Kanzlerin Angela Merkel begrüßt Bundesbank-Chef Jens Weidmann mit skeptischem Blick

Weidmanns Chancen schwinden Will Merkel doch keinen deutschen EZB-Chef?

Stand: 23.08.2018, 10:54 Uhr

In einem Jahr bekommt die Europäische Zentralbank (EZB) einen neuen Chef. Als möglicher Kandidat gilt Bundesbank-Präsident Jens Weidmann. Doch Bundeskanzlerin Angela Merkel will offenbar lieber einen Deutschen an der Spitze der EU-Kommission haben.

Wer auf einen baldigen Kurswechsel der EZB gehofft hat, dürfte enttäuscht sein. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass ab dem Herbst 2019 erstmals ein deutscher Geldpolitiker die Europäische Zentralbank führen wird, wird immer kleiner. Wieder einmal stemmt sich offenbar Kanzlerin Merkel (CDU) gegen einen Deutschen an der Spitze der EZB - wie 2011, als sie den Top-Bundesbanker Axel Weber im Rennen um den EZB-Chefposten fallen ließ.

Lieber ein Deutscher ganz oben in Brüssel

Peter Altmaier mit geschlossenen Augen. Im Hintergrund Windkraftanlagen

Augen zu: Peter Altmaier und die Windenergie. | Quelle: picture-alliance/dpa

Laut dem "Handelsblatt" schielt Merkel lieber auf den Posten des EU-Kommissions-Präsidenten in Brüssel. Sie will lieber einen Deutschen an die Spitze der Kommission als auf den Chefsessel der EZB bringen. Denn dort könnte die Bundesregierung eher Politik machen - bei wichtigen Vorhaben wie der Reform der EU und der Währungsunion, der Energiewende oder dem Handelskonflikt mit den USA. "Nicht die EZB hat für Merkel oberste Priorität, sondern die EU-Kommission", sagte ein hochrangiger Bundesregierungsvertreter gegenüber dem "Handelsblatt". Als mögliche Namen für den Top-Job in Brüssel werden Manfred Weber (CSU), Chef der EVP-Fraktion im Europarlament, Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) sowie Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) genannt.

Im kommenden Jahr werden - zum ersten Mal zeitgleich - die Spitzen aller Institutionen in Europa neu besetzt: bei der EU-Kommission, im EU-Rat, bei der EZB und im Europarlament. 2019 könnte das Jahr des großen Erdbebens in Europa werden, warnte zuletzt der italienische Ministerpräsident Enrico Letta auf der Konferenz "Future Europe".

Zuletzt galt Bundesbank-Präsident Weidmann, bis 2011 wirtschaftspolitischer Berater von Merkel, als Favorit für die Nachfolge des umstrittenen Mario Draghi an der Spitze der EZB. Wenn sie den Posten mit einem Deutschen besetzen wolle, stehe er bereit, soll Weidmann der Kanzlerin gesagt haben, berichten Regierungsvertreter. Offiziell äußert sich der Top-Bundesbanker zu den Wechselgerüchten bisher nicht.

Widerstand gegen Weidmann

In Südeuropa stößt die mögliche Berufung Weidmanns an die EZB-Spitze auf Widerstand. Besonders auf italienischer Seite wird der Deutsche als einer der wenigen geldpolitischen Falken unter Europas Währungshütern abgelehnt. Tatsächlich dürfte Weidmann es schwer haben, die Geldpolitik zu straffen angesichts der immer noch großen Probleme der südeuropäischen Banken. Eine Zinserhöhung könnte im Extremfall eine neue Bankenkrise auslösen.

Benoît Cœuré, Mitglied des EZB-Direktoriums

Benoît Cœuré, Mitglied des EZB-Direktoriums. | Bildquelle: EZB

Sollte Merkel in ihren Planspielen Weidmann tatsächlich einem deutschen Politiker am obersten Machthebel in Brüssel opfern, steigen die Chancen für einen Franzosen als obersten Währungshüter in der EZB. Denn Frankreichs Präsident Emmanuel Macron macht keinen Hehl daraus, dass er ebenfalls einen wichtigen Posten in Europa mit einem Landsmann besetzen will. Laut "Handelsblatt" wird EZB-Direktoriumsmitglied Benoit Coeuré sowie der Chef der französischen Notenbank, Francois Villeroy de Galhau als Draghi-Nachfolger gehandelt. Als Joker hätte Macron noch Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), die gerne wieder nach Europa zurückkehren würde.

Commerzbank: Signal für weiter lockere Geldpolitik in Europa

Ein Ausscheiden von Bundesbankpräsident Weidmann im Rennen um die Nachfolge von "Super Mario" Draghi an der Spitze der EZB wäre aus Sicht der Commerzbank ein klares Signal für eine weiter lockere Geldpolitik im Währungsraum. "Damit rückt ein Kurswechsel an der Spitze der EZB in weite Ferne", schrieb Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer in einer am Donnerstag veröffentlichten Analyse. Seiner Einschätzung sei "mehr denn je nicht mit einem klassischen Zinserhöhungszyklus zu rechnen".

Video

Euro vor dem Kollaps? Spaltet der Euro Europa?

 Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer

Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. | Bildquelle: Unternehmen

Experte Krämer hält den Zeitungsbericht für "recht glaubhaft".  "Weil die Ursachen der Staatsschuldenkrise insbesondere in Italien nach wie vor ungelöst sind, werden die Regierungen im Euroraum weiter auf Schützenhilfe durch eine geldpolitisch weich ausgerichtete EZB drängen", schrieb Krämer. Verfechter einer härteren Gangart wie Weidmann hätten deshalb kaum eine Chance. "Stattdessen wird am Ende wohl ein Kandidat zum Zuge kommen, der nicht grundsätzlich abkehrt von Draghis geldpolitischer Linie, die Währungsunion auch mit Mitteln der Geldpolitik zusammenzuhalten", glaubt der Commerzbank-Chefvolkswirt.

nb