Wissenschaft

World Trade Center New York

Der etwas andere Finanzkrisen-Indikator Wenn Märkte und Häuser zu hoch hinaus wollen

von von Angela Göpfert

Stand: 08.12.2015, 12:38 Uhr

Schon seit dem Turmbau zu Babel wurde der Bau hoher Türme mit menschlicher Überheblichkeit assoziiert. Tatsächlich ging der Baustart von Wolkenkratzern häufig dem Ausbruch von Finanz- und Wirtschaftskrisen voraus.

Herausgefunden hat dies Andrew Lawrence 1999, damals wissenschaftlicher Direktor der britischen Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein. Er begründete den so genannten "Wolkenkratzer-Index".

Demnach werden die größten Investitionen in Wolkenkratzer immer auf dem Höhepunkt eines Konjunkturzyklus getätigt – und sind damit ein hervorragender Indikator für den folgenden wirtschaftlichen Niedergang.

Wenn Optimismus nicht gut ist

Doch woher rührt dieser Zusammenhang? Für den Ökonomen Gunter Löffler von der Universität Ulm ist die Sache klar: Laut seinem erst jüngst aktualisierten Paper "Tower Building and Stock Market Returns" sind beide Phänomene – Finanzkrisen einerseits, Rekordbauten andererseits – Folge eines zu hohen Optimismus.

Zunächst fällt in Zeiten eines solchen "Über-Optimismus" wegen der niedrigeren Risikoaversion der Anleger und Banker die Finanzierung solcher Giga-Projekte, wie es Wolkenkratzer nun einmal sind, wesentlich leichter.

Bestes Beispiel: Dotcom-Blase

Dass ein zu hoher Optimismus für Anleger wiederum stets ein Warnsignal sein sollte, ist zudem auch Vertretern anderer ökonomischer Strömungen wohlbekannt. So nutzen viele Investoren so genannte "Sentiment"-Daten über die Marktstimmung als Kontraindikator.

Bestes Beispiel: Auf dem Höhepunkt der Technologieblase, im Januar 2000, waren 75 Prozent der amerikanischen Privatanleger bullish gestimmt. Kurz darauf platzte die Dotcom-Blase.

Nicht ganz von der Hand zu weisen

Kritiker der Wolkenkratzer-Theorie mögen einwenden, dass dieser Indikator nicht immer funktioniert hat. So gingen beispielsweise den Rezessionen von 1937 und Anfang der 1980er Jahre keine Rekordbauten voraus.

Der Bau eines neuen rekordhohen Gebäudes ist also ganz offensichtlich keine notwendige Bedingung für die Entstehung einer Finanzkrise. Führt man sich andererseits die vielen historischen Beispiele vor Augen, so zuckt man bei Jubelmeldungen über den Baustart des neuen höchsten Gebäudes der Welt doch irgendwie zusammen.

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Wolkenkratzer und Finanzkrisen – eine düstere Liaison So hoch, so unheilbringend?

Computeranimation Kingdom Tower

Jeddah Tower
Zurzeit entsteht im Norden von Dschidda an der Westküste Saudi-Arabiens der Jeddah Tower, früher bekannt als Kingdom Tower. Der wie der Burj Khalifa vom amerikanischen Stararchitekten Adrian Smith entworfene Mega-Wolkenkratzer soll mit 1.007 Metern das höchste Gebäude der Welt werden. Mit seiner Fertigstellung wird 2021 gerechnet. Auftraggeber des Projekts ist die Kingdom Holding Company, die zu 94 Prozent dem Milliardär Prinz al-Walid ibn Talal gehört.

Dabei ist der Jeddah Tower nur eines von mehreren saudi-arabischen Rekordprojekten. 2019 glückte der Erdölfördergesellschaft Saudi-Aramco der größte Börsengang der Geschichte. Kommt Hochmut auch hier vor dem Fall?