007 ist der ATX meilenweit entfernt. Vor gut zehn Jahren erreichte er mit 4.981 Punkten seinen Zenit. Danach ging es rasant nach unten.

Fonds oder Aktien?

Anleger können direkt in österreichische Aktien investieren. Wem das zu riskant ist, der kann sein Geld breiter in Österreich-Fonds oder -ETFs anlegen. Allerdings gilt es zu berücksichtigen, dass der Finanzplatz Österreich zunehmend an Bedeutung verliert. Die Zahl der an der Wiener Börse gelisteten Unternehmen schrumpft immer mehr - in den vergangenen zehn Jahren von 127 auf 79.

1/7

Österreichische Börsen-Schmankerl Die ATX-Stars

Raiffeisen Bank Intl.: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum 1 Jahr

Raiffeisen Bank Intl.

Superstar im ATX ist auf Ein-Jahres-Sicht eine Bank: die Raiffeisen Bank International, kurz RBI. Die Aktien des Wiener Geldinstituts haben einen Kurssprung von 96 Prozent hingelegt. Die RBI, die seit Jahresbeginn mit ihrer Mutter Raiffeisen Zentralbank verschmolzen ist, hat sich inzwischen gesund geschrumpft. Sinkende Vorsorgen für faule Kredite und die stabile Wirtschaftsentwicklung in Osteuropa bescherten der Großbank einen Gewinnsprung im zweiten Quartal auf rund 365 Millionen Euro. Das ist fast drei Mal so viel wie im Vorjahreszeitraum. Im ersten Halbjahr konnte der Überschuss mehr als verdoppelt werden auf 585 Millionen Euro. Die harte Kernkapitalquote kletterte auf 12,6 Prozent. Mittelfristig soll sie bei 13 Prozent liegen. Von den Rekordniveaus im Jahr 2007 ist der Aktienkurs der RBI aber noch meilenweit entfernt.

Darstellung: