Inflationsgespenster und Euroregen
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Teuerungsrate weiter unter zwei Prozent Wo ist das Inflationsgespenst?

von Notker Blechner

Stand: 29.03.2018, 16:32 Uhr

Trotz des kräftigen Wirtschaftsaufschwungs und der Nullzinsen ziehen die Verbraucherpreise im Euroraum nur moderat an. Im März lag die Teuerungsrate in Deutschland bei 1,6 Prozent und damit weiter unter der Zielmarke von 2,0 Prozent. Warum bleibt die große Inflation aus?

Europas Währungshüter sind verzweifelt. Seit Jahren bewegen sich die Verbraucherpreisdaten in der Eurozone, auf die sie allmonatlich mit Argusaugen starren, kaum nach oben. Seit der Finanzkrise 2009 lag die Inflation durchschnittlich bei 1,1 Prozent. Daran änderte sich auch 2018 nicht viel. Nach einem Anstieg auf 1,3 Prozent im Januar sank die Teuerungsrate im Februar wieder auf 1,1 Prozent.

Das ist der Europäischen Zentralbank (EZB) zu wenig. Sie strebt für den Euroraum einen Wert von knapp zwei Prozent an, der als ideal für die Konjunktur gilt. Deshalb kaufen die europäischen Währungshüter massenweise Staatsanleihen und andere Wertpapiere auf, um so die Inflation anzuheizen und die Wirtschaft auf Trab zu bringen - bislang nur mit mäßigem Erfolg. EZB-Präsident Mario Draghi wiederholt bei jeder Pressekonferenz gebetsmühlenartig, dass die Notenbank erst dann mit ihrer ultralockeren Geldpolitik aufhöre, wenn sich die Inflation dem Niveau von zwei Prozent annähere.

EZB prophezeit langsamen Anstieg

Dies könnte noch einige Zeit dauern. Die EZB rechnet für dieses Jahr mit einer durchschnittlichen Inflationsrate von 1,4 Prozent. 2019 dürfte sie leicht auf 1,5 Prozent und 2020 auf 1,7 Prozent anziehen. Im vergangenen Jahr lag die Teuerungsrate im Euro-Raum bei 1,5 Prozent.

Inflationsentwicklung in der Eurozone

Inflationsentwicklung in der Eurozone. | Bildquelle: Eurostat

Manche Ökonomen zeigen sich verwundert. Nouriel Roubini, der US-Starökonom, spricht von einem "Mysterium". Und auch Claudio Borio, der Chefökonom der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), gibt zu, dass es immer schwieriger werde, das Verhalten der Inflation zu verstehen. Tatsächlich müsste die Teuerungsrate viel höher sein, da die Geldpolitik extrem locker ist und die Arbeitslosigkeit sinkt.

Digitalisierung und Globalisierung bremsen die Teuerung

Als Inflationsdämpfer wirken drei Faktoren: die Digitalisierung, die Globalisierung und der demographische Wandel. "Die Digitalisierung führt dazu, dass viele Produkte durch Effizienzgewinne sehr viel günstiger hergestellt und angeboten werden können", analysiert die HSH Nordbank in einer Studie. Die Globalisierung sorge für international optimierte Wertschöpfungsketten, die eine kostengünstige Produktion ermöglichen, heißt es weiter. Die Alterung der Gesellschaft in den Industrieländern schließlich ändert das Konsummuster der Bevölkerung. Rentner geben mehr Geld für Gesundheitsleistungen aus, während jüngere Generationen eher in die eigenen vier Wände und in Kindererziehung investieren, schreiben die Experten der HSH Nordbank. Der Konsumimpuls sei bei jüngeren Generationen größer als der bei Rentnern.

Ein weiterer Grund für die niedrige Inflation ist die Lohnentwicklung. Trotz geringerer Arbeitslosigkeit sind die Löhne kaum gestiegen. Dabei besteht laut dem Modell der Phillips-Kurve theoretisch ein direkter Zusammenhang zwischen Löhnen und Arbeitslosenquote. Wenn die Arbeitslosigkeit sinkt, steigen die Löhne.

Inzwischen scheint aber die Lohnspirale in Gang zu kommen. In Deutschland haben die Metaller den Arbeitgebern 4,3 Prozent mehr Lohn abgerungen. "Wenn die Überkapazitäten auf dem Arbeitsmarkt abgebaut sind, dürfte die Inflationsrate wieder stärker ansteigen", prophezeit die HSH Nordbank.

Gefühlte Inflation viel höher

Gefühlt ist die Inflation ohnehin viel höher, als die offiziellen Statistiken zu vermitteln scheinen. Viele Bürger verweisen auf die Miet- und Immobilienpreisexplosion. 2017 stiegen laut Bulwiengesa die Preise für Wohnungen um acht Prozent. Auch bei Lebensmitteln wie Butter und Milch gab es zuletzt deutliche Preiserhöhungen.

Nach Ansicht von Thomas Mayer vom Vermögensverwalter Flossbach von Storch ist die Inflation längst da. Sie habe sich lediglich von der Güter- auf die Vermögenspreise verlagert. Flossbach von Storch hat einen Vermögenspreisindex erstellt. Demnach erreichte im dritten Quartal 2017 die Vermögenspreisinflation einen Rekordanstieg von 8,7 Prozent.

Inflation über zwei Prozent in den USA

Ein Blick in die USA zeigt, dass das Inflationsgespenst auch in den offiziellen Statistiken allmählich erwacht. Die Teuerungsrate in Amerika kletterte im Januar auf 2,1 Prozent. Das schürte neue Inflationsängste ("Inflation Scare") an den Finanzmärkten. Die Inflation dürfte sich in diesem Jahr bei dem von der Fed angepeilten Niveau von 2,0 Prozent einpendeln.

Inflationsrate in den USA

Inflationsrate in den USA. | Bildquelle: U.S. Bureau of Labor Statistics. Grafik: boerse.ARD.de

Feri-Chefvolkswirt Axel Angermann glaubt, dass die Inflation in den USA Richtung drei Prozent steigen wird. Denn die Löhne dürften stärker steigen – um bis zu drei Prozent. Die spannende Frage sei nun, ob es dabei bleibe oder ob die Teuerungsrate gar Richtung vier Prozent zulege. Dann müsste die US-Notenbank ihre Geldpolitik weiter straffen und die Zinsen anheben. Das würde die Aktienmärkte weiter bremsen.