Angela Merkel und Horst Seehofer

Koalitionsbruch würde Dax belasten "Merkel-Dämmerung" an der Börse?

von Notker Blechner

Stand: 27.06.2018, 11:21 Uhr

Der Streit in der Union wird zunehmend auch am deutschen Aktienmarkt zur Belastung. Ein mögliches Scheitern der Koalition würde kurzfristig für Unsicherheit sorgen, meinen Analysten. Am schlimmsten für die Märkte wäre ein Rücktritt der Kanzlerin.

Was haben Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundestrainer "Jogi" Löw gemeinsam? Beide stehen derzeit mächtig unter Druck. Während Löw mit einem (klaren) Sieg gegen Südkorea erst mal Schonfrist bis zum Achtelfinale Anfang nächster Woche bekäme, läuft Merkel allmählich die Zeit davon. Sie braucht dringend einen Erfolg auf dem EU-Gipfel am Freitag, ansonsten droht der Bruch mit der CSU. In der Nacht zum Mittwoch konnten CDU und CSU ihren Asylstreit trotz stundenlanger Beratungen nicht beilegen.

Anleger in der Defensive

Die mögliche Eskalation des Koalitionsstreits könnte nun am deutschen Aktienmarkt einen höheren Stellenwert bekommen, warnt Helaba-Analyst Christian Schmidt. Schon jetzt zeige sich, dass die Anleger zunehmend in die Defensive gehen. "Der eine oder andere zieht sich zurück."

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 6 Monate
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Sollte die Fraktionskoalition auseinanderbrechen und Merkel möglicherweise die Vertrauensfrage stellen, wären negative Reaktionen am deutschen Aktienmarkt zu erwarten, meint Schmidt. Die Spirale könnte rasch nach unten gehen. Dem Dax würde dann der Rutsch unter die 12.000 Punkte und wichtige charttechnische Marken wie die 11.960 Zähler und danach 11.726 Punkte drohen.

EU-Reformen würden sich um ein Jahr verzögern

Folker Hellmeyer

Folker Hellmeyer. | Bildquelle: Unternehmen

Ein Koalitionsbruch und mögliche Neuwahlen würden die Nervosität an den Märkten verstärken, glaubt auch Folker Hellmeyer, Chefanalyst des Vermögensverwalters Solvecon Invest. Ein Scheitern der Bundesregierung wäre kontraproduktiv für die anstehenden Reformen in der EU. Sie würden wohl faktisch um gut ein Jahr verzögert werden, glaubt Hellmeyer.

Ein Rückzug Merkels wäre eine große Veränderung auf der politischen Bühne und würde kurzfristig zu Irritationen an den Märkten führen, ist Hellmeyer überzeugt. "Merkel war in den letzten 13 Jahren eine Konstante in der europäischen Politik."

Rückzug Merkels wäre zunächst negativ

ARD-Börsenstudio: Konrad Busen
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Börse 13.00 Uhr: Bevorstehender EU-Gipfel beschäftigt Börse

Ähnlich sieht das Commerzbank-Analyst Ulrich Leuchtmann. "Ein Rücktritt Merkels wäre sehr wohl marktrelevant", meint er. Immerhin sei sie die Architektin der europäischen Anti-Krisen-Politik der letzten Jahre. Bislang lasse freilich lasse sich der Krach in der Union noch kaum an den Börsenkursen ablesen.

Weniger dramatisch schätzt Analyst Manfred Bucher von der BayernLB die deutsche Regierungskrise ein. Sie würde zwar die Unsicherheit erhöhen, hätte aber nur einen temporären Effekt, zumal eine dann mögliche Abschwächung des Euro stützend für den Dax wirken würde. Der Handelsstreit sei ein viel größeres Risiko für die Börse. Für die Rentenmärkte freilich wären ein Koalitionsbruch und Neuwahlen in  Deutschland eine größere Belastungsprobe. Da sich dann die Reformen auf europäischer Ebene nach hinten verschieben, könnten die Risikoaufschläge für europäische Staatsanleihen anziehen.

Halver: "Hauptsache eine Regierung!"

Robert Halver

Robert Halver. | Bildquelle: Baader Bank

"Entscheidend ist für die Finanzmärkte mittlerweile nur noch, dass Deutschland eine Regierung hat", sagt Robert Halver, Marktanalyst der Baader Bank. Die solle wie Pattex dafür sorgen, dass Europa weiter zusammenhält. Selbst wenn dafür eine Stabilitätsunion mehr und mehr zugunsten einer Schuldenunion aufgegeben werde.

Im Gegensatz zu vielen anderen Marktbeobachtern erwartet Halver vorerst keine deutsche Regierungskrise. "Selbst bei einem Zerwürfnis der Unionsparteien würden sich mit FDP oder  Grünen schnell eine Partei finden, die einer neuen Koalition aus Rest-Union und SPD ohne Neuwahl aus der Patsche hilft", glaubt er.

Dax hinkt hinterher

Tatsächlich ist der Dax zuletzt dem Weltleitindex MSCI World, dem großen Bruder Dow und selbst dem französischen CAC 40 hinterhergehinkt. Der deutsche Leitindex liegt aktuell auf dem Niveau von Anfang September 2017 - also vor den Bundestagswahlen. Die Begeisterung der Investoren für Deutschland und Merkel hat merklich nachgelassen. Dennoch: Politische Börsen haben kurze Beine - auch in Deutschland.

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1969- 1974: Willy Brandt/ Walter Scheel
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