Königstraße in Stuttgart

Debatte um die Corona-Moral Wie viel Shutdown vertragen wir noch?

Stand: 08.04.2020, 17:15 Uhr

Seit drei Wochen stehen wegen der Angst vor dem Coronavirus große Teile der Wirtschaft still. Die Folgen werden von Tag zu Tag größer. Deutschland droht die schlimmste Rezession seit 1945. Ein paar Ökonomen und Manager fragen sich, ob der Preis dafür nicht zu hoch ist. Geld oder Leben? Eine heikle Debatte.

Basta! Jetzt reicht's auch den Italienern. Vier Tage vor Ostern haben in einem in der Zeitung "Il Sole-24 Ore" veröffentlichten Brandbrief rund 150 italienische Wissenschaftler dazu aufgerufen, die Wirtschaft rasch wieder hochzufahren. Ansonsten drohe "gravierender Schaden", der womöglich noch größer ausfallen könne als der, der durch das Virus verursacht werde.

Angesichts der weitgehenden Schließung der Fabriken geht in Italien die Angst um, dass die Rosskur gegen die Ausbreitung des Virus zu massenhaften Jobverlusten führen wird. Rom hatte am 9. März weitgehende Einschränkungen des öffentlichen Lebens ausgerufen. Zwei Wochen später entschied Ministerpräsident Giuseppe Conte dann, dass für das öffentliche Leben nicht essentielle Werke bis zum 3. April geschlossen bleiben müssten. Seither stehen die Bänder in der Autoindustrie still, und auch die Fertigung von Textilien und Möbeln ruht in Italien.

Italienische Manager werden ungeduldig

Die Schließungen wurden vor kurzem bis zum 13. April verlängert. Möglicherweise könnte der Shutdown noch bis Anfang Mai dauern, glauben Beobachter. Die Wirtschaft verliert allmählich die Geduld. Viele Firmen plagen Existenznöte: "Wie soll ich Löhne zahlen, wenn ich kein Geld verdiene? Und wie kann ich meine amerikanischen Kunden halten, wenn ich Vertragskonditionen nicht mehr erfüllen kann", fragt sich Managerin Giulia Svegliado aus Padua. Sie leitet den Isolierplattenhersteller Celenit mit 50 Angestellten. Noch größer als das Risiko, sich am Arbeitsplatz anzustecken, sei doch die Gefahr, aus dem Markt gedrängt zu werden, meint Svegliado.

Soldaten mit Mundschutz auf dem Domplatz in Mailand

Corona in Italien. | Bildquelle: picture alliance / C. Furlan / LaPresse via ZUMA / dpa

"Ich erwarte, dass die Regierung strikte Sicherheitsregeln aufstellt und uns dann die Möglichkeit gibt, wieder an die Arbeit zu gehen", fordert Stefano Ruaro, Gründer der Elektronikfirma Sertech Elettrona in Vicenza. Noch klarer ist der Appell von Cesare Mastroianni vom Yacht-Hersteller Absolute in Piacenza. "Wir sagen es den Behörden ganz laut: Beeilt euch!", verlangt er. Es sei schon ein "unberechenbarer Schaden" durch das Herunterfahren der Wirtschaft entstanden.

Das Ausland schaut mit gebanntem Blick auf die anstehenden Entscheidungen in Rom: Sie könnten im besten Fall zur Blaupause werden, wie auch andere Staaten ihre Wirtschaft wieder hochfahren können.

Ifo: Teilschließung der Wirtschaft kostet hunderte Milliarden

In Deutschland werden ebenfalls die Rufe nach einem langsamen Exit aus dem Shutdown immer lauter. Denn mit jedem Tag des wirtschaftlichen Stillstands werden die Folgekosten immer größer. Das Münchener Ifo-Institut hat errechnet, dass eine dreimonatige Teilschließung der deutschen Wirtschaft über 700 Milliarden Euro kosten könnte. Die Wirtschaftsforscher befürchten eine Schrumpfung der deutschen Wirtschaftsleistung um bis zu 20 Prozent in diesem Jahr.

Ifo-Geschäftsklimaindex März 2020 korrigiert 25. 03. 2020

Ifo-Geschäftsklimaindex März 2020. | Bildquelle: ifo, Grafik: boerse.ARD.de

Die Debatte über eine rasche Lockerung der Corona-Beschränkungen hat Private-Equity-Unternehmer und frühere Goldman-Sachs-Manager Alexander Dibelius mit ausgelöst. In einem "Handelsblatt"-Interview sagte er, "der nahezu diskussionslose und mit dem zusätzlichen moralischen Zeigefinger implementierte kollektive Shutdown der Wirtschaft und des Sozialwesens" mache ihm "mehr Angst als diese Virusinfektion". Der akute Absturz der Weltwirtschaft mit all seinen Folgewirkungen sei der weit größere und gefährlichere Stresstest als Covid-19.

Dibelius: Mehr Angst vor Wirtschaftskollaps als vor Virus

Dibelius, der einst als Assistenzarzt anfing und dann Unternehmensberater wurde, fragt sich: "Ist es richtig, dass zehn Prozent der - wirklich bedrohten - Bevölkerung geschont, 90 Prozent samt der gesamten Volkswirtschaft aber extrem behindert werden - mit der unter Umständen dramatischen Konsequenz, dass die Basis unseres allgemeinen Wohlstands massiv und nachhaltig erodiert?" Man müsse abwägen zwischen gesundheitlich optimalem Schutz einer Subgruppe, allgemeinem Wohlstandsversprechen und individuellen Freiheitsrechten. "Zwischen dem Schutz der Gesundheit jedes Einzelnen und dem Schutz der Gesellschaft vor schwersten Rezessionen gibt es einen Interessenkonflikt", meint Dibelius.

Die Äußerungen des Private-Equity-Managers lösten teils heftige Kritik in der Öffentlichkeit aus. "Nächstenliebe ist wichtiger als Geld", entgegneten ihm manche. Gerettete Firmen und Milliarden nützen nichts, wenn die halbe Welt im Krankenhaus liege. Auch Wirtschaftsethiker mahnten, die Rettung von Menschenleben und des BIP nicht gegeneinander aufzuwiegen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung titelte daraus "Geld oder Leben - die Corona-Moral".

Vollbremsung der Wirtschaft unverhältnismäßig!

Ein paar Ökonomen und Unternehmer zeigten aber Verständnis für Dibelius' Äußerungen. "Die erzwungene Vollbremsung der Wirtschaft steht in keinem Verhältnis zum Nutzen der Schutzmaßnahmen", kritisierte Christoph Lütge, Ökonom, Philosoph und Professor für Wirtschaftsethik an der TU München. Das Problem sei doch, dass es derzeit gar keine Abwägung von politischen und ökonomischen Argumenten mehr möglich sei, schließlich herrsche das Primat der Mediziner. Aber: Über einen solchen Stillstand der Wirtschaft könne man jetzt nicht rein unter medizinischen Gesichtspunkten entscheiden.

Von der Politik würden Maßnahmen ergriffen, die auch über das Ziel hinausschießen können, warnte Ökonom Thomas Straubhaar von der Uni Hamburg. "Politische Entscheidungen, die heute Leben retten, können morgen (andere) Leben gefährden", schrieb er in der "Welt". Es gebe das Risiko, "dass eine ganze Gesellschaft, eine ganze Wirtschaft kollabieren kann". Es müsse daher eine "Implosion" verhindert werden, die "enorm viele Menschen an Leib und Leben gefährden würde". Die Alternative wäre für Staubhaar, eine Virusausbreitung in Kauf zu nehmen. Der Schweizer schlug eine kontrollierte Infizierung der breiten Bevölkerung vor.

Warum eine ganze Volkswirtschaft riskieren?

Stefan Knoll, Deutsche Familienversicherung

Stefan Knoll. | Bildquelle: picture alliance / Eventpress

Unmut über den Shutdown kommt auch aus Teilen der Wirtschaft. Die derzeitigen Maßnahmen führen dazu, dass der wirtschaftliche Wohlstand gefährdet werde, monierte unlängst Stefan Knoll, Chef der Deutschen Familienversicherung, die als digitaler Versicherer von der Corona-Krise eher profitieren sollte. Er "verstehe nicht, warum wir eine gesamte Volkswirtschaft riskieren, statt Risikogruppen zu schützen".  Er forderte, dass die wirtschaftliche Prosperität als zentrale Voraussetzung für die Sicherheit bewahrt werden müsse.

Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein

Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein. | Bildquelle: picture alliance/AA, Montage: boerse.ARD.de

In den USA tobt ebenfalls die Moraldebatte - wenn auch nicht so aufgeregt wie in Deutschland. Ex-Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein forderte vor kurzem, die weniger Gefährdeten bald wieder an die Arbeit gehen zu lassen. Auch Wirtschaft und Jobs seien nun mal wichtige Faktoren.

Deutsche würden für Corona-Eindämmung 13 Prozent des BIP opfern

Um das Dilemma zwischen Rettung der Wirtschaft und Rettung von Menschenleben besser abzuwägen, hat Afschin Gandjour, Professor für Health Management an der Frankfurt School of Finance wissenschaftlich ermittelt, wie hoch der Preis für die Abflachung der Ansteckungskurve ist. Seine Modellrechnung ergab, dass die maximale Zahlungsbereitschaft bei 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liege. Ein erfolgreicher Shutdown in Deutschland würde laut Gandjour die Restlebenserwartung um 0,6 Monate erhöhen. Das sind doch versöhnliche Aussichten!

nb