Die Euro-Zone bröckelt

Korrektiv Kapitalmarkt Wenn die Politik es nicht schafft

Stand: 26.11.2018, 15:46 Uhr

Ob Brexit oder italienische Haushaltskrise, die politischen Fronten scheinen verhärtet. Einlenken will niemand wirklich. In dieser Lage könnte der Kapitalmarkt die Beteiligten vor vollendete Tatsachen stellen und damit zum Handeln zwingen.

Theresa May

Theresa May. | Bildquelle: picture alliance / empics

Politische Börsen haben kurze Beine - diese alte Börsenweisheit scheint bei den aktuellen Problemen in Europa nicht zu greifen. Obwohl so mancher Investor sich wohl nichts sehnlicher wünschen würde. Aber weder sieht es nach einer Mehrheit für den Brexitvertrag von Theresa May im britischen Parlament aus, noch bewegt sich die populistische Regierung in Italien wirklich in Richtung der von der EU-Kommission geforderten Schulden-Nachbesserung des Haushaltsentwurfs.

Beide Themen sorgen schon lange für Verunsicherung und lasten auf den Kapitalmärkten, an denen die Zahlen eine deutliche Sprache sprechen. Ein bedrohliches Szenario sowohl für Großbritannien als auch Italien baut sich dort auf und könnte sich bei anhaltender Verweigerung der Politik zum Sturm ausweiten. Was die Politik also nicht schafft (oder schaffen will), könnten die Märkte somit erzwingen.

Beispiel Großbritannien: Der weitere Pfund-Absturz droht

Bereits nach dem Brexit-Votum 2016 hat der Abstieg des Pfund Sterling eingesetzt. Das überraschende Austrittsvotum ist der traditionsreichen Landeswährung bisher nicht gut bekommen. Seitdem hat sie gegenüber dem Dollar und dem Euro rund 13 Prozent an Wert verloren.

Was den exportorientierten Unternehmen zwar zugute kommt, umgekehrt aber die Importe für Großbritannien sehr viel teurer macht. Damit steigt die Gefahr einer importierten Inflation, gegen die die Bank of England dann mit höheren Zinsen ins Feld ziehen müsste. Ein Szenario, das am Aktienmarkt mit Sicherheit nicht gut ankommen würde.

Wird der Vertrag mit der EU auf der Sitzung am 12. Dezember abgelehnt, droht bekanntlich ein ungeregelter Austritt des Landes aus der EU am 29. März 2019 mit allen Risiken, vor denen gerade Wirtschaftsverbände und Banken immer wieder vehement warnen.

Noch nicht schockierend genug

"Der Druck, die Sache endlich zu erledigen, könnte Zweifler zum Umdenken bewegen", sagt Neil Wilson, Chef-Analyst des Online-Brokers Markets.com. Ohne einen deutlichen Kursrutsch an der Börse sei dies allerdings nicht zu erwarten, widerspricht Robin Marshall, Anleihe-Chef beim Vermögensverwalter Smith & Williamson. Ein kurzfristiger Absturz des Pfund Sterling und des Aktienindex FTSE von fünf bis sieben Prozent könnte aus seiner Sicht aber Bewegung in die Diskussion bringen.

Salman Ahmed, Chefanleger der Privatbank Lombard Odier in London, verweist auf das Beispiel Griechenland. Dort half seinerzeit besonders der Kursverfall der Finanzwerte, Ministerpräsident Tsipras zum Umdenken zu bewegen. "In Großbritannien sehe ich das noch nicht, da die Entwicklung noch nicht schockierend genug ist."

Italien im Würgegriff der Schulden

Apropos Griechenland: Der Kapitalmarktbezug zur Lage in Italien ist offensichtlich. Der Beschluss der Regierung, mit dem neuen Haushalt bewusst gegen die Neuverschuldungskriterien der EU zu verstoßen, ist nicht nur ein Affront den anderen EU-Staaten gegenüber, sondern hat auch den Kapitalmarkt schon alarmiert. Die Angst vor einer Eurokrise 2.0 geht seitdem um, denn Italien sitzt auf einem Schuldenberg von rund 130 Prozent des BIP.

Und auch in Italien drohen wie seinerzeit in Griechenland die Banken in Schwierigkeiten zu kommen, die auf hohen Beständen an Staatsanleihen sowie fauler Kredite sitzen. "Der italienische Bankenmarkt kommt nicht zur Ruhe. Insbesondere die weiterhin hohen Bestände an heimischen Staatsanleihen ... sorgen für Unsicherheit", sagt DZ-Bank-Chefvolkswirt Stefan Bielmeier.

Die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen sind in der Spitze schon bis auf 3,7 Prozent gestiegen. Das sind Höhen, die sich das Land streng genommen nicht leisten kann. Zudem droht eine Strafe durch die EU von 3,4 Milliarden Euro im Rahmen des eingeleiteten Defizitverfahrens der EU-Kommission. Ein Teufelskreis, aus dem das Land nicht herauskommen dürfte, auch wenn die Ratingagenturen bisher noch eine Schonfrist gewähren.

Erzwingt der Kapitalmarkt aber auch im Falle Italiens ein Einlenken der Politiker? Immerhin signalisiert die italienische Regierung ein Entgegenkommen. Nach Insiderberichten bietet Rom eine Reduzierung der Neuverschuldung von bisher geplant 2,4 Prozent auf 2,0 bis 2,1 Prozent. Das ist zumindest nicht mehr die mit harter Rhetorik gegen Europa vertretene bisherige Maximalposition. Die neue Tonlage wird denn auch aus Brüssel begrüßt. Wie auch am Kapitalmarkt: Die Rendite der zehnjährigen Anleihen fällt auf rund 3,2 Prozent.

rm