Chinesischer Gong

China 2020 Bringt das Jahr der Ratte Unheil an den Börsen?

von Notker Blechner

Stand: 24.01.2020, 09:02 Uhr

Überschattet vom Corona-Virus beginnt in China am Samstag das "Jahr der Ratte". Astrologen sehen das Tierzeichen als guten Zeitpunkt, um etwas Neues zu wagen. Für die Finanzmärkte freilich verheißt die Ratte nichts Gutes.

Das letzte Rattenjahr war 2008. Es endete in einem Desaster für die Aktienmärkte. Die Ausfälle der Subprime-Kredite und die Lehman-Pleite lösen eine Talfahrt an den Börsen aus, die in eine Finanz- und Wirtschaftskrise mündete. Auch der Hang-Seng- Index in Hongkong konnte sich damals dem Negativsog nicht entziehen. Er verlor fast die Hälfte an Wert.

Dass es so schlimm im Rattenjahr 2020 kommen wird, glaubt zwar kaum jemand. Aber die Zahl der Skeptiker ist groß. Der Hongkonger Feng-Shui-Meister Raymond Lo warnt vor einem "sich deutlich verlangsamenden Wachstumstempo" der Weltwirtschaft. Und sein Kollege Ma Mingchao prophezeit die "Dunkelheit vor dem Morgengrauen".

Bremst der Wuhan-Virus die Wirtschaft?

Tatsächlich könnte die ausgebrochene Lungenkrankheit aus Wuhan den Schwung der chinesischen Wirtschaft weiter bremsen. Sollte sich der Virus weiter so rasant ausbreiten wie zuletzt, drohen deutliche Abwärtsrisiken für die Konjunktur im Reich der Mitte, glauben die Ökonomen von JPMorgan in einer aktuellen Studie. Sie erkennen Parallelen zur SARS-Pandemie 2003, die Chinas Wirtschaft stark belastete. Besonders der Tourismus- und der Transportsektor könnte belastet werden.

Andererseits könnte die Entschärfung des Handelsstreits mit den USA Chinas Wirtschaft wieder stützen. Nach den politischen Schwankungen 2019 sei nun die Unsicherheit erst mal vorbei, sagen Ökonomen und Anlagestrategen. Zudem dürfte Peking die Konjunktur vermehrt stützen. Andrew Batson vom Pekinger Analysehaus Gavekal Dragonomics rechnet mit einer zunehmend lockeren Geldpolitik in China und sieht die Aussichten für die Anlagemärkte im Reich der Mitte rosig.

Waffenstillstand im Handelskrieg

Auch von der Währungsseite droht wenig Ungemach. Fidelity-Anleiheexpertin Vanessa Chan rechnet mit einem stabilen Renminbi. In der Mitte Januar geschlossenen Handelsteilabkommen vereinbarten Peking und Washington, dass China seine Währung, den Renminbi nicht stark abwerten dürfe.

2019 war ein starkes Aktienjahr - auf dem chinesischen Festland. Die Börse in Schanghai sprang um 22 Prozent nach oben, der Index der Technologiebörse in Shenzhen kletterte gar um 44 Prozent in die Höhe. Nur die Börse in Hongkong entwickelte sich unterschiedlich. Wegen der Unruhen in der Finanzmetropole stieg der Hang-Seng-Index nur um neun Prozent.

Emerging-Markets- und China-Experten sind daher weniger skeptisch als die Feng-Shui-Wahrsager. "Die chinesische Erfolgsgeschichte wird auch im neuen Jahr weiterlaufen", prophezeit Chi Lo, China-Chefvolkswirt von BNP Paribas Asset Management. Die Atempause im Tauziehen mit den USA, mehr Geld für die Privatwirtschaft und gute Aussichten bei der Binnennachfrage dürften der chinesischen Wirtschaft und den Börsen neuen Auftrieb geben, glaubt Lo. "Der Zug nach Shenzhen und Shanghai ist nicht mehr aufzuhalten", glaubt auch der Vermögensverwalter Comgest. Allerdings sei im Jahr der Ratte eine starke Selektion gefragt, man sollte nicht einfach den steigenden Kursen hinterherrennen, rät Jasmine Kang, Fondsmanagerin von Comgest Growth Asia.

Hohe Zinsen am Anleihenmarkt

Bietet der chinesische Aktien- und Anleihenmarkt Chancen für Anleger? Auf jeden Fall, meinen Emerging-Markets-Anlagestrategen. Schließlich locken im Reich der Mitte noch höhere Zinsen als in Europa. Die Rendite auf zehnjährige chinesische Staatsanleihen liegt aktuell bei über drei Prozent.

Für Privatanleger bleibt der Zugang zum chinesischen Festland-Bondmarkt allerdings kompliziert. Hohe Kosten und die eingeschränkte Konvertibilität der chinesischen Währung erschweren den Kauf von China-Bonds.

Deutsche Kleinanleger investieren falsch in China

Einfacher ist es, in chinesische Aktien zu investieren. Es gibt mehrere China-Fonds und -ETFs - auch in Euro. Viele Privatanleger gingen hier aber viel zu große Risiken ein, meint Chris-Oliver Schickentanz, Chefanlagestratege der Commerzbank. Der deutsche Kleinanleger setze vor allem auf bekannte Hightech-Werte wie Alibaba und Tencent und blende Aktien aus anderen lukrativen Branchen aus.

Insgesamt scheuen deutsche Privatanleger immer noch vor Investments in China zurück. "Der Anteil chinesischer Werte an den Depots liegt bei weniger als ein Prozent", kritisiert Schickentanz. Dies stünde im Gegensatz zur Bedeutung der Volksrepublik für die Weltwirtschaft und die Finanzmärkte.

Verlorenes Jahrzehnt für Chinas Börsen

Langfristig gesehen freilich haben China-Aktien enttäuscht. Im vergangenen Jahrzehnt hinkte die Börse in Shanghai den wichtigsten Leitindizes der Welt hinterher. Der Shanghai Composite lag Ende 2019 unter dem Niveau von Anfang 2010. Im selben Zeitraum stieg der Dax um mehr als 120 Prozent. Der US-Blue-Chip-Index Dow schaffte gar im vergangenen Jahrzehnt ein Plus von über 180 Prozent.

Anlagestrategen, besonders Emerging-Market-Fans glauben aber, dass sich dieser Trend umkehren wird. Sie prophezeien "goldene 20er" Jahre für Chinas Aktien(märkte).