Britische und Europa-Flagge - davor ein One Way-Schild

Brexit und Corona Schicksalstage für die britische Wirtschaft

von Thomas Spinnler

Stand: 09.10.2020, 10:56 Uhr

Während die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit der EU kaum voranzukommen scheinen, gerät die britische Konjunktur immer mehr ins Trudeln. Wie groß sind die Abwärtsrisiken für die Wirtschaft und das Pfund?

In diesem Jahr steht der britischen Ökonomie ein historischer Einbruch bevor. Der Brexit allein wäre bereits eine schwere Bürde für die Insel. In Verbindung mit der Corona-Pandemie wird die Situation jedoch bedrohlich. Und die jüngsten Konjunkturdaten legen nahe, dass von einer Entwarnung nach dem bisherigen Höhepunkt der Corona-Krise im Frühjahr kaum gesprochen werden kann.

Boris Johnson in einer Videokonferenz

Premierminister Boris Johnson war ebenfalls an Corona erkrankt - hier ein Bild aus der Quarantäne.

Ernüchternde ökonomische Daten

Zwar legte das britische Bruttoinlandsprodukt (BIP) im August um 2,1 Prozent gegenüber dem Vormonat zu.  Das war jedoch deutlich schwächer als Fachleute erwartet hatten, die im Schnitt von einem Plus von 4,6 Prozent ausgegangen waren. Einige der Echtzeitdaten würden zwar darauf hindeuten, dass das Wachstum im September stärker sein könnte als im August, kommentiert Antje Praefcke, Devisenmarkt-Strategin bei der Commerzbank. "Aber die verstärkten Lockdown-Maßnahmen lassen vermuten, dass das vierte Quartal ziemlich schwach ausfallen wird."   

Auch die frischen Daten zur Industrieproduktion sehen ernüchternd aus. Die Industrie trat im August mit einem Plus von 0,3 Prozent praktisch auf der Stelle. Analysten hatten im Schnitt einen deutlich stärkeren Zuwachs um 2,5 Prozent prognostiziert.

No-Deal-Brexit: Ein Konjunktur-Schock   

"Die konjunkturelle Lage in Großbritannien ist von erheblicher Unsicherheit und großen Unwägbarkeiten geprägt", unterstreicht Commerzbank-Expertin Praefcke im Gespräch mit boerse.ARD.de. Die Bank of England rechnet damit, dass das britische BIP in diesem Jahr um 9 Prozent schrumpfen wird. Die Commerzbank-Fachleute sind mit einer Prognose von minus 11 Prozent noch pessimistischer: Der Ausblick bleibe sehr unsicher, zumal neben dem Pandemie-Risiko auch das Brexit-Risiko und damit die Risiken im Handelsbereich mit der EU zu berücksichtigen seien.

Grossbritannien: Wachstum des realen BIP

Grossbritannien: Wachstum des realen BIP plus Prognose der BoE.

"Die Abwärtsrisiken aufgrund des Brexit sind für die britische Volkswirtschaft erheblich", meint Praefcke. Den Berechnungen der Commerzbank zufolge würde ein No-Deal-Brexit das britische Bruttosozialprodukt im kommenden Jahr zwei Prozentpunkte kosten. "Man kann diesbezüglich von einem Schock sprechen", fasst sie die Lage zusammen.

Noch wird gestritten

Man könnte annehmen, dass in dieser kritischen Situation eine Einigung bei den Verhandlungen über einen Handelspakt zwischen Großbritannien und der EU für die Zeit ab 2021 im vitalen Interesse auch der Briten wäre. Aber noch immer wird über die EU-Fischerei in britischen Gewässern, über den Schutz vor Dumping bei Sozial-, Umwelt- und Beihilfestandards und über Schlichtungsregeln bei Verstößen gegen das Abkommen gestritten.

Die britische Delegation tritt wie gewohnt selbstbewusst auf. Dabei befindet sich die Regierung Boris Johnsons in keiner komfortablen Position. Die EU sei eine Handels-Supermacht, vergleichbare Schlagkraft im globalen Handel habe sonst nur noch die USA, stellt Holger Schmieding, Chefvolkswirt bei der Berenberg Bank, fest. "Die schiere Größe der EU legt nahe, dass sie bei künftigen Verhandlungen die Oberhand über eine Handelsmacht mittlerer Größe wie Großbritannien behalten wird."

Boris Johnson

Boris Johnson wie gewohnt selbstbewusst. | Bildquelle: imago images / Xinhua

Einzelne Teilabkommen sind wahrscheinlich  

Und wenn der Deal ganz ausbleibt? "Großbritannien würde den privilegierten Zugang zum wichtigsten Markt verlieren. Für die EU würde ein No-Deal-Brexit sich dagegen neutral auswirken", so Schmieding. 

Ein umfassendes Freihandelsabkommen mit der EU sei aufgrund der Menge des Regelungsbedarfs und der äußerst knappen Zeit aber mehr als unwahrscheinlich, meint Praefcke. "Ich rechne eher damit, dass einzelne Teilabkommen geschlossen werden können, die verschiedene Sektoren des Handels mit der EU abdecken." Damit wäre dann wenigstens das negativste No-Deal-Szenario vermieden.

Das Pfund und die Inflation

Unterdessen bleibt der Wechselkurs des Pfund zum Euro tendenziell unter Abwertungsdruck. Aber ob das so bleibt? "Kommt es zum Jahresende zu einer gütlichen Einigung zwischen der EU und Grossbritannien, könnte das Pfund zu einem Kursfeuerwerk starten", meint Thomas Gitzel, Chefvolkswirt bei der VP Bank.  

Pfund Sterling in Euro

Pfund Sterling in Euro: Tendenziell geht es abwärts.

Im Falle eines No-Deal-Brexits halten die Experten der Commerzbank die Parität zwischen Pfund und Euro für wahrscheinlich. Grundsätzlich kann ein billiges Pfund den Briten durchaus willkommen sein, weil es britische Waren im Ausland billiger macht. "Eine erhebliche Abwertung des Pfunds würde allerdings die Inflation treiben, warnt Praefcke. "Die Frage ist dann, wie die Notenbank reagiert, denn um die Konjunktur zu stimulieren, müssten die Zinsen ja niedrig bleiben, wohingegen eine steigende beziehungsweise hohe Inflation eigentlich höhere Zinsen erforderlich machen würde."

Aktuell jedoch wird in Großbritannien aufgrund der konjunkturellen Schwäche sogar diskutiert, ob die Bank of England zum Instrument negativer Zinsen greifen solle, um die taumelnde Konjunktur zu stützen. "Die Bank of England wolle der Öffentlichkeit glaubhaft versichern, dass sie noch genügend Mittel im Werkzeugkasten habe, um die Konjunktur zu stützen, so Praefcke. "Ob Minuszinsen die Wirtschaft wirklich stimulieren, ist jedoch zumindest fraglich."