USA-China

Eskalation im Handelsstreit? Chinas Antworten auf die US-Bedrohung

von Thomas Spinnler

Stand: 05.07.2018, 06:50 Uhr

China ist der größte Gläubiger der USA. Sollten die Chinesen bei US-Schuldtiteln den Verkaufsknopf drücken, würde das die Schuldenaufnahme der USA massiv verteuern. Auch die Abwertung des Yuan könnte eine Methode sein, um Trumps Zolldrohung zu neutralisieren. Sind die Finanzmärkte die Achillesferse der USA?

Handelskriege seien einfach zu gewinnen, twitterte im März US-Präsident Donald Trump. Er macht Ernst und versucht es. Am morgigen Freitag werden Zölle der USA von 25 Prozent auf chinesische Importe im Wert von 34 Milliarden Dollar in Kraft treten. Das ist nicht alles. Insgesamt will Trump zunächst Waren im Volumen von 50 Milliarden Dollar mit Zöllen belegen. Die erste Reaktion Chinas ist praktisch ein Spiegel der Trump-Politik. Die Regierung verhängt im Gegenzug Zölle auf US-Waren in ähnlicher Höhe. Aber Chinas Möglichkeiten einer direkten Antwort sind begrenzt, denn Daten und Fakten der Handelsbeziehungen zwischen China und den USA scheinen in der Tat dafür zu sprechen, dass Trump ins Schwarze trifft.

Massives Handelsungleichgewicht

Im Jahr 2017 exportierte China Waren im Wert von rund 505,47 Milliarden Dollar in die USA. Die USA lieferten dagegen nur Produkte im Wert von 129,89 Milliarden Dollar nach China. Das Handelsdefizit beträgt also spektakuläre 375 Milliarden Dollar. Die USA können also viel mehr chinesische Produkte mit Zöllen treffen als umgekehrt.

Und Trump dreht die Eskalationsspirale weiter. Auf die Verkündung der chinesischen Antwort stellte er weitere Zölle in Höhe von zehn Prozent auf chinesische Waren im Wert von 200 Milliarden US-Dollar in Aussicht. Damit wäre fast die Hälfte der chinesischen Einfuhren mit Zöllen belastet. Könnte China auch darauf trotz der begrenzten US-Importe schlagkräftig reagieren?

Strategische Abwertung des Yuan

Die einfachste Methode, um dafür zu sorgen, dass Waren in den USA trotz hoher Importzölle attraktiv bleiben, liegt auf der Hand: Eine Abwertung der chinesischen Währung gegenüber dem Dollar. Das hätte zur Folge, dass die Exportprodukte erschwinglich blieben. Nehmen wir an, dass Zoll auf Waren in Höhe von zehn Prozent erhoben wird – verbilligt sich der Yuan um zehn Prozent, wäre der Preis praktisch identisch geblieben. Natürlich würden dadurch US-Produkte in China teurer - ein angenehmer Nebeneffekt.   

Diese Abwertung lässt sich derzeit an den Finanzmärkten beobachten. Zuletzt verlor der Yuan schnell an Wert, im Juni war der Wertverlust zum Dollar sogar so stark wie nie zuvor binnen eines Monats. Ist es tatsächlich eine planvolle Strategie? Man werde den Yuan nicht abwerten, um auf die Handelsspannungen zu reagieren, hatte der chinesische Zentralbankchef Yi Gang im April dieses Jahres behauptet. In der laufenden Woche versicherte die Notenbank erneut, einem Kursverfall des Yuan nicht tatenlos zusehen zu wollen.

Chinesischer Yuan in Dollar

Chinesischer Yuan in Dollar. | Bildquelle: und Grafik: boerse.ARD.de

„Das kann kein Zufall sein!“

Stefan Große, Analyst bei der Nord/LB, ist nicht der einzige Experte, der es anders sieht. Die anhaltende Abwertung deutet der Währungsexperte als Strategie Pekings: „Die Bewegung kann nicht mehr zufällig sein, insbesondere in ihrer Persistenz“, schreibt Große. Dazu muss man wissen, dass der Kurs der chinesischen Währung nicht frei handelbar ist. Er darf nur um einen täglich neu von der Zentralbank festgelegten Richtwert innerhalb einer vorgegebenen Spanne schwanken.

Allerdings sollte man nicht vergessen, dass es auch andere Gründe für den Verfall geben kann. Natürlich belastet der Handelskonflikt und die Konjunktur in China hat zuletzt auch Schwächen gezeigt. Ob es nun Marktkräfte sind oder nicht, zum richtigen Zeitpunkt kommt der Sinkflug auf jeden Fall. Allerdings kehrt für China eventuell ein altes Problem mit Wucht zurück: Die Kapitalflucht, die die Regierung schon lange beschäftigt. An einem ungebremsten Fall des Yuan kann China kein Interesse haben. Wie nervös die Stimmung schon ist, zeigt ein Blick auf den Aktienmarkt. Der CSI 300 mit den 300 wichtigsten Festlandswerten hat seit Jahresbeginn mehr als 15 Prozent verloren.

Als Schuldner lieber kleinlaut sein?

Eine weitere chinesische Reaktion wäre denkbar: Mit Staatsanleihen in Höhe von rund 1,2 Billionen Dollar ist China größter Gläubiger der USA. Den Handelsbilanzüberschuss hat das Land seit Jahren regelmäßig in US-Schuldtitel angelegt und damit den US-Lebensstil auf Pump zu weiten Teilen mitfinanziert. Für Fachleute wäre es ein Horrorszenario, wenn China sich entscheiden würde, Staatsanleihen auf den Markt zu werfen, um den USA im Handelskrieg zu schaden.

„Zu wissen, was man weiß, und zu wissen, was man tut, das ist Wissen“, stellte einst der chinesische Philosoph Konfuzius fest. Die Folgen einer solchen Entscheidung wären hingegen praktisch nicht absehbar. Mark McCormick, Chef-Währungsstratege bei TD Securities, bezeichnet sie als „Mutually Assured Destruction“. Der Begriff mit der vielsagenden Abkürzung MAD bezeichnete einst die Doktrin des Kalten Kriegs der wechselseitig zugesicherten Zerstörung.

US-Handelsdefizit mit China

US-Handelsdefizit mit China. | Grafik: boerse.ARD.de

Chinas Kräfte sind gebunden

Durch das Überangebot an US-Schuldtiteln würden deren Kurse sinken. Im Ergebnis dürfte das zu steigenden US-Zinsen führen, damit Staatspapiere attraktiv für Anleger bleiben und sich die USA weiterhin verschulden können – nur eben teurer. Für die Konsumenten und die US-Wirtschaft, wären das schlechte Nachrichten, denn die Auswirkungen auf die Konjunktur wären gravierend und schwere Turbulenzen an den globalen Finanzmärkten die Folge. Schließlich ist billiges Geld ein wesentlicher Faktor für die günstige wirtschaftliche Lage der vergangenen Jahre.     

Die meisten Experten halten dieses Szenario für unwahrscheinlich. China würde sich selbst schaden, da es durch den Verkauf den Wert der eigenen Reserven vernichten würde. Und wie heftig würden Dollar und Yuan reagieren? An Turbulenzen an den Weltmärkten kann China aufgrund der eigenen schwierigen Situation nicht gelegen sein. Und an alternativen Anlagen für die als sicher geltenden US-Staatsanleihen fehlt es auch.

US-Präsident Donald Trump (r.) und der chinesische Präsident Xi Jinping

US-Präsident Donald Trump (r.) und der chinesische Präsident Xi Jinping. | Bildquelle: picture alliance / MAXPPP

„Noch so ein Sieg und wir sind verloren“

Macht Trump also alles richtig? Paul Donovan, Global Chief Economist bei der Schweizer Bank UBS, hat eine klare Antwort auf Trumps Behauptung, ein Handelskrieg sei einfach zu gewinnen: „Es stimmt nicht, dass Länder mit Handelsbilanzdefiziten als Sieger aus einem Handelskrieg hervorgehen.“ Ein Handelsbilanzdefizit bedeute, dass ein Land einen höheren Lebensstandard habe, als es bei einer ausgeglichenen Handelsbilanz haben würde. Also würde selbst bei einem Erfolg der US-Lebensstandard sinken.

Der American way of Life: Wer verliert am wenigsten?

Der American Way of Life: Wer verliert am wenigsten?. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Ob Trump-Wähler patriotisch genug sind, um dieses Ergebnis zu goutieren und als Erfolg der America-First-Strategie zu betrachten? Irgendwie sähe das Ganze eher wie ein zu teuer erkaufter Sieg aus, ein Pyrrhussieg. Der Ökonom Donovan kommt deshalb zum Ergebnis: „Die USA würden aus einem Handelskrieg nicht unbedingt als Sieger hervorgehen. Wenn schon niemand gewinnt, stellt sich möglicherweise die Frage, wer am wenigsten verliert.“