Schnellstraße in Hami, Zubringer zur neuen Seidenstraße

Der Weg zur dominanten Wirtschaftsmacht Chinas neue Seidenstraße: Eine Einbahnstraße

von Thomas Spinnler

Stand: 08.06.2018, 06:45 Uhr

Noch profitieren viele deutsche Unternehmen vom chinesischen Markt. Chinas Dominanzstreben könnte die Gewichte in der Welt weiter zu den eigenen Gunsten verschieben. Was können Politik und Wirtschaft dagegen tun?

Seit 2016 ist China der wichtigste deutsche Handelspartner. Exporte und Importe zusammengenommen erreichten im Jahr 2017 insgesamt 187 Milliarden Euro. Das Handelsbilanzdefizit betrug mehr als 14 Milliarden Euro. Ganze Industriezweige hängen am guten Kontakt zu China. Wohl und Wehe der deutschen Vorzeigebranche, der Autoindustrie, werden nicht zuletzt vom Handel mit dem Reich der Mitte bestimmt.

Unterdessen ist China selbst auf dem Weg, eine High-Tech-Supermacht zu werden: „Diese Entwicklung ist rund um den Globus spürbar und wird die globalen Machtstrukturen deutlich verändern“, sagt Dr. Heinz-Werner Rapp, Leiter des FERI Cognitive Finance Institute. „Made in China 2025“, heißt der Plan, der die chinesische Industrie auf ein neues Niveau heben soll. China gibt sich längst nicht mehr zufrieden mit seiner Rolle als Billigproduktionsland. Auch durch Unternehmensübernahmen versucht die chinesische Industrie sich Technologie zu sichern. Experten sind alarmiert.

Die größten Handelspartner Deutschlands 2017

Die größten Handelspartner Deutschlands 2017. | Bildquelle: Statistisches Bundesamt (Destatis), Grafik: boerse.ARD.de

Mit China sei kein normaler Wettbewerber auf dem Markt. China sei ein Akteur mit massivem Gewicht, der mit staatlichen Subventionen durch große Fonds strategisch koordinierte Industriepolitik betreibe, warnt Mikko Huotari, Leiter des Programms internationale Beziehungen beim Berliner China-Forschungsinstitut Merics.

Wenn China seine Ziele verwirklicht und einen Sprung nach vorne macht, wie er etwa im Bereich Elektromobilität bevorzustehen scheint - wer kauft dann deutsche Autos? Unterfüttert wird das Dominanzstreben von der Politik. Während Europa noch überlegt, wie der Herausforderung begegnet werden könnte, versucht Peking Fakten zu schaffen.

Züge auf dem globalen Schachbrett

Im Wettstreit um die globale wirtschaftliche und politische Vorherrschaft hat das Konzept „Neue Seidenstraße“ eine zentrale Bedeutung. China knüpft mit dem 2013 begonnenen Investitionsprojekt „One Belt, One Road“ (Obor) an die historische Seidenstraße an, ein Netzwerk aus alten Karawanenstraßen, das seit der Antike bis zum frühen Mittelalter den Handel Chinas und Europas miteinander verband.

Wo einst Marco Polo reiste, will China Milliarden investieren in neue Straßen, Häfen und Schienenverbindungen, um die Welt mit chinesischen Waren zu beliefern - und natürlich auch, um sich in diesen Weltwinkeln eine Führungsrolle zu sichern. Mehr als 60 Länder sind in irgendeiner Form involviert, etwa 70 Prozent der Weltbevölkerung wäre betroffen. China will bislang 126 Milliarden Dollar für das Projekt bereitstellen, das mittels Transportrouten dabei helfen soll, Märkte für eigene Waren zu erschließen.

Rast einer Karawane auf der Seidenstraße - kolorierter Stich, 19. Jahrh.

Karawane auf der historischen Seidenstraße. | Bildquelle: Imago

Wirtschaftliche Kontakte, politische Abhängigkeiten

Die Gelegenheit ist günstig, da die USA unter Donald Trumps Präsidentschaft dem freien Welthandel eine geringere Bedeutung beizumessen scheinen, wie die jüngsten Ereignisse rund um das Thema Handelszölle zeigen. Auch Teile der Seidenstraßenregion sind betroffen: Trump hatte bereits im vergangenen Jahr das Freihandelsprojekt TPP, das transpazifische Abkommen, gekündigt.

Selbst in Richtung Osteuropa zielt das chinesische Konzept. Im November des vergangenen Jahres traf der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang Amtskollegen aus 16 mittel- und osteuropäischen Ländern. China möchte in der Region rund drei Milliarden Dollar in Infrastruktur investieren.

Zu den Projekten Pekings zählt der geplante Ausbau der Eisenbahnverbindung zwischen dem griechischen Hafen Piräus und Budapest, um chinesische Waren via Balkan und Ungarn nach Europa zu transportieren. Über die Beziehungen zu den kleineren EU-Mitgliedern versuche China, die Europäische Union vor allem bei heiklen Themen zu spalten, ließ sich ein Diplomat in Peking anonym zitieren.

Brückenbaustelle in Zenghzou in der Provinz Henan, China

Brückenbaustelle in Zenghzou, China: Moderne Infrastruktur schaffen.. | Bildquelle: Imago

Ein Airbus auf Schienen

Die europäische Politik ist auf der Suche nach einer Strategie, denn es droht einer schwachen EU, zwischen den derzeit auf sich selbst fixierten USA und dem ambitionierten China zerrieben zu werden, das vor allem an eigene Profite denkt. Es sei der letzte Moment zu handeln. China könne uns überrollen, meint Mikko Huotari.  

Wie stellen sich Unternehmen der Herausforderung, die zum Teil schon über jahrelange konkrete chinesische Erfahrungen verfügen? Nehmen wir den größten deutschen Technologie- und Industriekonzern Siemens. Dort hat das Management einen Lernprozess in Sachen China schon hinter sich.

Früher bestellte China Hochgeschwindigkeitszüge bei Siemens, die gemeinsam mit  dem ortsansässigen Hersteller CNR in einem erzwungenen Joint Venture hergestellt wurden. Fachwissen floss nach China. Inzwischen baut man dort selbst hochwertige Züge und exportiert sie ins Ausland. Siemens entschloss sich zu einer Kooperation mit dem französischen Konkurrenten Alstom und will nun eine Alternative zu den Zügen „Made in China“ bieten.

Schienenverkehr bei Wuhan, China

Schienenverkehr in China. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Dieser Weg könnte Zukunft haben: „Die Fusion der Zugsparten von Siemens und Alstom als Reaktion auf chinesische Konkurrenz war ein erster richtiger Schritt“, kommentiert Huotari. Aber das allein wird wohl nicht genügen. „Notwendig ist eine umfassende europäische Industriestrategie“, unterstreicht der Experte.  

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