Donald Trump, Theresa May, Matteo Salvini
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Trump, Merkel und May Wie Politiker 2018 Börsenkurse beeinflusst haben

von Julia Hummelsiep und Claudia Wehrle

Stand: 21.12.2018, 10:36 Uhr

Ob Donald Trump, Theresa May oder Mitglieder der neuen italienischen Regierung - sie alle haben in diesem Jahr für viel Gesprächsstoff auf dem Börsenparkett gesorgt. Doch nicht nur das! Es waren Politiker, die mit ihren Worten und Taten Kurse bewegt und Turbulenzen am Devisenmarkt ausgelöst haben. Ein etwas anderer Jahresrückblick.

Januar 2018: Die Stimmung an der Börse: zu gut um wahr zu sein! Viele Volkswirte, aber auch viele Finanzmarktprofis in den Banken – sie alle waren sich sicher: 2018 - Das wird ein gutes Jahr! Im Januar erreichte der Dax ein neues Rekordhoch. Für Holger Bahr, Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der DekaBank, keine Überraschung:

„Letztendlich hat die Weltwirtschaft nach der Lehman-Pleite einen mehr oder weniger ununterbrochenen Aufschwung hingelegt. Und Unternehmen haben am Ende des Tages zur Kenntnis nehmen dürfen, dass man exportieren kann. Und - dass über die Jahre dieses Aufschwungs eben die Beschäftigung sehr stark angestiegen ist, die Löhne angestiegen sind, das heißt fast überall auf der Welt auch der Konsum sehr stabil war. Und vor diesem Hintergrund war das einfach eine sehr, sehr kräftige und stabile Expansion.“


China ist sauer

Donald Trump und Xi Jinping

Donald Trump und Xi Jinping. | Bildquelle: Imago

Mitte März: Lu Khang, Sprecher des chinesischen Außenministeriums, ist sauer: US-Präsident Donald Trump will Strafzölle auf chinesische Produkte in Milliardenhöhe ausweiten. Denn das Handelsbilanzdefizit der beiden größten Volkswirtschaften der Welt, USA und China, ist riesig: Um 375 Milliarden Dollar übersteigen die Einfuhren aus China die Ausfuhren der USA dorthin.

Trump nennt es „das größte Defizit eines Landes in der Geschichte der Welt“. Er will es um mindestens 100 Milliarden Dollar drücken, fordert von China den Abbau Handelsbarrieren und staatliche Subventionen, wirft ihm vor geistiges Eigentum zu stehlen. Die weltweiten Finanzmärkte erzittern. China ist der wichtigste Handelspartner der USA – 2017 mit Handelsvolumen in Höhe von mehr als 600 Milliarden Dollar. Bei einer Wahlkampfrede zu den Kongresswahlen erklärt Trump, wie er sich künftig die Handelsbeziehungen mit China vorstellt.

Strafzölle treten in Kraft

Fairer und – noch wichtiger – wechselseitiger Handel solle es sein. Die Strafzölle treten Anfang Juli in Kraft, auf mehr als 800 Produkte im Umfang von mehr als 30 Milliarden Dollar. China reagiert mit Vergeltungszöllen, vor allem auf  Landwirtschaftsexporte der USA, wie etwa Soja. Der Streit schaukelt sich hoch: Im September verhängt Trump weitere Strafzölle im Umfang von weiteren 200 Milliarden Dollar. China droht mit Vergeltungszöllen.

Die Standpunkte tauschen Trump und sein chinesischer Amtskollege Xi Jinping beim privaten Abendessen während des G-20-Gipfels Anfang Dezember in Argentinien aus, versuchen sich anzunähern. Mit Erfolg – China lässt sich auf die US-Forderungen ein.

Weg mit den Strafzöllen

Das ultimative Ziel sei es, sich zu einigen und die Strafzölle komplett abzubauen, verkündet Gao Feng, Sprecher des chinesischen Handelsministeriums. Doch dann wächst die Sorge vor der Eskalation wieder: In Kanada verhaften die Behörden Meng Wanzhous, Finanzchefin von Huawei, dem weltgrößten Ausrüster für digitale Netzwerke und zweitgrößten Smartphonehersteller. Die USA verlangt die Auslieferung – sie werfen Huawei vor gegen Iran-Sanktionen verstoßen zu haben. Ein Vorwand, meint China – denn es weiß: Der Konzern gilt den USA als Risiko für die nationale Sicherheit.

Die Kurse an den weltweiten Finanzmärkten stürzen nach Mengs Verhaftung in die Tiefe, erholen sich dann, als klar wird: China will deeskalieren, sich an die Zusagen vom G-20-Gipfel halten – seinen Marktzugang erleichtern, Importzölle auf Autos reduzieren und sofort wieder Produkte aus der US-Landwirtschaft importieren. Trump setzt im Gegenzug die nächste Zollerhöhung im Januar aus. Waffenstillstand also, allerdings mit Ultimatum. Bis Ende Februar sollen die USA und China auf einen Handelsvertrag einigen.

Great again

„America First“ und „Make Amerika Great Again“ -  US-Präsident Donald Trump hat ein klares Ziel vor Augen: Er will Amerika groß machen, will die Interessen seines Landes an erste Stelle rücken. Um dieses Ziel zu erreichten, ist ihm fast jedes Mittel recht. Martin Lück schüttelt nur den Kopf über solch eine Herangehensweise. Lück ist Anlagestratege bei Blackrock, dem größten Vermögensverwalter der Welt:

„Ich glaube, den großen Unterschied ein Immobilienunternehmen zu leiten und wirklich auch diese Art mit der Faust auf den Tisch zu hauen und Deals zu machen und der Präsident der größten Volkswirtschaft der Welt zu sein – ich glaube, diesen Unterschied hat er wirklich noch nicht begriffen.“

Erst steigen die Kurse…

Die Börsen haben sehr unterschiedlich auf Trump reagiert. Zunächst sind die Aktienkurse vieler Konzerne gestiegen, unter anderem deshalb, weil der US- Präsident den Unternehmen Steuererleichterungen in großem Stile beschert hat, was sich positiv in den Firmenbilanzen niederschlägt.

… dann steckt der Teufel im Detail

Nur: Die vielen Handelsstreitigkeiten, die Trump angezettelt hat, machen sich inzwischen negativ bemerkbar: Lieferketten werden unterbrochen oder funktionieren weniger reibungslos. Kostenvorteile durch globale Produktionsbedingungen schwinden. Ausgehandelte multilateraler Verträge stehen in Frage. Viele Unternehmer werden zögerlicher, wenn es darum geht in neue Produkte oder neue Werke zu investieren und Arbeitsplätze zu schaffen. Vor allem Trumps Art, seine Partner zu brüskieren, verunsichert. Und: Es beeinflusst das tägliche Geschäft an der Börse, sagt Aktienhändler Stefan Scharffetter von der Baader Bank:

„Also es ist ja so, dass man morgens aufsteht und guckt, was haben die Märkte gemacht. Und das nächste ist, wie ist die aktuelle Nachrichtenlage. Man hat ja jeden Tag mehr oder weniger eine Nachricht aus Amerika, einen neuen Tweet vom Präsidenten, der schlussendlich nichts Gutes ahnen lässt. Die Tonalität nimmt an Aggressivität zu und man ist nicht wirklich davon überzeugt, dass es hier auf Dauer mit der jetzigen Administration in den USA vernünftige Lösungsmöglichkeiten geben wird.“

Eines darf man nicht vergessen: Handelsstreitigkeiten hat es immer gegeben. Sie haben an der Börse oft zu heftigen Turbulenzen geführt, erinnert Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank:

„Und auch die Europäische Union, die sich ja immer so als oberster Freihändler darstellt, ist in der Praxis seit vielen Jahren häufig protektionistisch unterwegs. China ohnehin. Auch die USA mit Abstrichen . Aber diese ganzen Konflikte wurden in der Vergangenheit ja in einem internationalen Regelwerk beigelegt. Und das waren die Regeln der Welthandelsorganisation WTO. Trump kündigt halt diesen Konsens auf. Er möchte sich nicht mehr diesem Regelwerk einer Welthandelsorganisation unterwerfen. Und damit sind diese Handelskonflikte natürlich viel brutaler geworden und eskalieren viel, viel schneller.“

Und das macht Angst.


Krisenherd Türkei

Recep Tayyip Erdogan

Recep Tayyip Erdogan. | Bildquelle: Imago

Noch in der Wahlnacht des 24. Juni ist klar, Recep Tahip Erdogan gewinnt die absolute Mehrheit der Stimmen und auch für seine Partei reicht es – trotz Verlusten: die AKP hält weiter im Bündnis mit der ultrarechte MHP die Mehrheit im Parlament.

Alle Macht für Erdogan

Doch dieses ‚Fest‘ wird aus dem Ausland und von der türkischen Opposition kritisch beäugt, denn die Wahl besiegelt den Schritt der Türkei weg von der parlamentarischen Demokratie hin zum Präsidialsystem. Mit seit dem Putschversuch im Juli 2016 gleichgeschalteten Medien und mehr als 200.000 Festnahmen angeblicher Regierungsgegner…

Seit der Amtseinführung Anfang Juli ist Erdogan nicht nur Staatsoberhaupt, sondern auch Regierungschef – mit weitreichenden Vollmachten. Er ist Oberbefehlshaber des Militärs, darf allein Notstand ausrufen und sogar das Parlament auflösen. Die Türkei ist gespalten in Erdogans Anhänger und seine Gegner…

Schwarzer Freitag für die Lira

Einen Monat später – am 10. August – stürzt die türkische Lira am schwarzen Freitag auf ein historisches Tief. Folge eines Streits mit den USA um den in der Türkei wegen Spionage- und Terrorvorwürfen festgehaltenen US-Pastor Andrew Brunson. Die USA Sanktionen gegen den türkischen Justiz- und Innenminister und verdoppeln die Strafzölle auf türkische Stahl- und Aluminiumexporte. Das türkische Volk verliert das Vertrauen in die eigene Währung.

Leitzins auf 24 Prozent

Die Türkei reagiert mit Sanktionen gegen das Justiz- und Heimatschutzministerium und Strafzölle auf US-Produkte. Die türkische Lira bleibt in der Krise: Im September legt Finanzminister Berat Albayrak ein Wirtschaftsprogramm vor – doch zu wenig Details enttäuschen die Anleger. Die Türkische Zentralbank hebt den Leitzins auf 24 Prozent, zum Ärger von Zinsgegner Erdogan – auch das hilft der Lira nicht. In der politischen Krise wettert Erdogan gegen Washington.

Kuscheln mit Russland

Erdogan setzt auf die Annäherung an Russland – und auch den Iran – als Druckmittel im Kräftemessen mit den USA. Mitte Oktober aber ordnet ein türkisches Gericht die Freilassung Brunsons an, der noch am selben Tag in die USA ausreist. Doch die Krise der Lira bleibt: türkische Unternehmen, Haushalte und der Staat müssen Kredite in Höhe von rund 230 Milliarden Dollar bedienen. Schaffen sie das nicht, kommen Insolvenzen, den Banken geht das Geld aus, die Arbeitslosenzahlen steigen und der Abschwung nimmt seinen Lauf.

Die Türkei hat in diesem Jahr an der Börse für viel Gesprächsstoff gesorgt. Letztendlich hat das alles bloß regionalen Einfluss findet, Jörg Krämer, Chefvolkswirt bei der Commerzbank:

„Ja gut, Erdogan hat nie einen weltwirtschaftlichen Einfluss gehabt. Dafür ist die Türkei einfach nicht wichtig genug. Aber immerhin hat Erdogan dem Land zwischenzeitlich eine Währungskrise beschert, die sich jetzt auch niederschlägt in einer Rezession. Es scheint so zu sein, als habe er verstanden, dass es gefährlich ist, sich in das Handwerk der Notenbank einzumischen, ihr die Instrumente zu verbieten, die hohe Inflation zu bekämpfen. Ich hoffe, er wird das auch im kommenden Jahr verstehen und seinem Land eine weitere Krise zu ersparen. Aber sicher bin ich mir da nicht.“

Die Bedeutung der Türkei-Krise relativiert Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg-Bank:

„Für Europa ist die Türkei wirtschaftlich gesehen von maßvoller Bedeutung. Der aktuelle Rückgang der deutschen Ausfuhren in die Türkei um mehr als 33 Prozent gegenüber Vorjahr zieht ein bisschen von unserem Wirtschaftswachstum ab. Vielleicht 0,2 Prozentpunkte. Das ist unangenehm, ist aber nichts im Vergleich zu den Verlusten, die uns beispielsweise aus den Trumpschen Handelskriegen drohen.“

Und dennoch: Unterschätzen sollte man die Probleme der Türkei, sagt Holger Bahr von der DekaBank. Schließlich spiele das Land geopolitisch eine wichtige Rolle

„Und deshalb muss sich Politik, auch hierzulande, auch hier in Europa mit den Türken auch sehr sehr stark auch künftig ins Benehmen setzen und daran interessiert sein, hier wieder mehr Gesprächsbereitschaft und Kooperationsbereitschaft zu erzielen.“


Sorgenkind Italien

Italien Euro Krise

Italien Krise. | Bildquelle: picture alliance / dpa, Montage: boerse.ARD.de

Die vorgezogenen Parlamentswahlen Anfang März brachten lange kein Regierungsbündnis für Italien: Sogar Neuwahlen standen im Raum. Dann aber, am 1. Juni, ließ Guiseppe Conte, Chef der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung, als Ministerpräsident einer Koalition mit der rechtsextremen Lega-Partei vereidigen.

Sein Ziel: Die teuren Wahlversprechen umsetzen. Doch Italien, die viertgrößte Volkswirtschaft der EU, hatte 2017 einen Schuldenberg von 130 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes – hinter Griechenland die zweithöchste Staatsverschuldung in der EU. Trotzdem will sich Italien 2019 mit 2,4 Prozent der Wirtschaftsleistung neu verschulden – für ein Grundeinkommen, Steuererleichterungen und ein niedrigeres Renteneintrittsalter.

Die schwache Wirtschaft ankurbeln

Damit will die Regierung die seit Jahren kaum wachsende Wirtschaft ankurbeln. Die Neuverschuldung ist dreimal so hoch, wie von der vorangegangen Regierung mit Brüssel vereinbart – und bricht die Regeln des Europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakts. Die Folge: Turbulenzen auf dem Finanzmarkt.

Schlafwandelnd in die Instabilität

‚Mit diesem Haushaltsplan schlafwandle Italien in die Instabilität‘ – Das Maß ist voll: Stets hatte sich die EU-Kommission auf die Sparversprechen der italienischen Regierungen verlassen – doch von Sparen ist nichts mehr zu hören. Stattdessen setzt Vize-Premierminister Matteo Salvini, Chef der rechten Lega-Partei, auf eine Machtprobe mit Brüssel:

'Lasst die italienische Regierung sich um Italien kümmern'  fordert er. Die EU-Kommission reagiert: Am 23. Oktober lehnt sie erstmals den Haushalt eines Mitglieds ab. Drei Wochen gibt sie Italien zur Überarbeitung – nichts passiert. Ende November strebt die EU ein Defizitverfahren an. Und Italiens Regierung bringt ihren Haushaltsplan unverändert durch das Abgeordnetenhaus. In der zweiten Hürde Senat wird er diskutiert. Mitte Dezember dann Bewegung – Conte kündigt einen neuen Haushalt an.

Mit diesem Kompromiss kann die Regierung das Defizitverfahren der EU verhindern. Italiens Regierung lenkt ein, weil der innenpolitische Druck wächst: Italiens Unternehmer sind sauer – Italien steht vor dem Abschwung, das Wirtschaftswachstum bei Null und die steigenden Zinsen für italienische Staatsanleihen kosten das Land Milliarden.

Italien bereitet vielen Händlern an der Börse, aber auch vielen Ökonomen großes Kopfzerbrechen: Zu groß ist Italiens Volkswirtschaft, um von den europäischen Partnern vor einem möglichen finanziellen Kollaps gerettet werden zu können. Börsenhändler Arthur Brunner von der ICF-Bank ist beunruhigt:

„Italien spielt mit dem Feuer. Und ich glaube, das wird der Anfang von Ende dieses europäischen Stabilitätspaktes sein.“

Italien - könnte das ein Auslöser für eine neue Schuldenkrise sein oder gar Auslöser für das Auseinanderbrechen der Eurozone? Ausgeschlossen wäre das nicht. Bleibt die Lage angespannt, wäre das ein echter Belastungstest für die europäische. Für Jörg Krämer von der Commerzbank wird noch etwas ganz anders deutlich:

„Die Wahl der Links- und Rechtspopulisten dort hat noch einmal allen klar gemacht, dass Italien nach wie vor ja – eine latente Gefahr für die Stabilität der Währungsunion ist, dass diese Staatsschuldenkrise eigentlich gar nicht gelöst, sondern nur übertüncht ist durch die lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank.“


Deutschland im Weiter-so-Modus

Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Sitzung des Bundesvorstands der CDU nach der Hessenwahl 2018

Bundeskanzlerin Angela Merkel. | Bildquelle: picture alliance/Kay Nietfeld/dpa

Endlich. Am 14. März, ein halbes Jahr nach der Bundestagswahl im September 2017, hat Deutschland eine neue Regierung. Und wieder eine Große Koalition aus CDU, CSU und SPD. Endlich wieder Sacharbeit in Berlin…? Nein. Die Union streitet um die deutsche Asylpolitik – das eskaliert im Juni.

Heftig ringt Innenminister und CSU-Chef Horst Seehofer mit Kanzlerin Angela Merkel: Er will Flüchtlinge mit bestimmten Voraussetzungen an der deutschen Grenze zurückweisen. Merkel will eine EU-weite Lösung und erreicht sie, zwingt Seehofer zum Kompromiss. Die Zeche: Bei den Landtagswahlen im Oktober in Bayern und Hessen streichen CDU, CSU und SPD historisch miese Ergebnisse ein – über Parteigrenzen hinweg halten alle die Berliner Streithähne für verantwortlich – auch SPD-Chefin Andrea Nahles weist die Schuld von sich:

Am Tag nach der Hessenwahl leitet Merkel dann nach 18 Jahren CDU-Parteivorsitz das Ende ihrer Ära ein und AfD-Chef Alexander Gauland jubelt. Seine Partei hat – genau, wie die Grünen – bei den Wahlen von der Schwäche der Volksparteien profitiert: Die AfD sitzt nun in allen Landtagen der Republik. Merkel will die Union vor der Europawahl im Mai und den anstehenden Landtagswahlen im kommenden Herbst einen, um weitere Erfolge der AfD einzudämmen.

Die CDU wählt auf ihrem Parteitag in Hamburg Anfang Dezember die Merkel-Vertraute Annegret Kramp-Karrenbauer in den Parteivorsitz – ganz knapp allerdings. Sie ist konservativer als Merkel. Doch die Gräben in der CDU sind tief – sie zu schließen wird schwer.

Dass sich Bundeskanzlerin Angela Merkel von der großen politischen Bühne zurückziehen will hat an der Börse nur kurzzeitig für Irritationen gesorgt. Ja – mit ihr geht eine wichtige Europapolitikerin – sagen viele Volkswirte. Aber: Das geschieht nicht von Heute auf Morgen. Es ist vielmehr ein Rückzug auf Raten.


Exit vom Brexit?

Theresa May

Theresa May. | Bildquelle: picture alliance / Stefan Rousseau/PA Wire/dpa

Drei mögliche Szenarien liegen am Anfang des Jahres auf dem Tisch: Brexit mit Masterplan, Brexit im Chaos oder Exit vom Brexit. Wunsch-Szenario ist die erste Variante – dafür wird hart verhandelt: Mitte März einigen sich die EU und Großbritannien auf  eine Übergangsfrist nach dem Brexit-Stichtag am 29. März 2019. Der britische Chef-Unterhändler David Davis glaubt, dass Großbritannien und die EU näher an einem guten Deal sind als jemals zuvor.

Bis Ende 2020 soll sich Großbritannien weiter an alle EU-Regeln halten, und nach wie vor finanziell an der EU beteiligen – allerdings ohne Stimmrecht. Im Gegenzug bleibt es Teil der Zollunion und im EU-Binnenmarkt. Offen bleibt die Frage, wie künftig an der irischen Grenze kontrolliert wird. Damit es zur Übergangsphase kommen kann, muss Großbritannien rechtzeitig einen Vertrag über den geordneten Austritt ratifizieren. Das führt Anfang Juli zur Regierungskrise in London.

Krise in London

Innerhalb von 24 Stunden treten Brexit-Minister David Davis und Außenminister Boris Johnson zurück. Sie sind wütend über die Pläne von Premierministerin Theresa May für eine gemeinsame Freihandelszone zwischen Großbritannien und der EU und den Verbleib in der Zollunion. Davis und Johnson wollen keinen Brexit in Häppchen, damit Großbritannien schnell neue Handelsverträge aushandeln kann. Doch May bleibt auf Kurs: Wenige Tage später legt sie ihr Weißbuch zum ‚weichen‘ Brexit vor.

Das Weißbuch hätte das Ende der Freizügigkeit für EU-Bürger besiegelt. Einer von vielen Gründen weswegen die EU das Weißbuch ablehnt. Beide Seiten verhandeln weiter – bis zum Durchbruch im November – besser gehe es nicht, urteilt der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn.

585 Seiten

Der Vertragstext ist 585 Seiten lang, es geht um die Bedingungen für Übergangsphase, Rechte von EU-Bürgern, finanzielle Verpflichtungen gegenüber der EU und die umstrittene irische Grenze. Auf weiteren 26 Seiten erklären die EU-Staats- und Regierungschefs ihre Ziele für die Beziehungen mit London nach Übergangsphase: ‚tief‘ und ‚ehrgeizig‘ soll es wirtschaftlich und politisch werden. Für May hagelt es Kritik – nur mit Murren geht er durchs Kabinett. Und wieder treten Mitglieder der Regierungsmannschaft zurück. May beschwört das britische Unterhaus - doch es gibt keine Mehrheit für den Deal.

May verschiebt die Abstimmung im britischen Unterhaus – spätestens bis zum 21. Januar. Ihre eigene Fraktion initiiert ein Misstrauensvotum – May übersteht es. Die EU-Kommissionspräsident Jean Claude Juncker sichert May Hilfe zu, um den Austrittsvertrag zu erreichen – erklärt aber immer wieder, es werde nicht mehr nachverhandelt.

Und so liegen am Ende des Jahres drei mögliche Szenarien auf dem Tisch: der Brexit mit Masterplan, der Brexit im Chaos oder der Exit vom Brexit.

Schon jetzt hat das britische Pfund deutlich an Wert verloren. Die Wirtschaft schwächelt. Und das dürfte noch weitergehen. Die beiden Volkswirte Jörg Krämer von der Commerzbank und Carsten Brzeski von der INGDiba fürchten: Ein ungeordneter Brexit würde unweigerlich zu einer Rezession in Großbritannien führen und zu einem gewaltigen wirtschaftlichen Dämpfer – auch hier in Kontinentaleuropa.

„Deshalb setze ich darauf, dass es irgendeine Lösung gibt – sei es Neuwahlen, oder sei es, ja, eine neue Volksabstimmung. Ich hoffe und glaube, dass der ungeordnete Brexit nicht das wahrscheinlichste ist. Aber er ist nicht auszuschließen. Und die Märkte werden weiter sich davor fürchten.“

„Ich denke, dass das viel schwierige ist, als die ganzen Brexiteers sich das vorgestellt hatten. Und natürlich ist Europa eng verwoben. Die große Frage wird sein – und ich denke, dass das immer noch nicht genug eingepreist ist an den Finanzmärkten, dass es durchaus zu einem harten Brexit kommen könnte.“


Noch läuft es rund, aber…

Auf und Ab im Dax

Auf und Ab im Dax. | Bildquelle: colourbox.de, Montage: boerse.ARD.de

Dezember 2018: Wirtschaftlich gesehen läuft es hierzulande immer noch rund. Viele Menschen haben einen Job. Unternehmen haben sogar Probleme, ihre Aufträge abzuarbeiten, weil ihnen dazu die nötigen Fachkräfte fehlen. Und dennoch: Vom Optimismus zu Jahresbeginn ist an der Börse nichts mehr übrig. Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg-Bank, erklärt das so:

„Es war eine Vielzahl von externen Schocks von außen, bzw. von politischen Krisen, die die Stimmung im Lauf des Jahres 2018 immer mehr eingetrübt hat. Und die zum Jahresende 2018 auch in den Konjunkturdaten deutlich negativ sichtbar wurden.“

Die EU-Kommission und viele führende Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Wirtschaftsprognosen nach unten korrigiert. Auch die Bundesregierung sieht skeptischer in die Zukunft. Holger Bahr von der DekaBank:

„Ob es Handelsstreitigkeiten USA- China sind, plus die Frage, wie sich die neue Regierung in Italien gegenüber der EU und den Institutionen und den europäischen Regeln verhält, ob der konfrontative Kurs, der letztendlich auch hinter der Brexit-Entscheidung der Briten steckt, all diese Facetten dann doch überhand nehmen und so geht die Stimmung zurück. Und so gehen Gewinnerwartungen von Unternehmen zurück. Und so hat am Ende des Tages auch der DAX hinreichend gelitten.“

Schwankungen beim DAX von 200 oder 300 Punkten am Tag sind mittlerweile keine Seltenheit mehr. Im Prinzip kennt der deutsche Aktienindex seit Monaten nur eine Richtung – nach unten. Für Jörg Krämer, Chefvolkswirt bei der Commerzbank, hat sich in den vergangenen Monaten einiges ganz grundlegend geändert:

„Es war schon ein ungewöhnliches Jahr, weil sehr viel an Normalität in Frage gestellt worden ist. Und damit meine ich den Handelskrieg. Das Infragestellen der Globalisierung, der internationalen Arbeitsteilung. Das hat es in den letzten 20/ 30 Jahren nicht gegeben, zumindest nicht von Seiten der Amerikaner.“

Auch auf politischer Ebene werden die Karten neu gemischt: Dazu gehört nicht nur der erbitterte Kampf der Amerikaner und Chinesen um ihre Vormachtstellung und ihren Einfluss auf das weltweite Handelsgeschehen. Auch die Europäer sind dabei, sich neu zu sortieren:

„Frankreich macht mir Sorgen, das muss ich sagen. Der Reformpräsident Macron ist faktisch gescheitert, eingeknickt vor der Gewalt der Straße.“

Mittlerweile bestimmen in vielen Ländern extreme Nationalisten den politischen Kurs oder sie nehmen zumindest Einfluss. Mit Bundeskanzlerin Angela Merkel wird in absehbarer Zeit eine Frau die politische Bühne verlassen, die international großen Einfluss hatte. Und wir dürfen Großbritannien nicht vergessen, sagt die Volkswirtin Gabriele Widmann von der DekaBank.

„Dass ein großes Land die europäische Union verlassen will, und dieser Prozess dann auch noch so unkoordiniert, so unsicher verläuft – das ist etwas, was mich als Europäerin dann wieder etwas zweifeln lässt an dem großen Projekt Europa.“

Carsten Brzeski, Chefvolkswirt bei der INGDiBa:

„Die größte Herausforderung für das Jahr 2019 wird sein, die gleichen politischen Risiken, die wir 2018 hatten, nicht eskalieren zu lassen. Die so zu managen, was durchaus möglich ist, dass es wirklich zu positiven Auswirkungen kommt, dass es zu einem positiven Ende der verschiedensten politischen Risiken kommt.“

Holger Schmieding, Chefvolkswirt bei der Berenberg-Bank:

„Da Trump ja wiedergewählt werden möchte 2020, möchte er eine Wirtschaftsschwäche in den USA nun doch nicht riskieren. Ich glaube also, dass Trump 2019 gezwungen sein wird, letztlich mehr Rücksicht auf die Wirtschaft zu nehmen, auf die wirtschaftliche Entwicklung, und dass er deshalb lieber einige Abkommen mit China und Europa schließt, statt seinen kostspieligen Handelskrieg immer weiter und weiter und weiter zu treiben.“

Aktienhändler Stefan Scharffetter:

„Wichtig wird die Europawahl nächstes Jahr. Denn wenn die antieuropäischen Kräfte dann auch noch im Europaparlament unter Umständen Zugriff haben oder Mehrheiten haben und von innen heraus, also vom EU-Parlament, von innen heraus, das europäische Projekt torpedieren können, das macht einen nicht hoffnungsfroh.“

Also: An den Finanzmärkten keine Partystimmung im neuen Jahr.