Weizenernte

Jahrhundertsommer Wie die Dürre die Inflation treibt

von von Angela Göpfert

Stand: 30.08.2018, 06:45 Uhr

Das extrem heiße und trockene Sommerwetter führt weltweit zu massiven Ausfällen bei der Weizenernte. Brot und Brötchen könnten schon bald teurer werden. Sind höhere Inflationsraten jetzt unausweichlich?

Weizen mag ein gemäßigtes Klima. Nur Maß halten, das konnte dieser Sommer nicht. Laut dem Erntebericht der Bundesregierung liegt die Winterweizen-Ernte in diesem Jahr mit 19,5 Millionen Tonnen 19 Prozent unter dem Vorjahreswert. Sie fällt damit so schlecht aus wie seit dem Trockenjahr 2003 nicht mehr.

Auch in den europäischen Nachbarländern, den USA und Australien wird wegen der Dürre mit massiven Ernteeinbußen gerechnet. Und jetzt droht auch noch Russland, ein Schlüsselland der weltweiten Getreideversorgung, auszufallen.

Wegen der anhaltenden Dürre in den russischen Anbaugebieten dürfte die Getreideernte womöglich nur 70 bis 75 Millionen Tonnen betragen, womit nur noch der Inlandsverbrauch gedeckt werden könnte, warnte jüngst Vize-Agrarminister Alexandr Tschernogorow.

Die Ruhe vor dem nächsten Sturm?

Die Folgen der Dürre machen sich an den internationalen Rohstoffbörsen direkt bemerkbar: Binnen weniger Wochen stieg der Weizenpreis für die Lieferung im Dezember um rund 20 Prozent.

Weizenpreis (Dezember-2018-Future)

Volatiler Weizen-Handel . | Bildquelle: CME Group, Grafik: boerse.ARD.de

Doch zuletzt hat sich die Lage am Weizenmarkt wieder deutlich entspannt: Für ein den Scheffel (Bushel, etwa 27 Kilogramm) Weizen waren zuletzt an der Chicagoer Terminbörse gut fünf Dollar fällig – das ist der tiefste Stand seit einem Monat.

Rohstoffanalysten sehen darin vorwiegend technische Verkäufe nach dem rasanten Anstieg der vergangenen Wochen. Eine Atempause, mehr nicht.

Brot und Brötchen bald teurer

Brot und verschiedene Brötchen

Für Brot und Brötchen müssen Kunden bald womöglich tiefer in die Tasche langen . | Bildquelle: picture alliance / Bildagentur-online/Yay

Ökonomen sind sicher daher sicher: Mittelfristig werden auch die Verbraucher den hohen Weizenpreis zu spüren bekommen – in Form höherer Preise für Brot und Brötchen.

"Wenn der Mehlpreis steigt, muss das an den Verbraucher weitergegeben", sagt etwa Stefan Körber, Geschäftsführer des Hessischen Bäckereiinnungsverbandes.

Für den deutschen Verbraucher hatte sich der Preisauftrieb bei Nahrungsmitteln in den letzten Monaten deutlich beruhigt, nachdem er 2017 noch ein Inflationstreiber gewesen war: Im Vorjahr waren die Nahrungsmittelpreise um 2,7 Prozent gestiegen, die Gesamtinflationsrate betrug 1,7 Prozent.

Kein Grund zur Sorge?

Noch dürfte den Verbrauchern allerdings eine kleine Atempause vergönnt sein, da sich die Teuerung für andere Lebensmittel dieses Jahr in Grenzen hält. "In den kommenden Monaten dürfte die Preisentwicklung eher verhalten bleiben, angesichts teilweise sehr ergiebiger Obsternten und rückläufiger Teuerung bei Milchprodukten", unterstreicht der Ökonom Stefan Schneider, Chefvolkswirt Deutschland der Deutschen Bank, in einer aktuellen Studie.

Verbrauchsausgaben privater Haushalte

Verbrauchsausgaben privater Haushalte. | Bildquelle: Statistisches Bundesamt, Grafik: boerse.ARD.de

Trotzdem dürften die Nahrungsmittelpreise wohl spätestens im kommenden Jahr wieder anziehen. Doch selbst in einem extremen Szenario mit einem Plus von sechs Prozent würde die Inflationsrate insgesamt nicht über 2,25 Prozent steigen. Alarmismus scheint daher unangebracht.

"Gefühlte Inflation"

Nahrungsmittel haben an der deutschen Inflationsrate lediglich ein Gewicht von 9,8 Prozent. Doch mit Blick auf die "gefühlte Inflation" haben die Lebensmittelpreise eine weitaus größere Bedeutung. Denn Preisveränderungen bei Produkten des täglichen Bedarfs nehmen die meisten Konsumenten deutlich stärker wahr als Preisveränderungen bei langlebigen Gütern wie Autos oder technischen Geräten. Um zu messen, wie sehr die persönliche Inflationsrate von der amtlichen abweicht, hat das Statistische Bundesamt einen "persönlichen Inflationsrechner" ins Netz gestellt.

Ölpreis als Damoklesschwert

Richtig schmerzhaft für die Verbraucher würde es erst, wenn auch die Energiepreise massiv steigen und/oder der Euro/Dollar-Kurs deutlich fällt. Doch diese Faktoren vorherzusehen ist noch schwieriger als die Prognose von Nahrungsmittelpreisen.

Fakt ist nur: Ab einem Ölpreis von 100 Dollar je Barrel wird die Produktion von Ethanol-Kraftstoff aus Weizen und Mais ökonomisch sinnvoll. Ein steigender Ölpreis würde daher das Angebot für Lebensmittelgetreide drücken – und so die Preise für Brot und Backwaren noch weiter in die Höhe treiben.