Proteste in Buenos Aires, Argentinien

Droht erneut die Staatspleite? Argentinien-Krise reloaded

von Notker Blechner

Stand: 25.10.2019, 06:45 Uhr

Argentinien steht vor einem Machtwechsel. Bei den Präsidentschaftswahlen am Sonntag könnte der Peronisten-Kandidat gewinnen. Investoren fürchten eine Rückkehr des Protektionismus. Seit Monaten ziehen sie ihr Geld ab. Der Peso fällt und fällt.

Für viele Argentinier dürfte es ein Dejà-Vu-Erlebnis sein. Nach der Staatspleite 2001 droht nun eine neue Argentinien-Krise. Seit August hat der Peso über ein Viertel an Wert verloren, für einen Dollar muss man inzwischen 58 Pesos zahlen. Die Inflation ist auf über 50 Prozent geklettert, die Kurse der Staatsanleihen sind eingebrochen, und auch an der Börse ging es steil nach unten. "Die Geldscheine hier sind nur noch Papierfetzen", klagen die Bürger in Buenos Aires.

Comeback von Kirchner?

Die damalige argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner und und Kabinettschef Alberto Fernández 2008 im argentinischen Parlament

Cristina Fernández de Kirchner und Alberto Fernández 2008 im argentinischen Parlament. | Bildquelle: picture alliance/dpa-Zentralbild

An den Märkten geht die Furcht um, dass der populistisch-sozialistische Oppositionskandidat Alberto Fernandez den liberalen Amtsinhaber Mauricio Macri bei der Präsidentschaftswahl am Sonntag schlagen könnte. Bei der Vorwahl im August holte Macris Bündnis gerade mal 32 Prozent der Stimmen und landete abgeschlagen 15 Prozentpunkte hinter den Peronisten. Umfragen zufolge hat Macri kaum Chancen, wiedergewählt zu werden.

Der wirtschaftsliberale Politiker hatte vor vier Jahren die jahrelange Dominanz der Peronisten gebrochen und die linkspopulistische Präsidentin Cristina de Kirchner aus dem Amt verjagt. Mit Reformen versuchte er die hohe Inflation zu begrenzen und die Armut im Land zu senken. Zwar fassten viele Investoren wieder Vertrauen in das Land und kauften argentinische Staatsanleihen. Doch die Strategie ging nicht auf: der Peso kam rasch wieder unter Druck, die Armut zog an.

Argentinier ziehen ihr Geld von den Banken ab

Deshalb musste Argentinien beim Internationalen Währungsfonds einen Kredit von 57 Milliarden Dollar aufnehmen. Die Zentralbank erhöhte den Leitzins auf gut 60 Prozent. Zudem führte die Regierung wieder Kapitalmarktkontrollen ein. Das sorgte für Unruhe. In der Hauptstadt Buenos Aires bilden sich lange Schlangen vor den Banken. Die Kunden hoben ihre Einlagen ab. Sicher ist in Argentinien nur der Dollar, heißt es.

Mauricio Macri, Präsident von Argentinien

Mauricio Macri. | Bildquelle: picture alliance/Natacha Pisarenko/AP/dpa

Der Peso-Verfall könnte dazu führen, dass Argentinien seine Dollar-Schulden nicht mehr begleichen kann, befürchten die Investoren. Alle drei große Ratingagenturen stuften die Kreditwürdigkeit des Landes herab. Die Anleihen fielen auf Rekord-Tiefststände. So sackte der Kurs der 100-jährigen Anleihe ("Jahrhundertbonds") auf 36,5 Prozent seines Nennwerts. An den Märkten wird die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls bei den Ausland-Schulden in den nächsten zwölf Monaten auf 50 Prozent geschätzt. Dass es in den nächsten fünf Jahren zum Ausfall kommt, halten mehr als 80 Prozent für wahrscheinlich.

Das Trauma mit den Argentinien-Anleihen

Einige deutsche Anleger haben mit Argentinien-Anleihen in den 2000er Jahren schon viel Geld verloren. Viele warten noch auf die Rückzahlung ihrer Ansprüche. Experten schätzen das Gesamtvolumen der noch ausstehenden Anleihen auf 500 bis 600 Millionen Euro - und das ohne Einberechnung der aufgelaufenen Zinsen. Argentinien beziffert hingegen den Wert der noch nicht ausgezahlten Anleihen deutscher Anleger auf lediglich 130 Millionen Euro.

Krisen gehören zu Argentinien - wie die Rinder in den Pampas. Seit dem Ersten Weltkrieg hat das Land, das einst als Sehnsuchtsort für ein besseres Leben galt, immer wieder Turbulenzen erlebt. 1930 putschte sich das Militär an die Macht. Der besonders bei den Armen beliebte Juan Peron verstaatlichte einen Teil der Wirtschaft, trieb die Infrastruktur voran und führte viele soziale Maßnahmen durch. Der soziale Protektionismus Perons führte zu einer hohen Inflation, viele Bürger verloren ihre Ersparnisse. Nach Perons Entmachtung erholte sich die Wirtschaft etwas. Ab 1975 aber folgte Krise auf Krise. 1989 schnellte die Inflation auf 5.000 Prozent. Ende der 1990er Jahre geriet Argentinien in den Sog der Asien- und Russlandkrise. Im Dezember 2001 drehte der Internationale Währungsfonds den Geldhahn zu und zwang das Land in den Bankrott. Nun droht die nächste Staatspleite.

Wiederholt sich 2001?

Experten wie der frühere Chefvolkswirt der Dresdner Bank Lateinamerika, Heinz Mewes, sehen die gegenwärtige Krise im Land auch als eine Folge von Macris Wirtschaftspolitik. Die Entscheidung, die Inflationsziele zu lockern, habe viele Investoren zweifeln lassen, ob die Regierung wirklich ihre Reformversprechen umsetze, sagte er gegenüber der Deutschen Welle (dw). Dass sich die Krise von 2001 wiederhole, glaubt er allerdings noch nicht. Die Zentralbank verfüge über üppige Devisenreserven von 55 Milliarden Dollar. Hinzu kämen 45 Milliarden Dollar aus dem Kreditprogramm mit dem IWF.