Industriebrache

Rekordeinbruch der deutschen Produktion Was für eine Horrorshow

Stand: 07.05.2020, 10:15 Uhr

Die Ökonomen sind entsetzt: Im März ist die Industrieproduktion in Deutschland, einschließlich Bau und Energie, um über neun Prozent eingebrochen, soviel wie seit Jahrzehnten nicht. In Frankreich sieht es noch schlimmer aus. Und die Krise ist nicht vorbei.

Wie das Statistische Bundesamt am Morgen mitteilte, sackte die Produktion im Verarbeitenden Gewerbe Deutschlands im März im Monatsvergleich um 9,2 Prozent ab. Dies sei der stärkste Rückgang seit Beginn der Zeitreihe im Januar 1991. Volkswirte hatten im Schnitt mit einem Rückgang um 7,4 Prozent gerechnet. Im Februar war es laut den revidierten Zahlen im produzierenden Gewerbe noch leicht um 0,3 Prozent aufwärts gegangen.

Im Vergleich zum Vorjahresmonat ist der Einbruch mit 11,6 Prozent sogar noch stärker. Besonders heftig hat es die Autoindustrie getroffen, hier ist die Produktion um fast ein Drittel im Vergleich zum Vormonat gesunken.

Auch die Aufträge fallen in Rekordgeschwindigkeit

Doch auch in der Druck- und Bekleidungsindustrie sowie bei pharmazeutischen Erzeugnissen und Investitionsgütern ließ die Produktion um zweistellige Prozentzahlen nach. Nur das Baugewerbe konnte leicht zulegen. Da ist es ein schwacher Trost, dass der Rückgang auf das Gesamtquartal betrachtet nicht ganz so drastisch ausfällt: Wegen des guten Jahresauftakts sank die Produktion in den ersten drei Monaten des Jahres lediglich um 1,2 Prozent.

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Sorge bereitet der rekordverdächtige Einbruch der Aufträge: Sie sanken im März um 15,6 Prozent zum Vormonat. Die Industriebetriebe erwarten daher einen noch nie dagewesenen Rückgang ihrer Produktion. Das entsprechende Ifo-Barometer für die kommenden drei Monate stürzte im April um 30 Zähler auf minus 51,4 Punkte. Das ist der tiefste Punkt seit der Wiedervereinigung. "Das Tal der Produktion wird immer tiefer", sagte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe dazu.

Noch schlimmerer Einbruch in Frankreich

In Frankreich sieht es sogar noch düsterer aus. Dort ist die Industrieproduktion im März gegenüber dem Vormonat um 16,2 Prozent gesunken, deutlich stärker als das erwartete Minus von 13,4 Prozent. Im Jahresvergleich belief sich das Minus sogar auf 17,3 Prozent.

Die Volkswirte sind entsetzt. "Vorhang auf für die Horrorshow", sagte DekaBank-Ökonom Andreas Scheuerle. "Produktionsstopps auf der einen Seite und eine kollabierte Nachfrage im In- und Ausland auf der anderen Seite erschütterten die deutsche Industrie in noch nie dagewesenem Umfang. Und das war erst der Beginn."

Das Schlimmste kommt erst noch

Das sieht auch das Bundeswirtschaftsministerium so, das eine noch schlimmere Entwicklung erwartet: "Es ist von einem nochmals deutlich stärkeren Produktionseinbruch im April auszugehen." Auch Martin Moryson, Chefvolkswirt Europa bei der Fondsgesellschaft DWS, erwartet, dass das Schlimmste erst noch kommt.

Er rechnet im April mit einem Einbruch der Industrieproduktion um rund ein Drittel, weil sich dann erst das gesamte Ausmaß des Lockdowns zeigen werde. Besonders betroffen ist wieder einmal die Autoindustrie. Laut den Daten des deutschen Automobilverbandes, der schon seine Aprildaten veröffentlicht hat, ging die Pkw-Produktion im April um 97 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück.

"Nach vorne schauen"

Da auch die Dienstleister unter den Corona-bedingten Geschäftsschließungen leiden, sagt die EU-Kommission Europas größter Volkswirtschaft den stärksten Konjunktureinbruch der Nachkriegszeit voraus: Das Bruttoinlandsprodukt soll in diesem Jahr um 6,5 Prozent einbrechen - im günstigsten Fall.

Doch es gibt auch optimistische Stimmen. "Jetzt heißt es, nach vorne zu schauen", sagte LBBW-Ökonom Jens-Oliver Niklasch. "In den letzten Wochen hat ja insbesondere die Automobilindustrie die Produktion wieder angefahren." Das werde auch anderen Branchen helfen. Es komme jetzt darauf an, den gesamten Wirtschaftskreislauf möglichst zügig und umfassend zu reanimieren.

lg