Britische Flaggen und Exit-Schild

Loslassen lernen Der Brexit und die merkwürdige Gelassenheit der Finanzmärkte

von Thomas Spinnler

Stand: 31.01.2020, 11:38 Uhr

Trotz des unmittelbar bevorstehenden Brexits bleiben die Kapitalmärkte völlig entspannt. Was auf den ersten Blick überraschend erscheinen mag, ist leicht zu erklären. Aber ob das auch so bleibt? Darauf sollte man lieber nicht wetten.

Heute um Mitternacht ist es soweit: Die EU-Mitgliedschaft Großbritanniens wird Geschichte sein. Aber zunächst einmal ändert sich nichts. Es ist vertraglich vereinbart, dass Großbritannien bis zum Ende dieses Jahres im EU-Binnenmarkt und in der Zollunion bleibt. Auch bei Fragen rund um den Reise- und Warenverkehr bleibt während dieser Übergangsfrist alles beim Alten.

Entsprechend gelassen gehen die Finanzmärkte mit dem Datum um. Während der deutsche Dax zunächst im Plus eröffnete und nur durch die Sorgen um die Ausbreitung des Coronavirus belastet wurde, tendierte die Londoner Börse etwas schwächer und das britische Pfund legte leicht zu.

Die spannende Frage für die Märkte ist aber: Was passiert nach der Übergangsfrist?

Die vergangenen dreieinhalb Jahre waren trotz des politischen Gerangels der leichte Teil, meint Aarti Sakhuja, Kreditanalyst bei der Ratingagentur S&P. Nun verschiebe sich der Fokus auf die Handelsgespräche, die die britische Regierung bis zum Jahresende abschließen wolle, so Sakhuja. Anders ausgedrückt: Erst in den kommenden Monaten wird sich wirklich entscheiden, was passiert.

Boris Johnson

Boris Johnson ist bald am Ziel. | Bildquelle: picture alliance / ZUMA Press

Alles ist möglich

Die jüngste Vergangenheit lieferte einen guten Vorgeschmack auf das nun wohl beginnende Vertragsgeschacher. Auszuschließen sei ein Abkommen binnen elf Monaten zwar nicht, meinen die Analysten der DZ Bank. "Immerhin will man gemeinsame Standards aufweichen und muss sie nicht erst finden. Aber es ist ambitioniert."

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Dass es noch etwas dauert, ist an sich gar nicht so schlecht: "Die Übergangsfrist gibt Unternehmen, die bisher abgewartet haben noch einmal die Gelegenheit, sich für alle möglichen Fälle zu rüsten. Nach wie vor ist keine Option zum Ausgang dieser Trennung ausgeschlossen und ein harter Brexit Ende des Jahres möglich", sagt Alexander Börsch, Chefökonom bei Deloitte.

Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts, spricht sich bereits für eine längere Frist aus: "Alles spricht dafür, dass es sehr schwer sein wird, innerhalb von elf Monaten ein Abkommen zu erreichen. Die britische Regierung sollte daher den Plan aufgeben, die Übergangszeit Ende 2020 auch dann zu beenden, wenn für das Erreichen eines Freihandelsvertrags ein oder zwei Jahre mehr erforderlich sind."

Wo steht Großbritannien in zwölf Monaten?

Wo steht Großbritannien in zwölf Monaten?. | Bildquelle: Schroders, Grafik: boerse.ARD.de

Geringere Volatilität erwünscht

Der Vermögensverwalter Schroders hat zum Thema eine Umfrage unter britischen Investoren durchgeführt: Eine Mehrheit glaubt, dass die Übergangsperiode verlängert und das Handelsabkommen mit der EU auch Anfang 2021 noch verhandelt wird. "Die Märkte werden hoffen, dass sie recht haben. Wenn das der Fall ist, dürfte es eine deutlich geringere politische Unsicherheit und Volatilität im Vergleich zu den vergangenen zwölf Monaten geben", meint Azad Zangana, Senior European Economist und Stratege bei Schroders. Wenn.

Bis dahin könnte der Wechselkurs Britisches Pfund/Euro zu einer Art Gradmesser für den Erfolg der Verhandlungen werden. Das Pfund sei langfristig betrachtet günstig bewertet, kommentiert Helaba-Experte Christian Apelt. "Im Jahresverlauf dürfte das Pfund gegenüber dem Euro wieder zulegen, wenn die Gespräche über das zukünftige Verhältnis gut verlaufen beziehungsweise die britische Wirtschaft mehr Dynamik zeigt."