Xiang Songzuo, Renmin University of China

Ökonom warnt vor geschönten Zahlen "Chinas Wirtschaft ist in der Krise"

Stand: 24.01.2019, 16:56 Uhr

In wenigen Tagen beginnt das chinesische Neujahrsfest. Die Vorfreude auf das "Jahr des Schweins" ist allerdings gedämpft. Die Konjunktur kühlt sich zunehmend ab. Ein Ökonom sieht sogar die Gefahr einer Rezession im Reich der Mitte.

Was viele westliche Volkswirte schon lange geahnt haben, hat nun ein chinesischer Ökonomieprofessor öffentlich zur Sprache gebracht. Xiang Songzuo von der angesehenen Pekinger Renmin-Universität und früherer Chefvolkswirt der Agricultural Bank of China, hat die offizielle Statistik der chinesischen Regierung angezweifelt. Das BIP im Reich der Mitte sei 2018 nur um 1,67 Prozent gewachsen, sagte er auf einer Konferenz in Peking.

Am vergangenen Montag hatte das Nationale Statistikamt mitgeteilt, dass Chinas Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr um 6,6 Prozent gestiegen sei. Das ist das langsamste Wachstum seit 1990. Der Handelskonflikt mit den USA sorgte für deutliche Bremsspuren.

Zunehmende staatliche Eingriffe und fehlender Reformwille

Offenbar ist die Lage aber in Wirklichkeit noch viel schlimmer, meint Ökonomie-Professor Songzuo. Die fehlende Rechtsstaatlichkeit, die zunehmende staatlichen Eingriffe und der mangelnde Reformwille hätten das Land in eine Sackgasse manövriert, kritisierte er in seiner öffentlichen Rede im Dezember. Rasch wurde die Rede zensiert, aber in vielen Internet-Foren in China diskutiert.

"Chinas Wirtschaft befindet sich in der Krise", sagte nun Songzuo in einem aktuellen Interview mit der französischen Tageszeitung "Le Monde". Er verweist auf zahlreiche Unternehmenspleiten, den starken Rückgang der Investitionen, Kreditausfälle und den Abschwung an den chinesischen Börsen. Selbst die wichtige Stütze der chinesische Binnenkonsum habe nachgelassen. "Der Verkauf von Autos und Smartphones sinkt."

Vor allem die Chinesen aus der Mittelschicht litten unter der nachlassenden Wachstumsdynamik. Besonders die Baisse an den heimischen Aktienmärkten traf sie hart. Der Shanghai Composite sackte im vergangenen Jahr um 24 Prozent ab.

Vergleich mit dem Börsencrash 1929

Professor Songzuo vergleicht die Situation mit der Weltwirtschaftskrise und dem Wall Street-Crash 1929. In den vergangenen zehn Jahren seien chinesische Aktien im Schnitt 70 Prozent eingebrochen, hat er ausgerechnet. "Das ist ein Desaster für viele Investoren."

Der Ökonom schließt nicht aus, dass China 2019 in die Rezession rutschen könnte. Die Unternehmer im Reich der Mitte hätten das Vertrauen in die Politik der Xi-Regierung verloren. Als schlechtes Zeichen sieht er, dass Präsident Xi im November den Unternehmern versichern musste, dass der Privatbesitz geschützt werde.

Ende des Handelskriegs mit den USA?

Entscheidend für das Wachstumstempo der chinesischen Wirtschaft 2019 dürfte sein, ob der Handelsstreit mit den USA beigelegt wird. Zuletzt mehrten sich die Signale für eine Annäherung zwischen Peking und Washington. Professor Songzuo rechnet mit einem Kompromiss bis 1. März.

Chinas Führung zeigte sich zuletzt sehr vorsichtig für die Wirtschaftsaussichten in diesem Jahr. Die Wirtschaft sei verstärktem Abwärtsdruck ausgesetzt, meinte Ministerpräsident Li Keqiang im staatlichen Rundfunk. Peking wird für dieses Jahr wohl ein niedriges Wachstumsziel von 6,0 bis 6,5 Prozent ausgeben. Experten erwarten eine Abschwächung auf 6,3 Prozent. Die Zentralbank reagiert bereits auf die schwierigere Lage und pumpte die Rekordsumme von 73 Milliarden Euro in die Finanzbranche.

Deutsche Konzerne stark betroffen

Unter einem chinesischen Abschwung würden deutsche Unternehmen leiden. Sie machen durchschnittlich rund sieben Prozent ihrer Umsätze in China. Bei großen Dax-Konzernen ist die Abhängigkeit vom chinesischen Markt noch größer. Hieß es früher "Wenn Amerika niest, kriegt die Welt eine Grippe", muss man "Amerika" heute mit "China" ersetzen.

nb