Central Business-District in Sydney, Australien

Platzende Immobilienblase Australien: Kommt nach dem Boom jetzt der Knall?

von Angela Göpfert

Stand: 02.04.2019, 06:45 Uhr

Auf dem fünften Kontinent ticken die Uhren anders: In keinem anderen Land der Welt gab es 27 Jahre lang keine Rezession. Doch jetzt steht der Wachstumsweltmeister vor seiner härtesten Belastungsprobe.

Papa, erzähl' doch mal, wie war das eigentlich damals, in der letzten Rezession? In Australien lebt eine Generation, die in ihrem Leben noch nie einen Wirtschaftsabschwung erlebt hat. Selbst über 30-jährige Erwachsene können sich an keine Schrumpfung ihrer Wirtschaft bewusst erinnern.

Vor der Oper in Sydney genießen Restaurantbesucher den Sonnenuntergang

Junge Australier genießen ihr unbeschwertes Leben - mit Blick auf die Oper in Sydney. | Bildquelle: imago/robertharding

In „Lucky Country“ ist Dauerwachstum zur Normalität geworden. Selbst die globale Finanzkrise überstand die australische Wirtschaft mit ein paar Blessuren, aber ohne größere Verletzungen. 2008 war Australien das einzige westliche Land, das einer Rezession entkam.

Das böse R-Wort

Von einer Rezession sprechen Ökonomen, wenn die Wirtschaft in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen gegenüber den Vorquartalen schrumpft.

Nur ein Kartenhaus

Mit 110 Quartalen ohne Rezession hat Australien die Niederlande überholt, die 1982 bis 2008 immerhin 103 Quartale ohne Rezession überstanden haben. Konjunkturaufschwünge sterben an Altersschwäche? Nicht so in Australien, mag man meinen. Doch der australische Superzyklus könnte tatsächlich schon bald enden.

Denn das vermeintliche australische Erfolgsmodell ist ein Kartenhaus, das mangels Fundament in sich zusammenfallen droht. Es ist ein passendes Bild, schließlich beruht der australische Wirtschaftsboom doch auf einer der größten Immobilien-Blasen der Finanzgeschichte.

Wehe, wenn das Kartenhaus in sich zusammenfällt... | Quelle: colourbox

Einstürzende Immobilienpreise

Blasen folgen dabei einem ganz banalen Gesetz: Sie wachsen immer weiter, bis sie platzen. Wann das sein wird, ist fast unmöglich vorherzusagen. Das lehrt uns die Wirtschaftsgeschichte.

Hochhausbau an der Gold Coast, Australien

Endet jetzt der australische Bauboom?. | Bildquelle: epa-Bildfunk

Doch man muss kein Prophet mehr sein, um das Ende der australischen Immobilienblase vorherzusagen. Denn die Blase platzt bereits: Landesweit fielen die Immobilienpreise 2018 laut Bloomberg-Daten um 6,1 Prozent. Im Dezember verzeichnete man mit einem Minus von 1,3 Prozent den höchsten monatlichen Rückgang seit 1983.

Besonders hart getroffen hat es die Großstädte: Laut dem Datendienst CoreLogic sind die Immobilienpreise im Großraum Sydney von Oktober 2018 bis Februar 2019 um 5,5 Prozent gefallen. Seit dem Hoch im Juli 2017 beträgt der Preisverfall sogar 13 Prozent.

Ein schlechter Ratschlag

Bittere Ironie: Nur wenige Monate, bevor die Immobilienpreise in Australien ihren Höhepunkt erreichten, warben Politiker noch öffentlich für den Immobilienkauf. So verstieg sich Anthony Roberts, Minister für Planung und Wohnungswesen in New South Wales, noch im Februar 2017 zu der Aussage: "Kaufen Sie Wohneigentum in Sydney – und Sie haben ausgesorgt!"

Heute steht das Land vor dem schwersten Immobilienabschwung seit 35 Jahren – mit dramatischen Folgen für die australische Wirtschaft, vor allem aber für die Australier selbst.

Australier sind Schulden-Sklaven

Denn die Australier stellen nach der Schweiz die am höchsten verschuldeten Haushalte der Welt. Zwischen 1997 und 2016 hat sich die Verschuldungsrate der australischen Privathaushalte laut Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) mehr als verdoppelt. Zuletzt belief sie sich auf über 120 Prozent des australischen BIP.

Australische Verschuldungsquote

Erschreckendes Wachstum: Australische Verschuldungsquote (in Prozent des BIP gemessen). | Bildquelle: BIS (Daten), colourbox.de, Grafik: boerse.ARD.de

"Das ist sogar etwas höher als die Verschuldung der US-amerikanischen Verbraucher kurz vor der globalen Finanzkrise", merkt Ariel Bezalel kritisch an. Der Anleihen-Chef des Vermögensverwalters Jupiter Asset Management hegt große Bedenken, "dass sich eine schleichende Kreditverknappung anbahnt, deren Ausmaß sich in den nächsten zwölf Monaten deutlich verschlimmern könnte".

Privatinsolvenzen programmiert

Tatsächlich haben die australischen Banken bereits damit begonnen, ihre einst so lockeren Kreditvergabestandards zu verschärfen.

Denn die vergebenen Kredite sind zum großen Teil durch Immobilien abgesichert. Fallen aber die Immobilienpreise, schwinden damit auch die Kredit-Sicherheiten der Banken. Diese müssen dann weitere Sicherheiten verlangen. Privatinsolvenzen sind da programmiert.

Endlos-Hausse vor dem Ende?

Experten sind bereits alarmiert. So warnte Morgan Stanley vor kurzem, dass die Immobilienkrise den 27 Jahren rezessionsfreier Zeit in Australien ein Ende bereiten könnte.

Tatsächlich verlor das australische Wirtschaftswachstum zuletzt deutlich an Schwung: Im vierten Quartal 2018 verlangsamte sich das BIP-Wachstum auf 0,2 Prozent. Im Februar fiel der Australia Composite Einkaufsmanagerindex erstmals unter die Wachstumsschwelle von 50 Punkten.

Müssen nun auch die jungen Australier bald lernen, was das berüchtigte R-Wort für Folgen haben kann? Die Gefahren für die australische Wirtschaft sind derzeit jedenfalls so groß wie seit 27 Jahren nicht mehr.